Review

Früh- und Spätwerk

Nachdem wir uns kürzlich mit Joe Hills „Schiff der lebenden Toten“ – ausnahmsweise – einem anderen Lovecraft-Inspirierten zugewandt hatten, richtet sich der Blick nun wieder auf Mangaka Gou Tanabe. Der hat es sich offenkundig zur persönlichen Aufgabe gemacht, das gesamte Lovecraftsche Werk in überwältigenden Bildern fassbar zu machen und aufzubereiten (zuletzt: „H.P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns 2“).

Mit der vorliegenden Ausgabe „H.P. Lovecrafts Der leuchtende Trapezoeder“ hat sich der begnadete Zeichner augenscheinlich ein ganz besonderes Konzept überlegt. Denn einerseits adaptiert Gou Tanabe hier die Kurzgeschichte „Dagon“ aus dem Jahr 1917, eines der ersten Werke des erwachsenen Lovecraft; und andererseits ist die Adaption zum titelgebenden Werk „Der leuchtende Trapezoeder“ (Originaltitel: The Haunter of the Dark) mitumfasst, welches gleichermaßen die letzte abgeschlossene Erzählung Lovecrafts darstellt.

Wie gut diese Kombination passt und welche Verbindungslinien es zwischen frühen und späten Texten gibt, verraten wir euch hier.

Etwas Unheilvolles am Horizont

In der ersten traumartigen Geschichte über Orientierungslosigkeit und Einsamkeit verfolgen wir einen Mann, dem zunächst die Flucht aus der Gefangenschaft von einem deutschen Kriegsschiff gelingt, dem dann allerdings Unglaubliches widerfährt. Eines Nachts verändert sich urplötzlich die Umgebung. Das Meer ist wie ausgetrocknet und der Boden ist mit einer schwarzen Masse übersät; in der Luft hängt ein unerträglicher Gestank. Der Erzähler taumelt – bei gleißender Sonne – verwirrt umher, bis er schließlich eine tiefe Schlucht und vor allem einen merkwürdigen Monolithen entdeckt. Unter hinter ihm erhebt sich plötzlich eine Kreatur: Der Fischgott Dagon.

„Der leuchtende Trapezoeder“ aus dem Jahr 1935 ist eine Erwiderung Lovecrafts auf eine Erzählung Robert Blochs, in welcher ein namenloser Erzähler vom Tod Robert Blakes [sic!] berichtet. Der Schriftsteller Robert Blake ist nach Providence gezogen, um die Vorzüge der Zurückgezogenheit zu genießen. Und tatsächlich sprudelt dessen Kreativität und Schaffenslust geradezu über. Doch von seinen Gemächern aus blickt er unmittelbar auf ein verlassenes schwarzes Kirchengemäuer, das ihm keine Ruhe lässt. Blake will alles über das Geheimnis des düsteren Gebäudes herausfinden und dieses zum Gegenstand seiner künstlerischen Arbeit machen. Die Einheimischen fürchten hingegen das finstere Gotteshaus; und schon bald soll der Künstler am eigenen Leibe erfahren, warum.

Wieder ein Triumph

Leseprobe aus „H.P. Lovecrafts Der leuchtende Trapezoeder“. (Copyright: Carlsen Manga)

Sowohl die frühe als auch die späte Erzählung Lovecrafts widmet sich einer düsteren Kreatur, die den jeweiligen Protagonisten das Fürchten lehrt. Doch während der Verlorene im schleimigen Sumpfland von Beginn an ehrfürchtig und angsterfüllt ist, ist Robert Blake zunächst von der Gefahr vollkommen fasziniert.

Beide Schauergeschichten verhandeln – wie bereits gewohnt – die Angst vor dem Unbekannten und Bedrohlichen. In der ersten ist hingegen blankes Entsetzen die unmittelbare Reaktion auf das, was der menschliche Verstand nicht zu fassen vermag; in der letzten abgeschlossenen Erzählung ist es der überhebliche Mensch, dem erst von einem grauenvollen Wesen seine Grenzen aufgezeigt werden müssen. Wer mag, kann anhand dieser Auswahl der Geschichten – ein Stück weit – die Schaffensphasen Lovecrafts nachvollziehen, dessen Faszination für übernatürliche Horrorgeschichten im Laufe der Zeit immer größer geworden ist.

Der Manga von Gou Tanabe ist – vor allem in visueller Hinsicht – wieder über jeden Zweifel erhaben. Die einzelnen Geschichten sind angemessen schaurig und beklemmend inszeniert, die Wesen und Umgebungen sind ungemein detailbesessen, und die Bildkompositionen sind großartig.

Fazit

Wer ein Herz für Manga und/oder Horrorliteratur hat und diese Reihe von Gou Tanabe noch nicht liest, der sollte nunmehr ganz dringend sein Herz hierfür öffnen – das Herz wird es ihm danken.


H.P. Lovecrafts Der leuchtende Trapezoeder

Inhalt

Robert Blake entdeckt in Providence ein verlassenes Kirchengemäuer. Trotz vieler Warnungen siegt seine Neugier und er versucht mehr über das Geheimnis des düsteren Gebäudes herauszufinden. Nach der Entdeckung eines schwach glimmenden Trapezoeders im Turmzimmer fühlt er, wie sich ihm langsam aber sicher etwas Unheilvolles nähert…

(Quelle: Carlsen)

Details

Format: Softcover
Veröffentlichung: 01.02.2021
Seitenzahl: 168
ISBN: 978-3-551-72829-6
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)