Review

Vorliebe für Fabelwesen

Wer kürzlich mit einem gewissen Gefühl der Leere die Lektüre von „John Constantine – Hellblazer 2“ beendet hat und sich nun Nachschub aus der Feder von Simon Spurrier wünscht, dem, aber natürlich auch allen anderen, möchten wir vorliegend „Disenchanted 1“ vorstellen.

Was aufs erste Hören nach der Netflix-Serie „Disenchantment“, dem aktuellsten Werk von Matt Groening, klingt, geht inhaltlich dann doch in eine erheblich andere Richtung. Allerdings teilen beide Formate die Vorliebe für Fabelwesen aller Art wie Kobolde, Leprechauns, Pixies, Elben und vor allem Feen. Groenings Vorliebe für (infantilen) Humor sucht man vorliegend allerdings vergebens. Aufgrund der verhandelten Themen, Motive und Konflikte erinnert das Buch des Briten vom Gesamteindruck eher an die Prime-Serie „Carnival Row“.

Doch genug der Vergleiche. Ob sich der Auftakt der erwachsenen Märchen-Serie in zwei Bänden lohnt, verraten wir nachfolgend.

Das kleine Volk im Untergrund

Irgendwo im Herzen Sohos gammelt in einer stillen Seitenstraße Dirty Dick´s Sex-Shop vor sich hin. Die verschmierten Scheiben sind schon lange mit Papier verklebt, auf verrußten Regalbrettern sammelt sich Staub. Ende der 19060er sollte das Gebäude abgerissen werden, um Platz zu schaffen für den Bau einer für die Londoner U-Bahn geplanten Soho-Zweigstrecke der Central Line. Doch die Strecke wurde nie gebaut, der Abriss fand nicht statt. (…) die Haltestelle an der Wardour Street ist der Ort, an dem das Glimmervolk (…) lebt und arbeitet, hofft und hasst, sich begattet, bekriegt und einzugliedern versucht…

(Auszug aus dem Nachwort zu Si Spurriers „Disenchanted 1“, Dantes Verlag.)

Dieser Auszug umschreibt die Prämisse für diese Geschichte über das kleine Volk, die magischen Wesen, recht gut.

Das Glimmervolk, die „kleinen Leute“ des Mythos, hat sich von den malerischen Landschaften, den zauberhaften Orten und den verwunschenen Wäldern zurückgezogen. Die Großen, die Menschen, haben die bunten Fabelwesen schlicht vergessen. Und so sind sie in die – oben skizzierte – Metropole Vermintown migriert. Ein echter Sündenpfuhl.

Unter den magischen Wesen Vermintowns tummeln sich auch Feen, insbesondere die Leveret-Familie, deren Geschichte wir hier primär verfolgen. Diese besteht insbesondere aus einem verzweifelten Vater, der große Geldsorgen hat; einem desillusionierten Sohn, der die alten Traditionen seines Volks der Lächerlichkeit preisgibt; einem weiteren Sohn, der ideell versucht, die urtümlichen Eigenschaften des Elfenlebens zu bewahren und aufrechtzuerhalten; sowie einer Großmutter, Tibitha Leveret, der „Ältesten“, der Stammmutter, die zwar vorgibt, die alten Bräuche und Gepflogenheiten schützen zu wollen, aber offenbar nicht mit offenen Karten spielt.

Probleme gibt es dabei allerdings nicht nur mit der eigenen Familie. Auch zwischen den Völkern der Folklore kommt es zu handfesten Auseinandersetzungen.

Fantasy mit Biss

Si Spurrier entwirft eine unwahrscheinliche Welt für Kobolde, Leprechauns, Pixies und Feen. Hier geht es alles andere als klebrig süß, niedlich und zauberhaft zu. In Vermintown herrschen Drogen, Sex und Gewalt. Dabei ist die Sprache oftmals derb und es fließt immer wieder auch reichlich Blut.

Neben der märchenhaften Ausgangslange arbeitet sich Spurrier – unkonventionell und interpretationsoffen – an allerhand weiteren politischen und gesellschaftlichen Themen ab. Ein Stück weit lässt sich in den Rückzug der Fabelwesen aus ihrer Heimat das allgegenwärtige Großstadt-Phänomen der Gentrifizierung hineinlesen. Außerdem regieren auch im magischen Untergrund Ausgrenzung, Fremdenhass, Feindseligkeit und natürlich Rassismus.

Eine spannende Geschichte, die mannigfaltige Lesarten möglich erscheinen lässt. Die Figuren sind dabei durchaus interessant geraten, wenngleich ihnen meines Erachtens (überwiegend) ein wenig die Charaktertiefe fehlt. Dies könnte umso mehr ins Gewicht fallen, da Band 2 auch bereits das Finale der Serie darstellt. Ähnlich wie beim „Hellblazer“ steht die Befürchtung im Raum, dass die Seitenzahl nicht ausreicht, um den Inhalt, insbesondere die Themen und Motive, abschließend und zufriedenstellend zu finalisieren.

Das Artwork von German Erramouspe und das detailverliebte Worldbuilding sind die Lektüre indessen für sich genommen bereits wert. Hier gibt es immer wieder Kleinigkeiten (wie Behausungen aus alten Bierflaschen, Öl- oder Getränkedosen) zu entdecken. Auch das kleine Volk kommt farbenfroh und vielfältig daher.

Fazit

Band 1 öffnet das Tor zu einer dreckigen und sündigen Märchenwelt, in der es offenkundig – erzählerisch und visuell – allerhand zu erforschen gibt. Ob zwei Bände ausreichen, um dies zufriedenstellend zum Abschluss zu bringen, bleibt abzuwarten.


Disenchanted 1

Inhalt

Was sollst du auch tun, wenn niemand an dich glaubt?

Niemand interessiert sich noch für das kleine Volk.

Einst waren sie die tragende Säule der Folklore: Kobolde, Leprechauns, Pixies und Elben. Aber heute? Enteignet, vertrieben, vergessen und ihre eigenen Traditionen anzweifelnd, sind sie nach Vermintown migriert, eine riesige und abscheuliche Millionenstadt voller drei Zentimeter großer Unzufriedener, die sich in einer verlassenen, nie in Betrieb genommenen U-Bahn-Haltestelle im Londoner Untergrund ausbreitet. Hier machen die alten Mythen der Verderbtheit Platz, den Drogen, dem Rassenhass und Bandenkriegen. Vermintown … wohin die Magie ging, um zu sterben.

In diesem Ozean aus Hemmungslosigkeit und Hexenwerk kämpft eine Familie gegen den Untergang. Doch wie sollen sie den alten Bräuchen und ihrer Kultur treu bleiben – und vor allem: einander –, wo eine ganze Stadt es darauf abgesehen zu haben scheint, sie auseinanderzureißen?

(Quelle: Dantes Verlag)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 16.06.2020
Seitenzahl: 164
ISBN: 978-3-946952-53-4
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Dantes Verlag

Copyright Cover: Dantes Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)