Review

Was haben eine alleinerziehende arbeitslose Mutter, ein Handyspielsüchtiger Junge, ein ambitionierter Archäologe, ein mit dem IS handelnder Antiquitätensammler und zwei palästinische Schmuggler gemeinsam? Außer der Tatsache, dass sie in einer der konfliktreichsten Regionen der Welt wohnen und alle ihre menschlichen Sorgen und Ängste haben, auf den ersten Blick nicht viel. Doch tatsächlich begeben sie sich in dieser Geschichte auf die waghalsige Suche nach der sagenumwobenen Bundeslade. Ob sie erfolgreich werden, wird in dieser Rezension natürlich nicht erzählt. Was Rutu Modan neben dieser Rahmenhandlung sonst noch behandelt, soll an dieser Stelle seinen Raum finden.

Die Handlung und Themen

Nili ist alleinerziehende Mutter des schwer nach Handyspielen abhängigen Jungens Doktor. Sie erhält von ihrem Bruder Broshi den Tipp, dass sich in der Sammlung des Antiquitätensammlers Abuloff eine der alten Keilschriften befinden soll, die ihr Vater damals als Archäologe selber nutzte. Sie soll den Weg zur Bundeslade beschreiben und Nili wittert ihre Chance auf ein Abenteuer und möglichen Ruhm.

So schafft sie es innerhalb kurzer Zeit, den Antiquitätenhändler, einen umtriebigen Geschäftsmann mit Mannschaft und Gerätschaften und sogar ihren einst skeptischen Bruder in die Suche nach dem mystischen Gegenstand zu involvieren. Es beginnt eine abenteuerliche und auch aufregende Suche nach einem der größten und sagenumwobenen Schätze der Welt. Währenddessen entstehen skurrile Ereignisse, die allesamt tiefe Einblicke in die Lebenswelt der Menschen Israels und des Westjordanlandes liefern.

Rutu Modan, 1966 in Tel Aviv geboren, beschreibt manchmal beiläufig, sodass es einen gleichzeitig nie mit erhobenem Zeigefinger belehren will, manchmal ganz direkt durch Dialoge oder Handlungen der Figuren, ein Stück der Mentalitäten der Menschen beider Seiten der Mauern des Westjordanlandes. Die israelische Siedlungspolitik, religiöse Auslegungen der Thora, alltägliche Probleme und Lösungen der israelischen Lebenswelt, das Streben nach Anerkennung in der Öffentlichkeit, menschliche Niedertracht und eine Suche nach etwas Unerreichbarem sind einige der Themen, die die Autorin und Zeichnerin dieses Werks spielerisch zu erzählen schafft.

Viele der angesprochenen Themen behandelt sie humoristisch, leichtfüßig und häufig mit einem Augenzwinkern. Manches (wie Sexualität oder die gelebte Religionsfeindlichkeit zwischen Israeliten und Palästinensern) streift Modan an und lässt einen mit einem Gefühl zurück. Wie man dann als Leser damit umgeht, ist eine persönliche Angelegenheit, allerdings bringt sie Themen auf den Tisch und kehrt sie nicht unter einen moralischen oder religiösen Teppich, um nicht darüber reden zu müssen.

Der Stil

Die Zeichnungen erinnern sehr an frankobelgische Werke. Ihre Zeichnungen sind ganz aufgeräumt, nicht viel mit Dimensionalität spielend, häufig simpel, aber sehr einfallsreich und in ihrer Bildsprache schon komisch auf ihre ganz eigene Art.

Einblick in die Graphic Novel „Der Tunnel“ von Rutu Modan. (Copyright: Carlsen Verlag)

Allein die Eröffnungsszene, in der sich Doktor immer wieder gestört durch den Anruf Broshis seinem Handyspiel widmen will, lässt auf die spielerische Art Modans im Umgang mit dem Medium Comic Rückschlüsse zu. Die Panelstruktur ist dem konventionellen Stil geschuldet auch sehr regulär, obwohl sich hier und da einige originelle Ideen finden lassen.

Durch die Simplizität der Darstellung wirken die Figuren gezwungenermaßen mehr durch ihre Worte und Handlungen. Dies ist in Anbetracht der Thematiken und des Handlungsortes mehr als adäquat.

Fazit

„Der Tunnel“ ist ein komisches, gleichzeitig zum Nachdenken anregendes Werk. Die Kategorie „Graphic Novel“, in die der Carlsen Verlag diesen Comic einordnet, wird mit diesem Werk mehr als gerechtfertigt ausgefüllt. Rutu Modan gelingt es, ihre Kultur, die Motive dieser, einige Probleme damit und auch eine gehörige Menge Menschliches in ihrer Geschichte auszuerzählen.

Als Einstiegspunkt in die Gesamtwerke Rutu Modans ist diese Graphic Novel eine wirklich gute Wahl und kann jedem, der sich für die Lebenswelten der Menschen an der Mauer Israels interessiert, eine gelungene Empfehlung sein.


Tunnel – eine israelische Satire

Inhalt

Eine politische Abenteuergeschichte

„Dies ist mein politischstes und komischstes Buch zugleich“, sagt die israelische Comiczeichnerin Rutu Modan. Mit ihrer neuen Graphic Novel zeigt sie, wie man mit den Mitteln der Satire sehr unterhaltsam gegen die Verbohrtheit und für den Frieden kämpfen kann.

Die Suche nach der Bundeslade

Sperranlagen an Grenzen bringen die Menschen dazu, nach Möglichkeiten zu suchen, sie zu umgehen. Stellen Sie sich vor, eine Gruppe Israelis baut einen Tunnel in die Westbank, weil sie dort religiöse Artefakte vermutet. Ebenso zielstrebig bauen Palästinenser in entgegengesetzter Richtung ihren unterirdischen Gang. Als sich diese Wege kreuzen, müssen sie sich irgendwie arrangieren, wenn sie nicht auffliegen wollen.

Eine Gesellschaftssatire

In diesem Comic vermischt Rutu Modan eine Abenteuergeschichte, die an Indiana Jones erinnert, mit einer Gesellschaftssatire über den israelisch-palästinensischen Konflikt. Die Finessen und Wendungen in diesem Comic sind ebenso vielfältig und kompliziert wie in der Lebenswirklichkeit vieler Menschen in Israel und dem Westjordanland. Dabei hält sie sich mit eindeutigen, gar plumpen Meinungsäußerungen zurück, und konzentriert den Blick stattdessen auf die Protagonisten dieses grotesken Stücks: Ärchäologen, Schatzsucher, Schmuggler, die zufällig auch Israelis, Palästinenser oder einfach Menschen sind, die unterhalb der großen Politik ihr Leben meistern müssen. Selten wurde dieser große Konflikt so anregend, so komisch, so abenteuerlich dargestellt!

(Quelle: Carlsen)

Autorin

Rutu Modan
ist 1966 in Tel Aviv geboren, wo sie als Comicautorin und Illustratorin arbeitet. In Israel mehrfach als Kinderbuchautorin ausgezeichnet, wurde sie international als Comiczeichnerin bekannt dank Actus Tragicus, einem israelischen Künstlerkollektiv und Verlagshaus für alternative Comicautoren. Actus Tragicus wurde 1995 von Mira Friedmann, Batia Kolton, Rutu Modan, Yimri Pinkus und Itzik Rennert gegründet und hat sich international einen ausgezeichneten Ruf erworben. Nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung an der Bezalel Academy of Art and Design in Jerusalem (1992), begann sie regelmäßig Comic-Strips und Geschichten in führenden Zeitungen Israels zu veröffentlichen. 2001 gewann sie den Andersen Award für Illustration. Außerdem war sie Mitherausgeberin der israelischen Ausgabe von MAD-Magazine. Seit 2005 gehört sie zu den von der Israel Cultural Excellence Foundation (IcExcellence) ausgezeichneten „hervorragenden Künstlern Israels“. Im November 2006 wurde ihre Graphic Novel „Blutspuren“ (im Original: „Exit Wounds“) veröffentlicht und löste damit in der Presse und bei ihren Lesern große Begeisterung aus. Die französische Ausgabe wurde im Frühling 2008 beim renommierten internationalen Comic-Fesitval in Angoulême mit dem Prix France Info ausgezeichnet. Rutu Modan ist in Israel und im Ausland als Illustratorin und Texterin tätig, sie hat bereits für die New York Times, den New Yorker und Le Monde gearbeitet und veröffentlicht ihre Werke weltweit. „Das Erbe“ ist ihre zweite Graphic Novel, die zum Teil autobiographisch ist.

(Quelle: Carlsen)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 22.12.2020
Seitenzahl: 280
ISBN: 978-3-551-78592-3
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Lars
Musiker, Texter und Mensch, lebend in Berlin.