Review

In der dystopischen Jugendliteratur gibt es einen neuen Ringkämpfer! Francesca Haig wagt sich mit „Das Feuerzeichen“ in die ungemütlichen Zukunftsvisionen vor, die vor ihr schon einige andere Autoren abgegrast haben. Doch es gibt gute Gründe dafür, dass auch der übersättigte Leser hier mal reinlesen sollte!

Zunächst bewegt sich alles in bekannten Bahnen: Haig entwirft in ihrem ersten Roman eine historisierte Postapokalypse, in der Menschen wieder Ackerbau betreiben und ein weitgehend technikfreies Leben führen. Der Auslöser der Rückentwicklung bleibt undifferenziert, auch wenn sich aus den Erklärungsbruchstücken auf einen Atomkrieg schließen lässt.

Weniger missverständlich sind die Auswirkungen auf die Bevölkerung, denn seit der Katastrophe werden Menschen nur noch als Zwillinge – Junge und Mädchen – geboren, die eine ganz besondere Verbindung haben, denn wenn einer stirbt, sterben beide. Trotz dieser engen Verbindung trifft eines der Kinder immer ein schreckliches Los: Weil es körperlich behindert ist, wird es gebrandmarkt, es erhält „Das Feuerzeichen“ auf die Stirn. Als minderwertiger „Omega“ werden diese Kinder nach dem Abstillen in Ghettos untergebracht.

Im Fall der Protagonistin ist es jedoch ein bisschen anders: Cass und ihr Bruder Zach sind beide äußerlich makellos. Dass Cass eine Seherin ist, ein Makel, der schlimmer ist als fehlende Gliedmaßen, verbirgt sie seit ihrer Geburt. Doch als sie schließlich ihr Geheimnis nicht mehr für sich behalten kann, wird sie zur Ausgestoßenen, verraten von ihrem eigenen Bruder. Fortan muss sie sich gegen Zach und eine Gesellschaft behaupten, die zwei Klassen konstruiert, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch die Kluft zwischen den „Alphas“ und den „Omegas“ droht sich noch zu verstärken, denn Zach hat als Ratsmitglied grausame Pläne, die nicht nur seine Zwillingsschwester bedrohen.

Durch diese extremen Gegensätze schafft Haig hier eine spannende Grundstimmung, die den Leser schnell fesselt. Dass sie dabei durch die besondere Verbindung zwischen allen Zwillingen nur behutsam mit Mord umgeht, ist eine erfrischende Idee in der sonst blutrünstigen Welt der Dystopie.

Francesca Haig (Copyright: Andrew North)

Francesca Haig (Copyright: Andrew North)

Der Plot entwickelt über seine Protagonisten hinaus ein großes Eigenleben – die Voraussetzungen für eine fesselnde Reihe sind also da. Allerdings bleiben die Charaktere dabei ein bisschen auf der Strecke: Cass und Zach sind eindimensional gut und böse, ohne Grauzonen, aus denen sich auf persönlicher Ebene mehrschichtige Konflikte entwickeln ließen. Dazu ist Cass auch noch passiv und lässt sich zwischen den gesellschaftlichen Bewegungen treiben. Die Krönung ist dann der dritte Hauptcharakter Kip, der gar nichts über seine Vergangenheit weiß und Cass wie ein Hündchen nachläuft. Immerhin umschifft Haig hier gekonnt das langweilige Liebestriangel „Mädchen – Junge – anderer Junge“.

Dass trotz dieser Schwächen die angelegte Spannung nicht verloren geht, liegt sicherlich auch an der Sprache. Die deutsche Übersetzung schlägt einen gelungenen Kompromiss zwischen einem jugendlichen und einem älteren Publikum. Genauso offen geht Haig auch auf Genre-Fans zu: Fantasy, Dystopie, History? – Hier werdet ihr fündig!

Auch wenn sich die Jungautorin mit ihren Charakteren noch Luft zur Verbesserung lässt und die Story durch fehlende Nebenstränge eher geradlinig ist, liefert Haig mit „Das Feuerzeichen“ neue Ideen und einen guten Plot, die Lust auf die Fortsetzung machen.

Inhalt

Als Zwillinge geboren, zu Feinden erzogen

Vierhundert Jahre in der Zukunft: Durch eine nukleare Katastrophe wurde die Menschheit zurück ins Mittelalter katapultiert. Es ist eine Welt, in der nur noch Zwillinge geboren werden. Zwillinge, die so eng miteinander verbunden sind, dass sie ohne einander nicht überleben können. Allerdings hat immer einer von beiden einen Makel. Diese sogenannten Omegas werden gebrandmarkt und verstoßen.

Es ist die Welt der jungen Cass, die selbst eine Omega ist, weil sie das zweite Gesicht besitzt. Während sie Verbannung, Armut und Demütigung erdulden muss, macht ihr Zwillingsbruder Zach Karriere in der Politik. Cass kann und will diese Ungerechtigkeit nicht länger ertragen und beschließt zu kämpfen. Für Freiheit. Für Gerechtigkeit. Für eine Welt, in der niemand mehr ausgegrenzt wird. Doch die Rebellion hat ihren Preis, denn sollte Zach dabei sterben, kostet das auch Cass das Leben …

(Quelle: Heyne fliegt)

Autorin

Francesca Haig
wuchs in Tasmanien auf und promovierte in Literaturwissenschaften an der Universität Melbourne. Wenn sie nicht gerade an ihren eigenen Texten arbeitet, unterrichtet sie Kreatives Schreiben an der Universität von Chester.
Für ihre Gedichtsammlungen wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Mit „Das Feuerzeichen“ legt sie nun ihre erste Romantrilogie vor.
Francesca Haig lebt mit ihrer Familie in London.

(Quelle: Heyne fliegt)

Francesca Haig – Homepage
Francesca Haig – Twitter

Details

Format: Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
Vö-Datum: 26.10.2015
Seitenzahl: 480
ISBN: 978-3-453-27013-8
Sprache: Deutsch
Empfohlen ab 13 Jahren
Verlagshomepage: Heyne Verlag

Copyright Cover: Heyne fliegt



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer