Review

Fulminantes Finale

Bereits im Jahr 2019 haben wir unseren ersten Text zum (Comic-)Kind der Liebe des dynamischen Duos aus Jeff Lemire („Black Hammer/Justice League: Hammer der Gerechtigkeit!“, „Family Tree 2: Samen“) und Andrea Sorrentino („Batman: Die Maske im Spiegel 3“, „Joker: Killer Smile“) niedergeschrieben (siehe „Gideon Falls 1: Die Schwarze Scheune“).

Unsere Begeisterung für diese Mystery-Horror-Serie mit Tiefgang und dichter Atmosphäre ist während der letzten Jahre zu keiner Zeit abgeklungen. Vielmehr haben wir jedem einzelnen Buch erwartungsvoll entgegengefiebert („Gideon Falls 2: Erbsünden“, „Gideon Falls 3: Der Kreuzweg“, „Gideon Falls 4: Das Pentoculus“, „Gideon Falls 5: Welten des Bösen“).
Nunmehr wartet das ausufernde und – in vielfacher Hinsicht – überdimensionale US-Heft #27, das hierzulande im Hardcover-Finalband „Gideon Falls 6: Das Ende“ erscheint.

Ob es Lemire gelungen ist, die einzelnen komplexen Handlungsfäden zu einem vielschichtigen Gesamtkunstwerk zu verweben, verraten wir in der nachfolgenden Rezension.

Die Rückkehr der Schwarzen Scheune

Norton, Fred, Angie, Clara und Doc haben jeder für sich allein, aber auch alle gemeinsam verrückte und mysteriöse Abenteuer erlebt. Im Zentrum von allem stehen die ländliche Gemeinde Gideon Falls sowie der Mythos von der Schwarzen Scheune.

Jüngst hat die zusammengewürfelte Truppe – lebhaft – von der Existenz des Multiversums (ein Gideonversum?) erfahren, einem Nebeneinander von Paralleluniversen. In dieser Struktur des Multiversums fungiert der „schwarze See“ als Übergang in das „Zentrum“, einem Ort, an dem Gut und Böse seit Anbeginn der Zeit existieren. Es wartet ein Riesenkäfer, die Inkarnation des Bösen.

Das Ziel ist es, dem Bösen Einhalt zu gebieten und die Pentoculus-Maschine von Norton Sinclair endgültig zu zerstören.

Was ist denn hier passiert?

Das klingt überaus komplex und verkopft?

Wer sich erhofft hatte, von Jeff Lemire eine leicht handzuhabende und übersichtliche Auflösung dieser multidimensionalen Serie serviert zu bekommen, der/die dürfte nach der Lektüre einigermaßen enttäuscht sein. Die Geschichte bleibt bis zum Ende und bis zum Bersten vollgepackt mit Ideen und Einfällen sowie bizarren und skurrilen Elementen. Hier gereicht die recht unregelmäßige Veröffentlichung der Story nicht unbedingt zum Vorteil. Deshalb soll an dieser Stelle auch gar nicht der Versuch unternommen werden, die Handlung komplett zu entschlüsseln, abschließend zu verstehen oder gar zu entmystifizieren.

Leseprobe aus „Gideon Falls 6: Das Ende“. (Copyright: Splitter Verlag)

An etlichen Stellen lassen sich jedenfalls Fragmente wiederentdecken und die Geschichte lädt dazu ein, nochmals alle Bücher am Stück zu lesen. Schließlich ist hier jede/r aufgerufen, einen eigenen Lektüreschlüssel für den kühnen und interpretationsoffenen Stoff zu finden. Dass man durchaus Lust dazu hat, noch mal vollständig in diese Welt einzutauchen, ist als das größtmögliche Kompliment gemeint. Die Geschichte funktioniert indessen auch allein mit ihrer stimmungsvollen und dichten Atmosphäre, wobei sich die Orientierungslosigkeit der Helden stets auf die Leserschaft überträgt.

Das Artwork von Andrea Sorrentino stellt noch immer eine herausragende Konstante dar. In diesem fulminanten Finale übertrifft der in Neapel geborene Zeichner womöglich nochmals die hohen Erwartungen, die man an ihn zu stellen pflegt. Neben den – bereits gewohnt – überaus kreativ strukturierten und mitunter völlig abgedrehten Paneldesigns geht der Künstler in seinem unverkennbaren Stil hier an einer Stelle so weit, dass die Seiten tatsächlich vollständig verkehrt herum sind. In dem Abschnitt, in welchem unsere Helden und Heldinnen in den „schwarzen See“ eintauchen, ist es daher notwendig, dass die Leser:innen das Buch herumdrehen, um den Rest der Sequenz lesen und nachvollziehen zu können.

Spannenderweise finden wir im Bonusmaterial auch das originale letzte Skript aus der Feder von Jeff Lemire. Hier wird die respekt- und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Autor und Künstler offenkundig.

SEITE 29.

Vollkommen surreale, halluzinative Seite… wir sehen beide unter der Wasseroberfläche in die finstere Tiefe sinken. (…) (Nur eine Idee, Andrea… mach hier einfach jeden seltsamen Kram, auf den du Lust hast.)

(Auszug aus dem reichhaltigen Bonusmaterial in „Gideon Falls 6: Das Ende“, Splitter Verlag)

Fazit

Wer sich rasche und einfache Lösungen oder einen passgenauen Schlüssel zu den komplexen Mysterien aus „Gideon Falls“ versprochen hat, der wird hier ein böses Erwachen erleben. Der Genremix suhlt sich bis zum Ende genüsslich in seiner verrückten Mischung aus Mystik und Faszination.

Dabei verfügt auch der Abschlussband über die typische Sogwirkung der Reihe und regt dazu an, das Gesamtwerk einer zweiten Sichtung zu unterziehen. Bisweilen kann man sich zwar des Eindrucks nicht erwehren, dass die Geschichte aus der Feder von Jeff Lemire verkopfter und komplexer daherkommt, als sie es müsste. Dessen ungeachtet steckt zu viel Liebe und Detailversessenheit in dem Projekt, als dass man es als prätentiös oder unverständlich abwatschen könnte oder auch nur wollte.

Andrea Sorrentino festigt seinen Ruf als einer der Virtuosen der Branche nachdrücklich und steuert durchgehend ein unvergessliches Artwork bei.


Gideon Falls 6: Das Ende

Inhalt

Alle Gideon Falls-Universen konvergieren in einem einzigen Fluchtpunkt, und die zusammengewürfelte Truppe um Norton und Fred muss alles daran setzen, den Lächelnden Mann und seine endlosen Legionen aufzuhalten. Wird es ihnen gelingen?

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Jeff Lemire
(*21. März 1976) ist ein kanadischer Comicautor und Autor.
Lemire ist bekannt für seine launischen, humanistischen Geschichten und seinen skizzenhaften, filmischen Schwarzweiß-Zeichenstil.

(Quelle: Wikipedia)

Jeff Lemire – Homepage | Jeff Lemire – Twitter

Details

Format: Hardcover, Bookformat
Veröffentlichung: 17.11.2021
Seitenzahl: 112
ISBN: 978-3-96792-197-7
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)