Review

Mit „Der spazierende Mann“ bringt der Carlsen Verlag das – jedenfalls hierzulande – wohl bekannteste Werk des mehrfach preisgekrönten Autoren und Mangaka Jiro Taniguchi, der am 11. Februar 2017 im Alter von 69 Jahren viel zu früh verstorben ist, auf den Markt.

Dabei handelt es sich um eine neue und erweiterte Ausgabe. Das Buch erscheint erstmals originalgetreu in japanischer Leserichtung, mit über 30 unveröffentlichten Seiten und als Hardcover in einem größeren Format. Jeder Leser/jede Leserin, der/die dieses viel beachtete und gelobte Werk noch nicht in der heimischen Sammlung hat, hat nunmehr also die perfekte Möglichkeit, sich dieses ins Regal zu stellen.

Ob sich die Lektüre und mithin die Reise des spazierenden Mannes durch den Alltag der japanischen Großstadt lohnt, verraten wir euch nachfolgend.

Die kleinen Dinge im Leben

Eine Inhaltsangabe des renommierten Werks ist geradezu obsolet.

Oberflächlich verrät uns bereits der Titel, was wir hier erhalten. Wir verfolgen die Erlebnisse (Abenteuer wäre in der Tat zu viel gesagt) eines jungen und vollkommen unscheinbaren Mannes. Gemeinsam mit seiner Frau bezieht er ein neues Haus in der Vorstadt. Dort hat der Vorbesitzer des Anwesens einen kleinen Hund scheinbar zurück- und seinem Schicksal überlassen. Das Paar beschließt, den frisch getauften „Flocke“ zu behalten und fortan begleitet das treue Tier den Mann auf – nahezu – allen seinen Spaziergängen.

In zahlreichen Kurzgeschichten, die auf beschauliche Titel wie „Vögel beobachten“, „In der Stadt“ oder auch „Das Meer sehen“ hören, streift der namenlose Protagonist durch den Vorort, die Großstadt oder auch die Natur, um sich an den kleinen und großen Dingen des Alltags zu erfreuen – eigentlich nur an den kleinen Dingen.

Bedeutung und Analyse

„Der spazierende Mann“ von Taniguchi ist in jeder Hinsicht ein selbstbewusstes und ungewöhnliches Buch; insbesondere auch ein ungewöhnlicher Manga. Nicht umsonst hat man sich offenbar bei Carlsen entschieden, das renommierteste Werk des Manga-Zeichners unter dem Banner „Graphic Novel“ zu veröffentlichen. Zu dieser Begrifflichkeit kann man als Comic-Leser nun stehen, wie man will, jedenfalls soll in diesem Zusammenhang sicherlich eine gewisse Anerkennung für die Arbeit des Künstlers und vor allem für die Tiefgründigkeit seiner Gedanken zum Ausdruck gebracht werden.

Die Kurzgeschichtensammlung weist augenscheinlich autobiografische Züge auf und strahlt eine nicht von der Hand zu weisende Lebenserfahrung und Lebensweisheit aus. Es ist in gewisser Hinsicht ein Appell an alle Menschen, sich (immer wieder) an den kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen und aus ihnen Energie zu schöpfen. Dem vermeintlich unscheinbaren Protagonisten, der offenbar schlichtweg gerne spazieren geht, kommt dabei eine symbolische Vorbildfunktion für die Leserschaft zu. So ist dieser stets aufmerksam, aufrichtig interessiert, unternehmungslustig und aufgeschlossen und nimmt seine Umwelt ganz bewusst wahr – er beobachtet schlicht die kleinen, schönen Dinge.

Jiro Taniguchi gelingt es meines Erachtens eindrucksvoll, auch im Leser den Wunsch hervorzurufen, mit größerer Gelassenheit und Freude das vermeintlich alltägliche und profane Leben zu genießen, das Unscheinbare und Nebensächliche aufzusaugen und für solche Dinge auch empfänglich zu sein und zu bleiben.

Die Stimmungen und die Atmosphäre sind einfühlsam und im besten Sinne unspektakulär. Es erstaunt umso mehr, dass ein solches Buch, in dem die Hauptfigur nun mal primär dem Müßiggang frönt, (ausgerechnet) aus Japan stammt. Man denke schlicht an die japanische Gesellschaft, ihre grundsätzliche Arbeitsmoral und ihre intensive Einstellung zur Arbeit.

Leseprobe aus der neuen und erweiterten Ausgabe von Jiro Taniguchis „Der spazierende Mann“. (Copyright: Carlsen)

„Der spazierende Mann“ ist schlechterdings ein besonderes Buch. Oftmals wurde das Werk mit europäischen Künstlern und Interpreten verglichen und Taniguchi gar als der europäischste unter den japanischen Comiczeichnern bezeichnet. Wiederum versteckt sich hier durchaus ein holpriges Kompliment. Das Buch kommt mit wenig gesprochener Sprache respektive wenig Sprechblasen aus; überbordende Action oder Klamauk sucht man vergebens. Überdies sind die Zeichnungen klar und absolut detailverliebt. Die stillen Beobachtungen wären indes weit weniger anrührend, wären da nicht auch die hervorragenden Bilder Taniguchis.

Gibt es schulmeisterlich überhaupt etwas zu bekritteln? Nun ja, eine Kurzgeschichte widmet sich dem Seitensprung des Protagonisten und will sich nicht so recht in die übrigen Geschichten um den so ausgeglichen wirkenden Charakter einfügen.

