Review

George R.R. Martin ist durch seinen Fantasy-Zyklus „Das Lied von Eis und Feuer“, der die Vorlage zum TV-Erfolg „Game of Thrones“ bildet, inzwischen wohl jedem ein Begriff. Doch vergessen wir im Hinblick auf die Veröffentlichung „Wild Cards“ einmal ganz schnell alles, was wir diesbezüglich über Martin zu wissen glauben, denn als das Konzept und die ersten Publikationen zum „Wild Card“-Universum erschienen sind, gab es den Hype um sein Fantasyepos und die Fernsehserie „GoT“ noch gar nicht.

Vielmehr reicht die Entstehungsgeschichte von „Wild Cards“ bis in die 80er Jahre zurück. Zu dieser Zeit nämlich hat Martin gemeinsame (schriftstellerische) Sache mit befreundeten Science-Fiction- und Fantasyautoren gemacht; der Grundstein zum Konzept und die ersten Geschichten von „Wild Cards“ entstanden.

"Wild Cards"-Ausgabe des Heyne Verlags (Copyright: Heyne Verlag)

„Wild Cards“-Ausgabe des Heyne Verlags (Copyright: Heyne Verlag)

Während in Deutschland der Heyne Verlag in den 90er Jahren wenige (genau genommen die ersten sechs) Bücher dieser Reihe (nahezu klanglos) veröffentlicht hat, schlug „Wild Cards“ in Amerika weitaus größere Wellen. Rollenspiele, Comics und insgesamt 21 Bücher umfasst das Sortiment, welches sich mit der von unterschiedlichen Autoren gemeinsam erdachten Welt beschäftigt.
Dieser widmet man sich nun in Deutschland auf ein Neues, denn der Penhaligon Verlag hat das Buch „Wild Cards – Das Spiel der Spiele“ veröffentlicht; nicht zuletzt vermutlich, um die Erfolge dieser Serie in Übersee auch hierzulande zu erreichen, jetzt da der Autor namhaft und populär ist.

Entsprechend dominant gedruckt prangt der Autorenname auf dem Cover des 544 Seiten starken Werkes. Davon sollte man sich jedoch nicht blenden lassen, denn Martin fungiert hier nicht überwiegend als Autor, sondern als Herausgeber, der nur einige wenige Geschichten zu dieser Kooperation selbst beigesteuert hat.

In Anbetracht des Erfolgs von „Das Lied von Eis und Feuer“ bzw. „Game of Thrones“ liegt es vermutlich nahe, „Wild Cards“ in die gleiche stilistische Schublade zu stecken. Dieser Versuch scheitert jedoch kläglich, denn obwohl Fantasy-Elemente in vorliegender Veröffentlichung vorhanden sind, und zwar in Form von Urban Fantasy-Anleihen, lässt sich „Wild Cards“ inklusive seines enormen Superhelden-Anteils am ehesten der Science-Fiction zuordnen.

Wer sich im „Wild Cards“-Universum bereits ein wenig auskennt, wird darüber hinaus feststellen, dass mit Penhaligons „Wild Cards – Das Spiel der Spiele“ zwar ein Auftakt zur Serie publiziert wird, tatsächlich handelt es sich jedoch um die Übersetzung des 18. Bands der amerikanischen Reihe. Doch keine Angst, auch wenn der Roman damit laut amerikanischer „Wild Cards“-Bibliografie scheinbar mitten im Zyklus anfängt, so sind doch keine Vorkenntnisse nötig, um den Inhalt verstehend nachvollziehen zu können, denn obwohl „Das Spiel der Spiele“ kein wirklicher erster Teil einer neuen Reihe ist, mutet er doch so an.

Zu verdanken ist dies sowohl der in sich abgeschlossenen Handlung als auch der gelungenen Charakterausarbeitung. In beiden Fällen geht man recht innovativ wirkende Wege.

Zum einen sind es zwei große Handlungsstränge innerhalb der stets festen Ausgangsposititon, sprich der Freisetzung eines außerirdischen Virus‘ („Wild Card-Virus“) über Manhattan im Jahr 1946, das viele seiner Opfer tötet, einige mit abstoßenden Mutationen zeichnet (die „Joker“) und ganz wenigen Superkräfte verleiht (die „Asse“), die den Lesern präsentiert werden. Diese stehen sich inhaltlich und die Intention betreffend konträr gegenüber, werden letztlich aber gut zusammengefügt.
So verfolgt man die Figuren einerseits innerhalb einer Castingshow und damit im glamourösen Showbiz, das von Oberflächlichkeiten und Banalitäten gekennzeichnet ist, andererseits findet man sich im leidgeplagten und vom Krieg gezeichneten Ägypten wieder.

Illustration über die Superhelden in "Wild Cards" (Copyright: Mike S. Miller)

Illustration über die Superhelden in „Wild Cards“ (Copyright: Mike S. Miller)

Zum anderen wechseln nicht nur Handlungsstränge und Schauplätze, sondern auch der Fokus auf einzelne Figuren.
Die einzelnen Kapitel des Buches wurden von unterschiedlichen Autoren verfasst, welche sich jeweils mit einer bestimmten Figur beschäftigen. Damit wechselt für den Leser die Sichtweise auf den Plot, während die Autoren genügend Raum und Zeit haben, sich voll und ganz auf die Ausarbeitung ihrer Charaktere zu konzentrieren. Es rücken damit zwar nicht alle, aber einzelne Figuren immer mal wieder in den Vordergrund. Unerwarteterweise stört dies weder beim Lesen noch wirkt es konfus und wirr.

Obwohl für „Wild Cards – Das Spiel der Spiele“ unterschiedliche Autoren am Werk waren, sind zudem keine nennenswerten Stilbrüche zu erkennen, die den Lesefluss negativ beeinträchtigen. Sicherlich weisen die Urheber verschiedene Stile auf, diese fügen sich insgesamt aber zu einem homogen wirkenden Roman zusammen. Da auch im Layout für viel Abwechslung gesorgt ist, von geografischen Karten über Blogposts bis hin zu E-Mails finden verschiedene Formate hier ihren Platz, fällt der jeweilige Autorenwechsel von Kapitel zu Kapitel kaum ins Gewicht.

Was fehlt „Wild Cards – Das Spiel der Spiele“ aber dann, sodass keine volle Punktzahl erreicht wird?
Mir persönlich mangelt es im Roman an Emotionalität. Natürlich stellt das Buch die Thematik „Superheld“ in den Vordergrund, zudem werden beispielsweise die Gräuel des Krieges recht anschaulich beschrieben, die damit einhergehenden Todesfälle von beim Lesen kennengelernter Figuren finden aber recht nüchtern und sachlich Erwähnung. Gleiches trifft auf etwaige Intrigen, geschlossene Bündnisse, anbahnende Liebesbeziehungen, kurz alles, was Potenzial zur Emotionalität besitzt, zu. Das erstaunt und dadurch berührt „Wild Cards“ den Leser nur sehr selten, vielmehr nimmt man die Geschehnisse aufgrund der Art und Weise, wie sie beschrieben werden, lediglich zur Kenntnis.

Zusätzlich weisen einige Kapitel zu viele Längen auf, welche die Spannung mindern und das Werk teilweise zu langatmig erscheinen lassen.
Oft könnte man auch das Gefühl bekommen, als wende sich der Vorteil, zwei Handlungsstränge zu haben, zum Negativen, denn beide Handlungen für sich genommen hätten schon einen Roman schlüssig füllen können.

George R.R. Martin (Copyright: George R.R. Martin)

George R.R. Martin (Copyright: George R.R. Martin)

Was sollte man als Leser mitbringen, um Gefallen an „Wild Cards – Das Spiel der Spiele“ zu finden?
Allen voran sollte man sich bewusst sein, dass George R.R. Martin nicht Hauptautor, sondern Herausgeber des Buches ist. Entsprechend halten sich seine schriftstellerischen Beträge hier in Grenzen.
Darüber hinaus wäre es vorteilhaft, ein Faible für Superhelden und für die Mischung aus Urban Fantasy und Science-Fiction zu haben.
Bringt man diese Voraussetzungen mit, wird man ein unterhaltsames Buch entdecken, das zwar seine kleineren Schwächen, durchaus aber auch großartige Stärken besitzt.

Trailer

Inhalt

America’s next Superhero!

Seit sich in den Vierzigerjahren das Wild-Card-Virus ausgebreitet hat und Menschen mutieren lässt, gibt es neben den normalen Menschen auch Joker und Asse. Joker weisen lediglich körperliche Veränderungen auf, während Asse besondere Superkräfte besitzen.
Da ist zum Beispiel Jonathan Hive, der sich in einen Wespenschwarm verwandeln kann, oder Lohengrin, der eine undurchdringliche Rüstung heraufbeschwört. Doch wer ist Amerikas größter Held? Diese Frage soll American Hero, die neueste Castingshow im Fernsehen, endlich klären. Für die Kandidaten geht es um Ruhm und um so viel Geld, dass sie beinahe zu spät erkennen, was wahre Helden ausmacht.

(Quelle: Penhaligon)

Wild Cards – Homepage

Herausgeber

George R.R. Martin, 1948 in Bayonne/New Jersey geboren, veröffentlichte seine ersten Kurzgeschichten im Jahr 1971 und gelangte damit in der Science-Fiction-Szene zu frühem Ruhm. Gleich mehrfach wurde ihm der renommierte Hugo Award verliehen. Danach arbeitete er in der Produktion von Fernsehserien, etwa als Dramaturg der TV-Serie „Twilight Zone“, ehe er 1996 mit einem Sensationserfolg auf die Bühne der Fantasy-Literatur zurückkehrte: Sein mehrteiliges Epos „Das Lied von Eis und Feuer“ wird einhellig als Meisterwerk gepriesen. George R.R. Martin lebt in Santa Fe, New Mexico.

(Quelle: Penhaligon)

George R. R. Martin – Homepage
George R. R. Martin – Facebook

Reihen

Wild Cards

01 Wild Cards
weitere Romane in Vorbereitung

Das Lied von Eis und Feuer

01 Die Herren von Winterfell
02 Das Erbe von Winterfell
03 Der Thron der Sieben Königreiche
04 Die Saat des goldenen Löwen
05 Sturm der Schwerter
06 Die Königin der Drachen
07 Zeit der Krähen
08 Die dunkle Königin
09 Der Sohn des Greifen
10 Ein Tanz mit Drachen

Der Heckenritter von Westeros

01 Das Urteil der Sieben

Weitere Bücher

Planetenwanderer

Details

Format: Paperback, Klappenbroschur
Vö-Datum: 25.08.2014
Seitenzahl: 544
ISBN: 978-3-7645-3127-0
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Penhaligon

Copyright Cover: Penhaligon



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde