Review

Ein Storch bringt die Babys, das ist ja klar und weiß schließlich jeder. Dies nahm sich Benjamin Renner zum Anlass, eine verrückte Geschichte um drei außergewöhnliche Freunde und ein Baby zu erzählen. Sie ist gefüllt mit Slapstick, emotionalen Momenten, witzigen Wortgefechten und viel Unsinn. Wer das ebenfalls von Renner beim avant-verlag erschienene Werk „Der große böse Fuchs“ kennt und mag, wird diese Geschichte lieben.

Drei Freunde und ein Baby

Hase und Ente gehen so ihres Weges, als plötzlich ein Storch aus einem Baum auf sie niederrauscht. Er erklärt, dass er der Bote für die Familie Duchamel sei, denn sie erwarten ein Baby. Leider habe der Storch sich seinen Flügel verknackst und kann daher den Rest der Strecke nicht mehr fliegen. Aus Einfältigkeit übernehmen Ente und Hase diese Aufgabe und machen sich auf den Weg nach Avignon.

Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass die zwei Freunde mehr als unfähig sind, zielgerichtete Diskussionen zu führen, sich gegenseitig zuzuhören und vor allem ein Menschenbaby zu hüten. Daher greift Schwein ein und übernimmt fortan die Stimme der Vernunft und des logischen Denkens. Gemeinsam versuchen sie ihrem Ziel näher zu kommen. Dies gestaltet sich zunehmend kompliziert, denn sie geraten an eine Bande hungriger Füchse, verlieren das Baby fast bei dem Versuch, auf dem Laster eines Fleischers in ein Dorf zu gelangen, und treffen schon bald eine entflohene Gruppe Koboldmakis, die ihren Weg in die philippinische Heimat suchen. Man merkt schon, dass das Werk ein buntes Fest der absurden Begegnungen und witzigsten Ereignisse mit sich bringt. Es wird im Laufe der Geschichte noch absurder, ohne dabei jemals zu ernst oder schwer zu wirken.

Das Schöne an dieser Graphic Novel sind die herrlich dummen Dialoge zwischen Hase, Schwein und Ente, die – fantastisch von Lilian Pithan übersetzt – nahezu immer einen zündenden Witz mit sich bringen. Die visuelle Komik ist dabei ebenso elementar und birgt einen ganz eigenen Charme, der dieses Werk zu einer „Feel-Good“Komödie macht. Das Trio ist so spannend und witzig, dass es tatsächlich Lust macht, mehr von den drei Freunden zu lesen.

Der Stil

Wer „Der große böse Fuchs“ kennt, weiß, wie Benjamin Renner zeichnet. Seine Figuren sehen aus wie Karikaturen aus einem Sonntags-Comic-Strip, die manchmal aufwendig mit Aquarellfarben koloriert wurden. Der Großteil der Bilder ist jedoch schlicht, einfach und nahezu schemenhaft. Mit vielen großen Gesten und Soundwords, die jeder kleinen Szene eine eigene Dynamik geben, wirken die Dialoge über jedes Panel hinaus.

Leseprobe aus „Ein Baby auf Abwegen“ von Benjamin Renner. (Copyright: avant-verlag)

Ein weiteres Merkmal von Renners Arbeiten ist, dass sich keine Panelstruktur finden lässt. Seine Bilder sind rahmenlos auf einer Seite platziert. Manchmal finden sich nur drei Bildausschnitte auf einer Seite. Ein anderes Mal sind sechs oder sieben Bildchen lose auf einer Seite angeordnet. Dabei fällt es zu keinem Zeitpunkt schwer, dem Lesefluss zu folgen, da Renner den Blick geschickt mithilfe der Anordnung leitet.

Seine Zeichnungen, die oftmals nur angedeutete Formen sind oder Figuren, deren Köpfe zu schweben scheinen, hat der Künstler in heiter leichten Farben koloriert. Häufig ist diese Koloration auch unsauber, sodass die Outlines nicht zwingend die Koloration eingrenzen. Einige Bilder sehen daher auch in Eile gemalt aus, da auch die Farbgebung auf einer Seite einige Male stark variiert.

Fazit

„Ein Baby auf Abwegen“ ist ein weiteres urkomisches Werk des Franzosen Benjamin Renner. Die herrlich tumben Figuren zaubern einem ein Grinsen ins Gesicht. An so mancher Stelle kann man sich das Lachen einfach nicht verkneifen, sei es auch ein noch so blödelnder Humor. Diese Graphic Novel bietet sich fantastisch als Geschenk für werdende Eltern oder Leute an, denen ein Lächeln mal wieder gut stehen würde.


Ein Baby auf Abwegen

Inhalt

Als sich der Storch einen Flügel bricht, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sein zappelndes Bündel Aushilfskräften anzuvertrauen: Ein unbedarftes Karnickel und eine hilflose Ente sollen die Zustellung zu Ende bringen. Auf dem Weg schließt sich ihnen ein kleines, dickes Schweinchen an – das Trio ist komplett! Nicht nur dass sie von Babys keine Ahnung haben, sie sind auch sonst nicht die hellsten Kerzen auf der Torte.

Die drei müssen es nicht nur mit hungrigen Füchsen auf ihrer Route aufnehmen, auch die Fahrt als blinde Passagiere im Lieferwagen einer Metzgerei birgt allerlei Gefahren (vor allem für das Schweinchen)! Es wird ein langer und mühsamer Weg, mit haarsträubenden Stunts und viel Slapstick werden … Trotz guten Willens, sind die drei natürlich mit der Versorgung eines Babys überfordert, aber mit Fantasie und Improvisationsgeschick können sie so manche Hürde überwinden.

(Quelle: avant-verlag)

Autor

Benjamin Renner
(*1983) ist ein französischer Cartoonist, Animator und Filmemacher.

Renner lernte das Comiczeichnen an der École européenne supérieure de l’image in Angoulême und studierte anschließend an der Animationsschule La Poudrière in Valence. Im Januar 2015 schrieb er den Comic Le Grand Méchant Renard (Der große böse Fuchs), der derzeit für das französische Fernsehen adaptiert wird und im Oktober 2017 beim avant-verlag erscheint. Zur Frankfurter Buchmesse 2017 wird „Der große böse Fuchs“ als Gewinner des FRANCOMICS-Wettbewerb geehrt.

Er war bei der Oscarverleihung 2014 für seinen Animationsfilm „Ernest & Célestine” zusammen mit dem Produzenten Didier Brunner für den Oscar in der Kategorie „Bester animierter Spielfilm” nominiert. Der Film gewann 2013 auch einen César in der Kategorie Bester Animationsfilm. Renner drehte zudem den Kurzfilm A Mouse’s Tale (La queue de la souris, 2008) und war als Animator bei Yellowbird (Gus, petit oiseau, grand voyage, 2014) sowie den Kurzfilmen Bang Bang! (2014) und La vie des bêtes (2007) tätig.

(Quelle: avant-verlag)

Details

Format: Softcover
Vö-Datum: 01.03.2021
Seitenzahl: 296
ISBN: 978-3-96445-053-1
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: avant-verlag

Copyright Cover: avant-verlag



Über den Autor

Lars Hünerfürst
Musiker, Texter und Mensch, lebend in Berlin.