Review

Der Freistaat Flaschenhals

Der Erste Weltkrieg (1914 – 1918) ist die erste große Zäsur des 20. Jahrhunderts. Das Deutsche Reich hat die Auslösung des Krieges wesentlich mitzuverantworten und ist am Ende auf die Sympathie der Siegermächte angewiesen. Die alliierten Siegermächte fordern allerdings weitreichende Zugeständnisse und beginnen, die europäische Landkarte, insbesondere auf deutscher Seite, umzugestalten.

Jedoch geschieht den Franzosen ein entscheidender Fehler beim Zirkelschlag auf der Landkarte. Dieser Fauxpas, zwei einander fast berührende Kreise, sieht auf der Karte aufgrund seiner Form wie ein Flaschenhals aus. Die Unabhängigkeit des Freistaats Flaschenhals wird ausgerufen.

Da denkt man doch gleich an die legendäre Einleitung der Asterix-Comics und möchte sinngemäß formulieren:

Wir befinden uns am Ende des Krieges. Das Deutsche Kaiserreich ist in weiten Teilen von den Siegermächten besetzt. Doch überall? Nein! Ein von unbeugsamen Dörflern bevölkertes Gebiet hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die französischen Soldaten, die hier als Besatzung liegen.

Diesem recht wenig beachteten Kapitel der deutschen Geschichte (von 1919 bis 1923) widmen sich Autor Marco Wiersch und Zeichner Bernd Kissel in ihrem Comic „Freistaat Flaschenhals“.

Isolierte Lage in der Besatzungszeit

Wenn wir Asterix schon angesprochen haben, kommen wir doch gleich nochmal auf ihn zu sprechen. Der Zeichenstil von Bernd Kissel kommt dem frankobelgischen Stil sehr nahe und dürfte allen Freunden des klassischen Stils der Asterix-Comics große Freude bereiten. Und dennoch haben die Figuren auch ganz eigene Facetten.

Marco Wiersch arbeitet in der Geschichte greifbar die Stimmung in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg heraus. Gebrochener Stolz, eine von der Niederlage geprägte Bevölkerung und die Animosität gegenüber dem Erzrivalen aus Frankreich. Insbesondere präsentiert er jedoch die Situation der Bewohner des Freistaats Flaschenhals, die aufgrund dieser wirklich skurrilen Situation auf sich selbst angewiesen waren und flexibel und einfallsreich sein mussten, um überleben zu können. Der französischen Besatzungsmacht nicht unterstellt, aber auch vom übrigen Deutschland isoliert, mussten die Bewohner zunehmend kreativ werden – etwa durch Schmuggel -, um sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren.

Leseprobe aus „Freistaat Flaschenhals“. (Copyright: Carlsen)

Hier bekommt man ein Kapitel der Geschichte präsentiert, von dem ich zuvor noch nie gehört habe. Ein echtes Schelmenstück, das überwiegend kurzweilig ausfällt, aber immer wieder auch melancholische Töne anstimmt. Zum Ende hin verlässt der Comic gar sein beschauliches Szenario und wendet sich in Kürze noch dem verhängnisvollen Aufstieg der NS-Diktatur sowie der Machtübernahme Hitlers und der Nationalsozialisten in Deutschland zu.

Kritisieren lässt sich womöglich die recht einfache Figurenzeichnung von Wiersch. Mit komplexen oder psychologisch vielschichtigen Charakteren haben wir es hier nicht zu tun. Mitunter wirken sie eher wie das Sprachrohr für bestimmte Gruppen, Ansichten oder Meinungen, sodass einem die Charaktere nicht so recht ans Herz wachsen wollen. Und das obwohl der Autor zum Teil durchaus traurige Schicksale erzählt.

Fazit

„Freistaat Flaschenhals“ ist ein lesenswerter Comic, der sich einem unglaublichen Kapitel der deutschen Geschichte widmet. So unglaublich, dass es wahr ist. Die Zeichnungen von Bernd Kissel brauchen sich vor keiner Konkurrenz zu verstecken.

Inhalt

Nach dem 1. Weltkrieg wird der Westen Deutschlands unter den Siegermächten aufgeteilt. Jedoch geschieht den Franzosen ein entscheidender Fehler beim Zirkelschlag und so bleibt ein kleines Gebiet am Rhein unbesetzt. Die Bewohner der Kleinstadt Lorch sind nun auf sich selbst gestellt und versuchen mit der Situation fertig zu werden. Es entsteht der Freistaat Flaschenhals …

(Quelle: Carlsen)

Autor & Zeichner

Marco Wiersch
geboren 1971 in Dinslaken, ist ausgebildeter Diplom-Psychologe und war als Werbetexter, Schauspieler, Bühnenregisseur, Kabarettist und Slam-Poet tätig, ehe er 2002 seinen Abschluss im Studiengang Film in Hamburg machte. Seitdem lebt er als Drehbuchautor (u. a. „Der Fall Barschel“, „Tatort“) und Regisseur in Köln.

Als lebenslanger Comicfan schreibt er mit „Freistaat Flaschenhals“ seine erste Graphic Novel.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Bernd Kissel
Nach seiner Ausbildung zum Trickfilmzeichner am „Lycée technique des Arts et Métiers“ (LTAM) in Luxemburg arbeitete Bernd Kissel als Designer im Luxemburger Trickfilmstudio Studio 352. Bereits 2006 schuf er mit „Eisenhans“ einen Comic mit Flix. Seit 2007 veröffentlicht er die Comicserien „SaarLegenden“ und „SaarlandAlbum“ in der Saarbrücker Zeitung, die auch in Buchform erschienen sind. Als freier Zeichner arbeitete er u.a. für das ZDF.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Bernd Kissel – Homepage

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 29.10.2019
Seitenzahl: 208
ISBN: 978-3-551-78150-5
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)