Und sonst? Das Buch verlangt nach einem Leser, der sich auch an einer Sammlung ganz alltäglicher Szenen erfreuen kann. Dies ist aber wohl eher ein Hinweis denn eine tatsächliche Beanstandung. Man möge es im Hinterkopf behalten und sich ehrlich hinterfragen.

Fazit

Ein großartiges Buch und eine starke Neuauflage, die durch das einfühlsame Nachwort von Hirokazu Koreedas („Shoplifters – Familienbande“), seines Zeichens selbst ein großer Erzähler beschaulicher Geschichten, perfekt abgerundet wird.


Der spazierende Mann (erweiterte Ausgabe)

Inhalt

Jiro Taniguchis bekanntestes Buch erstmals originalgetreu in japanischer Leserichtung, mit über 30 unveröffentlichten Seiten – als Hardcover in einem größeren Format.

Leise Stimmungen einfangen, Atmosphäre aufbauen, Empfindungen auslösen… Kaum einer versteht sich so gut auf dieses Handwerk wie Jiro Taniguchi. Der Autor und Zeichner lässt seinen Protagonisten schlichtweg spazieren gehen. Ein ländlich geprägter Vorort einer japanischen Großstadt bildet das äußere Szenario der achtzehn Episoden. Nach innen zählen rein die stillen Beobachtungen der Natur, der Mitmenschen, des eigenen Verhaltens − eine Sammlung ganz alltäglicher Szenen, die in ihrer Schlichtheit verzaubern.

(Quelle: Carlsen)

Künstler

Jiro Taniguchi
wurde 1947 in Tottori, Japan, geboren und gilt heute weltweit als einer der renommiertesten Mangazeichner. Seine Karriere als Zeichner startete er 1972 mit dem Manga »Kareta Heya«. Ab 1974 entstanden unter der Mitarbeit des Journalisten Natsuo Sekikawa Kriminalstorys, zu Beginn der 1980er Jahre schuf er mit Szenarist Carib Marley mehrere Boxergeschichten. An der Serie »Botchan no Jidai Kara« (dt. etwa »In der Zeit von Botchan«), einem Werk über das intellektuelle Leben in Japan gegen Ende des 19. Jahrhunderts, arbeitete der Zeichner ab 1986 und wurde mit Erscheinen des fünften Bandes im Jahr 1998 dafür mit dem Osamu-Tezuka-Culture-Award geehrt.

Neben weiteren Genre-Arbeiten wie »NY no Benkei« (übers. »Benkei in New York«, 1994) begann Taniguchi in den 1990er-Jahren seinen Geschichten einen persönlichen Ton zu geben und aus dem Alltäglichen heraus zu erzählen. So entstand neben »Inu o Kau« (dt. TRÄUME VON GLÜCK), einer einfühlsamen Schilderung des Sterbens eines Haustieres, die Kurzgeschichtensammlung »Aruku Hito« (dt. DER SPAZIERENDE MANN). 1994 folgte »Chichi no Koyomi« (dt. DIE SICHT DER DINGE), 1997 erschien der Band »Harukana Machi-E«, für den er auf dem internationalen Comicfestival in Angoulême 2003 als bester Szenarist ausgezeichnet wurde. Dieses Schlüsselwerk erschien unter dem Titel VERTRAUTE FREMDE 2007 bei Carlsen und wurde auch in Deutschland bereits zweimal prämiert: als »Comic des Jahres 2007« sowie – auf dem Comic-Salon Erlangen 2008 – mit dem Max-und-Moritz-Preis als »Bester Manga«. Weitere Titel folgten, darunter der autobiografisch inspirierte Band EIN TOD IM WINTER über einen aufstrebenden Manga-Zeichner, den es in die Metropole Tokio zieht, sowie DER KARTOGRAPH, eine im historischen Edo angesiedelte Geschichte.

Jiro Taniguchi gilt heute weltweit als einer der renommiertesten Manga-Zeichner, dessen Werke auf Deutsch bei Carlsen und Schreiber und Leser erscheinen. Für einige Geschichten arbeitete er mit anderen Autoren wie Masayuki Kusumi (DER GEHEIME GARTEN VOM NAKANO BROADWAY und DER GOURMET) oder Autorinnen wie Hiromi Kawakami (DER HIMMEL IST BLAU, DIE ERDE IST WEISS) zusammen. Mit DIE WÄCHTER DES LOUVRE schuf Taniguchi 2014 ein großformatiges Album als Auftragsarbeit des Museum Louvre, das jährlich in Zusammenarbeit mit dem französischen Verlag Futuropolis berühmten Comickünstlern einen eigenen Blick auf die ehrwürdige Kulturinstitution gewähren lässt. Im Jahr 2016 erschien IHR NAME WAR TOMOJI, die Lebensgeschichte Tomoji Uchidas, die in den 1930er-Jahren den buddhistischen Shojushin-Tempel in Tachikawa gründete. Sensibel und eindringlich beschreibt Taniguchi ihre Kindheit und Jugend in einem Dorf am Fuße des Yatsugatake während der Taisho-Epoche (1912-1926).

2016 ehrte der Comic-Salon Erlangen den Künstler mit einer großen Ausstellung. Sein mit einer kleinen Rahmenhandlung versehener, komplett farbiger Bildband VENEDIG (der zunächst als Buchedition exklusiv für Louis Vuitton entstand), ist 2017 als reguläre deutsche Buchhandelsausgabe bei Carlsen erschienen.

Am 11. Februar 2017 verstarb Jiro Taniguchi im Alter von 69 Jahren.

(Quelle: Carlsen)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 02.03.2021
Seitenzahl: 240
ISBN: 978-3-551-77884-0
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)