Review

Künstler Gou Tanabe erlangte große internationale Bekanntheit durch seine Manga-Adaptionen und Deutungen großer literarischer Vorlagen – insbesondere des Werkes von H. P. Lovecraft.

Die bisherigen Inszenierungen des Lovecraft’schen Œuvres haben es bereits auf Platz 5 unserer Comic-Highlights des Jahres 2020 geschafft („H.P. Lovecrafts Der Hund und andere Geschichten“, „H.P. Lovecrafts Die Farbe aus dem All“, „H.P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns 1“).

Und nun folgt auf weiteren rund 340 Seiten die Fortsetzung der Manga-Version des Kurzromans „At the Mountains of Madness“ – und zwar: „H.P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns 2“.

Das menschliche Fassungsvermögen übersteigend

All diejenigen, die glauben, der Mensch sei das höchste Geschöpf auf unserem Planeten, frage ich… Wer kann sicher behaupten… dass in den Tiefen der Erde, wo noch nie ein Mensch gewesen ist… nicht Etwas überlebt hat, das vor Äonen aus dem Kosmos kam? Ich jedenfalls bekomme die Worte des Wahnsinns nicht mehr aus meinem Kopf… Tekeli-li! Tekeli-li!

William Dyer, Geologe an der fiktiven Miskatonic-Universität
in „H.P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns 2“, Carlsen

Im ersten Band haben wir eine Gruppe Wissenschaftler auf einer Expedition in die Antarktis begleitet. Unter der Führung des Biologen Lake wurde in diesem Rahmen eine Subexpedition unternommen, nachdem man unbekanntes organisches Material im ewigen Eis gefunden hatte. Die Vernunft musste sich dem wissenschaftlichen Forschungsdrang unterordnen – mit gravierenden Auswirkungen. In einem mysteriösen tiefschwarzen Gebirge entdeckten Lake und seine Mannschaft weitere Fossilien. Nachdem die Nachricht Professor Dyer und das übrige Forschungsteam erreicht hatte, brach jedoch der Funkkontakt ab.

Ein Suchtrupp um Dyer findet anschließend nur noch ein zerstörtes Camp, Leichen der Mitglieder der Subexpedition sowie Überreste unbekannter sternförmiger Wesen. Wie sich zeigt, ist indessen Lakes Assistent Gedney nicht unter den Toten im Lager. Und so beschließt Dyer – gemeinsam mit seinem Assistenten Danforth -, die Schneeberge, das furchteinflößende Gebirge, diese Berge des Wahnsinns, zu überfliegen, und jedenfalls Gedneys Leben zu retten.

Doch finden die beiden dabei nicht nur eine Welt aus Bergen ungeahnter Höhe, sondern vor allem Ruinen einer unbekannten Spezies und Kultur, die ihre eigene Existenz infrage stellt.

At the Mountains of Madness

Übernatürlich große Albino-Pinguine sowie Zeugnisse von Wandmalereien gänzlich unbekannter Kulturen sind – am Ende des Tages – wohl noch die am wenigsten einschneidenden Erfahrungen, die der Geologe William Dyer und sein Assistent Danforth auf ihrer kombinierten Forschungs- und Rettungsmission machen.

Leseprobe aus „H.P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns 2“, in Szene gesetzt von Gou Tanabe. (Copyright: Carlsen)

Behutsam und eindringlich wird hier die Spannung aufgebaut, wenn die beiden Forscher immer tiefer in die Berge des Wahnsinns vordringen. Gou Tanabe inszeniert atmosphärisch dicht und geradezu klaustrophobisch. Er zeigt eine immer wieder unbekannte und unbeschreibliche Welt, die allerdings derart nüchtern präsentiert wird, dass sich der Leser deren tatsächliche Existenz ohne Weiteres vorstellen kann – tief verborgen in der Antarktis. Dadurch wird der Grusel-Faktor und der Schrecken noch gesteigert.

Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern nur ein kleiner Punkt in der Geschichte, bloß ein kleiner Teil der gesamten Weltgeschichte. Sich zu vergegenwärtigen, dass es da eine erhebliche Vorgeschichte der noch viel längeren Erdgeschichte gab, vermag auch den Mann/die Frau der Wissenschaft um den Verstand zu bringen. Die Quintessenz von H. P. Lovecrafts „Berge des Wahnsinns“ und auch dieser gesamten Cthulhu-Mythologie findet sich in dieser Erkenntnis.

Und es ist genau diese Angst vor dem Unbekannten und der dadurch hervorgerufene wohlige Schauer, den auch Gou Tanabe durch seine eindringlichen Bilder beschwört. Die detailverliebten Zeichnungen des Könners hätten mitunter noch deutlich größere Seiten verdient.

Fazit

Angst und Spannung harmonieren auch in diesem Manga wieder prächtig.


H.P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns 2 (2)

Inhalt

Auf dem Höhepunkt seiner Schaffensphase verfasste H. P. Lovecraft den Kurzroman „Berge des Wahnsinns“. Die Geschichte um eine Polarexpedition in die Antarktis ist von nahezu epischem Ausmaß und fesselt mit einer spielfilmartigen Dynamik: Als der Geologe William Dyer und seine Crew die Forschungen an Fossilien im ewigen Eis aufnehmen, geraten sie in eine bis dato unbekannte und ebenso unbeschreibliche Welt aus Bergen ungeahnter Höhe und Bewohnern nie entdeckter Spezies. Ein Lovecraft’sches Meisterwerk, atmosphärisch in Szene gesetzt von Gou Tanabe.

(Quelle: Carlsen)

Details

Format: Softcover
Veröffentlichung: 27.10.2020
Seitenzahl: 320
ISBN: 978-3-551-72457-1
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)