Review

Nicht alles, was glänzt, ist Gold, es kann auch Silber und gleichzeitig ein grandioser Comic über eine historische Figur sein. Die Künstler Antoine Ozanam und Antoine Carrion (vorige Zusammenarbeit „Weisser Schatten“) haben mit diesem beim Splitter Verlag erschienenen Werk eine atemberaubend mystische Reise in einen zeitlich und räumlich weit entfernten Kulturkreis gewagt.

Wer mit diesem Hardcover Buch, das mit seinem silbrig glänzenden Einband und dem fehlenden Klappentext sehr hochwertig aussieht, sowie unter dem Titel „Dschingis Khan“ eine historische Erzählung erwartet, wird hier allerdings enttäuscht. Es ist mehr als eine fantasievolle Erzählung des Mannes Temudjin, dem „Dschingis Khan“.

Die Handlung

Das in zwei große Kapitel aufgeteilte Werk beginnt mit der Geburt, die durch den Schamanen Ozbeg erst ermöglicht wurde. Dieser erfährt eine Vision über den Werdegang des noch nicht geborenen Kindes und er hört dessen Namen: Temudjin. Der Schamane eilt zur werdenden Mutter, die dem Schamanen die Geschichte, wie sie schwanger wurde, erzählt. Der „blaue Wolf“, ein Geistwesen, hatte sich (als Mann verwandelt) eine Nacht mit ihr verbracht. Doch es hat sich die Nabelschnur um den Hals gewickelt und das Leben des ungeborenen Halbgottes hängt an einem dünnen Faden. Nachdem Ozbeg ihr von seinen Visionen und erlangten Informationen aus der Geistwelt erzählt, zögert die werdende Mutter nicht und schneidet sich das Kind aus dem Bauch. Sie gibt ihr Leben für das ihres Kindes.

Man begleitet den schamanisch begabten Temudjin und den immer älter werdenden Ozbeg auf ihren Reisen durch die mongolische Steppe, von Auftrag zu Auftrag reisend. Dabei kann es Temudjin nicht abwarten, die nächste der spirituellen Geschichten über die Entstehung der Welt, der Sterne oder einiger Götter von Ozbeg zu hören. Während dieser gesamten Zeit ihrer gemeinsamen Reisen übt sich Temudjin im Kontakt mit der Geistwelt. Er sammelt Seelen in kleinen Schächtelchen und ihm gelingt es auch, einen unerwartet größeren Konflikt mit seinen Kräften zu schlichten.

Nachdem Ozbeg gestorben war, muss Temudjin allein durch die Welt streifen, jedoch nicht sehr lang. Er wird angegriffen von seinem „Vater“, dem „blauen Wolf“, und gerettet von einer weiteren Gottheit, die sich mit ihm körperlich und seelisch vereinigt. Fortan wird Temudjin sie mit sich in seinem Geist tragen, sie als Rückzugsort der seelischen Heilung benutzen und von ihr Hilfe beanspruchen.

Das Kind wird zum Mann und er ergreift sein ihm so lange schon geschildertes Schicksal: Er beginnt, die mongolischen Völker zu vereinen.

Es entspinnt sich eine Reise durch die unendlichen Weiten des mongolischen Reiches, mehrere mystische Begegnungen mit der Geisterwelt, Seelenreisen, Schlachten, Verluste und Wandel um den baldigen „Dschingis Khan“, das einstige Kind Temudjin, den Sohn des „blauen Wolfes“. Nur der „weiße General“ steht noch zwischen ihm und seiner Erfüllung des Schicksals. Dieser letzte große Kampf wird im zweiten Teil dieses eindrucksvollen Werkes beschrieben.

Das Format und der Stil

Der Splitter-Verlag hat mit diesem Buch eine von Anfang bis Ende stimmige und extrem überzeugende Erzählung veröffentlicht. Sie ist zwar keineswegs der Realität nah, aber den Anspruch hat es von der ersten Seite an nicht, denn alle Menschen haben blaue Haut. Diese anfänglich befremdliche äußerliche Eigenschaft wird schnell zur gewohnten Realität und es eröffnet dadurch viel mehr noch den Raum für spirituelle Begegnungen, da es wie in einer alternativen Realität zu der unseren stattfinden könnte und somit keine Grenzen definiert sind.

Leseprobe aus „Dschingis Khan“. (Copyright: Splitter Verlag)

Die Zeichnungen und die Aufteilung der Panels sind ganz große Kunst, denn es fehlt nicht mehr viel und es könnte verfilmt werden. Diese Ähnlichkeit zu einem Storyboard macht die Geschichte sehr gut lesbar und es passiert das eine oder andere Mal, dass die sehr klaren und trotzdem atmosphärischen Bilder in den Hintergrund geraten, weil einen die Geschichte so voran drängt. Die Zeichnungen haben einen modernen Stil, der ausgeschmückte Hintergründe zeigt, klare Outlines präsentiert und nie zu viel in ein Bild packt. Es ist nie überladen oder anstrengend anzusehen, immer ästhetisch und geschmackvoll dem Sujet angepasst.

Die Darstellung der Geistwesen, die Illustration von Rauch und Nebel sowie die Szenen der spirituellen Wesen sind wundervoll ansprechend und passen sich perfekt in die darin aufgebaute Logik und Erzählung dieser Welt ein.

Jeweils am Ende der beiden Kapitel befinden sich zudem noch Skizzen, Charakterstudien der Figuren und noch nach den bisher geschilderten Ereignissen weiterführende Textzeilen, die teilweise auf Doppelseiten illustriert werden.

Fazit

„Dschingis Khan“ ist eine spirituelle Reise in eine weit entfernte Kultur. Die Geschichten und Sagen, die darin erzählt werden, wirken allesamt authentisch und geben dem gesamten Comic ein Gefühl von Wahrheit. Obwohl diese Geschichte überzeichnet ist und Temudjin an keiner Stelle zeitlich eingeordnet wird, geschweige denn überhaupt klar wird, ob es sich um den Temudjin, den ersten großen Anführer des mongolischen Weltreiches handelt, ist dieser Comic eine fantastische und wundervolle Erzählung. Es inspiriert und begeistert, sich mit der Kultur und den Mythen auseinanderzusetzen. Die Motive, die sich darin finden lassen, sind absolut menschlicher Natur und zeitlos.

Antoine Ozanam und Antoine Carrion haben mit „Dschingis Khan“ ein fiktives Werk einer historischen Figur der Extraklasse geschaffen. Eine unbedingte Empfehlung, sich dieses prall gefüllte und großformatige Hardcover zu besorgen.


Dschingis Khan (Graphic Novel)

Inhalt

Einer Vision folgend durchquert der alte Schamane Özbeg die Steppe, um der Geburt eines Kindes beizuwohnen.

Die Dorfbewohner sagen, es sei der Sohn eines Dämons und die Mutter sei verflucht. Um ihr Leben zu retten, kommt der Alte zu spät, aber das Kind ist fortan sein Mündel. Er nennt den Jungen Temudjin. Schon bald offenbart der Junge wunderbare Gaben, er spricht mit den Geistern der Natur und der Toten und kann sich mitunter ihrer Kraft bedienen. Der Schamane setzt alles daran, Temudjins Kräfte in die richtigen Bahnen zu leiten. Denn die Geister haben ihm offenbart, dass dem Jungen ein großes Schicksal zuteilwerden kann.

»Dschingis Khan« spielt mit der Biografie des mächtigsten Kriegsherren der Geschichte. Zwischen Historie und Fantasie, zwischen weltlicher Eroberung und mystischer Reflektion erzählt diese Graphic Novel die Geschichte eines Namens, der die Jahrhunderte überdauert, auf vollkommen neue Weise.

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor und Zeichner

Antoine Ozanam
wurde 1970 in Rouen, Frankreich, geboren. Schon früh hatten Comics einen großen Einfluss auf ihn und begleiten ihn jeher. Nach der Schulzeit entschied er sich dafür, Visuelle Kommunikation zu studieren und schuf seither zahlreiche kreative Arbeiten – von Filmplakaten über Webseiten bis hin zu Musikvideos. Seit 1999 veröffentlicht er regelmäßig Comics in französischer Sprache. In Zusammenarbeit mit dem Berliner Illustrator Mikkel Sommer ist der Thriller Burn Out entstanden, in dem die beiden die Geschichte einer gnadenlosen Rächemär erzählen. Neben seinen Tätigkeiten als Gestalter und Comic-Autor treibt ihn besonders eines voran – die Leidenschaft des Comic-Sammelns.

(Quelle: Avant Verlag)

Antoine Ozanam – Blog

Antoine Carrion
ist ein französischer Comiczeichner, der bekannt wurde durch seine Arbeiten mit Christian Lehmann und Antoine Ozanam.

(Quelle: hillustratorslounge.com)

Antoine Carrion – tumblr

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 28.07.2021
Seitenzahl: 200
ISBN: 978-3-96792-064-2
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Lars
Musiker, Texter und Mensch, lebend in Berlin.