Review

Schon im Rahmen des diesjährigen Gratis-Comic-Tages fiel eine Leseprobe ganz besonders ins Auge: „Die Schöne und das Biest“ von Maxe L‘Hermenier versprach, eine ganz besondere Märchenadaption zu sein. Bei genauerer Betrachtung muss man wohl doch direkt festhalten: Es handelt sich weniger um eine Adaption als man erwarten könnte; „wild gemixtes Mashup“, bei dem man an jeder Ecke ein anderes Fitzelchen Grimm, Andersen oder auch Disney entdecken kann, trifft es schon eher.

Zu Beginn finden sich noch einige Parallelen zur französischen Vorlage:
Da wäre zunächst „Die Schöne“ Belle, die sich selbst versorgen kann, Bücher liebt und mit ihrem Vater sowie zwei fiesen Schwestern am Rande des gesellschaftlichen Bankrotts lebt.
Als das Dorf und ihre Familie eines Nachts von einer Horde wilder Dämonenkrieger aus einem fliegenden Schiff angegriffen wird, opfert sich Belle für ihren Schutz. Als Geisel trifft sie den Anführer der Bande, das „Biest“, das wie im Original eigentlich ein verzauberter Prinz ist. Doch das Biest möchte nicht selbst befreit werden, sondern seine Geliebte retten, die in der psychischen und physischen Gewalt eines verhexten Rosenbusches gefangen ist.
Zusätzlich kommt auch noch Belles Kindheitsfreund Liam ins Spiel, der Belle retten und am Biest Rache nehmen will.

Dieses Protagonistenquintett durchlebt nun ein bisschen Aschenputtel, Peter Pan, Fluch der Karibik, Froschkönig und Dornröschen. Dabei bleibt das zentrale „Frau muss gerettet werden“-Märchenmotiv zwar als gemeinsamer Nenner, aber die übrige Mischung wird am Ende so wild, dass es auf die einzelnen Besonderheiten gar nicht mehr ankommt. Mangelnde Kreativität lässt sich L’Hermenier hier jedenfalls nicht vorwerfen, höchstens ein bisschen Schluderei, denn vor lauter Ideen kommt er gar nicht mehr in die Tiefe, weder bei der Handlung noch bei den Protagonisten.

Davon und von der Story haben natürlich alle schon einen Einblick bekommen, die sich im Mai den Gratiscomic sicherten. Die umfangreiche Leseprobe – das gesamte erste Kapitel konnte gelesen werden – baute richtig Spannung auf. Tja, ist man nun auch in der Komplettveröffentlichung bis zu dieser Stelle gekommen, muss man mit Erschrecken feststellen, dass man dann schon Halbzeit hat! Mit 95 Seiten ist der Band nicht übermäßig üppig. Gut, man könnte auch auf den verbliebenen Seiten die Story noch gut zu Ende bringen, aber hier schwächelt „Die Schöne und das Biest“ ganz gewaltig. Ob es nun an den vielen Märchenanleihen, dem komplexen Beziehungsgeflecht oder einfach an einer Erzählschwäche liegt, lässt sich eher schwer sagen. Fakt ist: Der Spannungsbogen flacht ab, das Ende ist klischeehaft und eher enttäuschend.

Leseprobe zu "Die Schöne und das Biest" (Copyright: Splitter Verlag)

Leseprobe zu „Die Schöne und das Biest“ (Copyright: Splitter Verlag)

Bleibt noch ein großer Pluspunkt: Eingefleischten Splitter-Fans muss man hier nichts mehr sagen, auch dieser Band stellt im Comic-Regal eine Augenweide dar. Großformatig und komplett in Farbe überzeugt der detaillierte, liebevolle Zeichenstil des Zeichnerduos Dem und Looky. Dabei ist zu betonen, dass sich zwar das Cover deutlich vom Rest des Comics unterscheidet, man aber trotzdem nicht zugunsten „schöngelutschter“ Gesichter auf Ecken und Kanten passend zu den Charakteren verzichten muss. Optisch also überzeugend.

Umso bedauerlicher, dass die Story vor allem in der zweiten Hälfte die Spannung nicht hochhalten konnte. Hier sollte man vielleicht am Ende auf einige Ideen verzichten oder den Details etwas mehr Raum zur Entfaltung geben.
Märchenfans unter den Comiclesern werden an „Die Schöne und das Biest“ dennoch ihre Freude haben.

Handlung

Der weltberühmte Stoff als ingeniöse Neuinterpretation

Belle lebt bescheiden in einem kleine Haus zusammen mit ihren beiden Schwestern und ihrem Vater. Wenn sie nicht gerade gezwungen ist, den Launen ihrer zickigen und auf ihre Schönheit neidischen Schwestern nachzukommen, zieht sie sich am liebsten mit ihren Büchern in ihre Traumwelt zurück. Doch eines Nachts wird ihr Dorf von einem fliegenden Schiff angegriffen, aus dem Dämonen steigen, die sich der schmutzigen Seelen der Dorfleute bemächtigen. Aus Liebe bittet Belle diese, ihre Familie im Gegenzug für ihr Leben zu verschonen. Sie trifft daraufhin den Anführer, das Biest, und wird so in den Strudel eines furchtbaren Fluchs hineingezogen …

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Maxe L’Hermenier
ist ein französischer Comicautor, geboren am 04. Februar 1985 in Fourmies.

(Quelle: Wikipedia)

Maxe L’Hermenier – Facebook

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 01.08.2015
Seitenzahl: 96
ISBN: 978-3-95839-074-4
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer