Review

Jeff Lemire und Dustin Nguyen haben mit ihrer „Descender“-Reihe bereits ein breites Publikum überzeugen können. Schon die ersten zwei Bände erhielten nicht nur bei uns großartiges Feedback. Die Story um den kleinen Roboter-Jungen Tim-21, eine Robo-calypse und die darauf folgende Vernichtung aller Roboter ist einfach gut geschrieben und gezeichnet. Nun folgt endlich Band 3 „Singularitäten“ ‑ und damit der vorletzte Band der Reihe. Warum dieser sowohl Kunst als auch Folterwerkzeug ist, klären wir jetzt.

Der zweite Band der Reihe endete mit einem großen Cliffhanger. Nachdem Tim-21 nur knapp der Verschrottung entgehen konnte, traf er auf den Roboter-Widerstand. Dort entdeckte er, dass es einen weiteren Tim der Reihe, Tim-22, gibt. Allerdings offenbarte der zweite Tim bald sein finsteres Gesicht: Er griff Tim-21 an. Auch die übrigen Weggefährten, die Tim-21 vor Schrottern und dem Widerstand retten sollten, befanden sich in einer recht kniffeligen Lage.

Wer nun damit rechnet, dass es in Band 3, „Singularitäten“, diesbezügliche Aufklärung gibt, wird beim Aufschlagen der ersten Seiten etwas enttäuscht sein. Statt einem Vorankommen blickt Lemire nämlich erst einmal zurück in die Vergangenheit.
Er beginnt mit dem bösartigen Tim-22. Als taufrisches Fabrikat wird er von einem mittelalten Mann für dessen einsamen Vater gekauft. Dieser hasst allerdings alle „Robbies“. Tim-22 fristet von diesem Zeitpunkt an ein bitteres Leben, voll mit Ablehnung und Gewalt. Nach dem Angriff der Harvester erlebt er den Verschrottungswahn der überlebenden Bewohner des Universums. Kein Wunder, dass er sich zu so einer hasserfüllten Person entwickelt hat.

Nicht nur Tim-22 bringt uns der Autor näher. Es folgen die Lebensgeschichten von Captain Telsa, dem kleinen Hunderoboter Bandit, von Andy und seiner Exfrau Effi sowie schließlich Bohrer. Abgesehen vom Führer der Widerstandsbewegung wären damit alle Protagonisten ausführlich beleuchtet. Der Leser erfährt viele wichtige Details, die der Story noch mehr Tiefe geben.

Leseprobe aus „Descender – Singularitäten (Bd. 3)“ (Copyright: Splitter Verlag)

Alle Figuren besitzen dabei ihre eigene Dramatik, die mal still, mal besonders laut ausfällt. Es ist schwer, da die tragischste Figur auszumachen. Für mich war allerdings die Geschichte von Bohrer am berührendsten. Bohrer kam als einer der ersten gemeinsam mit seinem Kumpel Bagger auf der Bergbaukolonie Dirishu an. Nach einigen Jahren Dienst gehörten die zwei allerdings zum alten Eisen. Also mussten sie unter einem sehr ungemütlichen Menschen Dienst tun. Dieser sollte schließlich auf die harte Tour lernen, warum man auch mit seinen technischen Geräten besser nett umgehen sollte … Die Figur hat durch diese wenigen Seiten einfach enorm an Tiefe gewonnen.

Hier liegt ganz klar die Stärke dieses „Descender“-Bandes: Persönliche Schicksale verweben. Obwohl das globale Geschehen dabei in den Hintergrund rückt, bindet Lemire die Grundstory immer wieder geschickt ein. Nichtsdestotrotz bleiben hier noch viele Fragen offen: Warum kam es zum Angriff der Harvester? Was hat die Tim-Reihe damit zu tun? Und wer genau ist der Anführer der Widerstandsbewegung?

Wie nicht anders zu erwarten, bleibt es also auf den letzten Metern besonders spannend. Großartig bleibt weiterhin die zeichnerische Leistung von Nguyen, auch wenn das stark strukturierte Papier hier und da wieder kleine Details schluckt. Besonders bei einigen eher skizzenhaften, zarten Zeichnungen fehlt etwas Kontrast. Dennoch ist es die Atmosphäre, die zählt. Und hier kann „Descender 3 ‑ Singularitäten“ auf allen Ebenen absolut überzeugen.

Inhalt

Als Jeff Lemire („Sweet Tooth“) sich daran machte, sein neues Science-Fiction Epos „Descender“ zu entwerfen, nahm er an, dass die Story um den einsamen, von allen Kopfgeldjägern der Galaxie verfolgten Roboterjungen TIM-21 ihn in die entferntesten Winkel des Weltalls führen würde. Stattdessen landete er in Hollywood. Denn kaum hatten er und Zeichner Dustin Nguyen ihr Projekt im letzten Sommer erstmals öffentlich in groben Zügen umrissen, gaben sich die Filmstudios bei ihnen die Klinke in die Hand. Eine Verfilmung von Sony Pictures ist bereits in Planung.

Eine bewegende Geschichte über die emotionale Zweischneidigkeit künstlicher Intelligenz, von Dustin Nguyen in atmosphärisch dichte Aquarelle umgesetzt, deren Einflüsse von Miyazaki und Otomo bis Stanley Kubrick („2001“) reichen. Und schon jetzt einer der SF-Comics des Jahres!

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Jeff Lemire,
geboren am 21. März 1976, ist ein kanadischer Comicautor und Autor von der Essex County Trilogy, Sweet Tooth, The Nobody und The Underwater Welder. Lemire ist bekannt für seine launischen, humanistischen Geschichten und seinen skizzenhaften, filmischen Schwarzweiß-Zeichenstil.

(Quelle: Wikipedia)

Jeff Lemire – Homepage
Jeff Lemire – Twitter

Details

Format: Hardcover (Bookformat)
Veröffentlichung: 01.03.2017
Seitenzahl: 120
Band: 3 von 4
ISBN:978-3-95839-168-0
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer