Review

Der Schelmenroman

Im Vorwort zu „Der große Indienschwindel“ erfahren wir Leser in aller Kürze das Wichtigste, was es über den Schelmenroman (span. Novela Picaresca) oder auch pikaresken Roman zu wissen gibt.

Im typischen Schelmenroman, dessen Wurzeln ins Spanien des 16. Jahrhunderts reichen, erzählt uns ein Vagabund, Taugenichts oder auch Müßiggänger in der Rolle des Ich-Erzählers letztlich von sich selbst, von seinen Abenteuern und Begegnungen, die ihn quer durch alle gesellschaftlichen Schichten und Kulturen führen.

Eine der Koryphäen des Schelmenromans aus Spanien des Goldenen Zeitalters ist Literat Francisco de Quevedo, der mit Der abenteuerliche Buscón oder Leben und Taten des weitbeschrieenen Glücksritters Don Pablos aus Segovia: Eine kurzweilige Geschichte“ eines der Hauptwerke der Gattung ersonnen hat. Eine angekündigte Fortsetzung aus der Feder de Quevedos folgte jedoch nie und so wagen sich nunmehr Mit Mantel und Degen“-Szenarist Alain Ayroles und Blacksad„-Zeichner Juanjo Guarnido an eine inoffizielle Fortsetzung im Comic-Format.

König der Betrüger und Schwindler

Don Pablos stammt aus Segovia und aus ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater gab ihm mit, dass Arbeit nur etwas für Idioten sei. Eines Tages bricht der Schelm gen Indien, in die Neue Welt auf, um unter anderen Menschen und in einem anderen Land Einfluss auf sein Schicksal zu nehmen.

Zunächst meint es das Schicksal jedoch alles andere als gut mit dem Spitzbuben.

Bereits auf seiner ersten Schiffsreise wird er über Bord geworfen und es folgt eine ebenso schreckliche wie wundersame Irrfahrt für Don Pablos. Zunächst landet er unter Sklaven. Er schafft – kurzzeitig – den gesellschaftlichen Aufstieg, stürzt aber wieder ab. Als Mittelloser gerät er in den Dienst eines unerbittlichen und orthodoxen Predigers. Schließlich landet er an der Seite des stattlichen Caballeros Don Diego. Aber sein Ziel, ein reicher Mann zu werden, verliert er dabei nicht aus den Augen. Das Ziel liegt in den sumpfigen Niederungen, im Urwald der Neuen Welt: Eldorado.

Ein spanischer Edelmann versucht schließlich aus Don Pablos herauszukitzeln, ob dieser tatsächlich über eine Karte verfügt, die den Weg nach Eldorado weist oder ob er bereits Gold – oder zumindest Silber – gefunden hat. Es ist jedoch gar nicht so leicht, aus Pablos endlosen Erzählungen wesentliche Informationen zu ziehen.

Kritik

Lange Zeit über lässt der Spitzbube Don Pablos seinen aufbrausenden Inquisitor, dem er seine gesamte Lebensgeschichte offenlegt, bzw. Szenarist Alain Ayroles den Leser darüber im Dunkeln, was Pablicos hier für ein Spielchen spielt.

Was bis zum dritten und letzten Kapitel wie eine geradezu typische Geschichte über die Konquistadoren des 16. Jahrhunderts, deren Abenteuerlust sowie deren Reise in das sagenumwobene Eldorado, das vermeintliche Goldland, wirkt, entpuppt sich nach einem gehörigen Plot-Twist zu einem intelligenten und amüsant inszenierten Ganovenstück. Um Spoiler zu vermeiden, soll hier freilich nicht zu viel verraten werden.

Die Suche nach Reichtum und Anerkennung führt Don Pablos bis in die entlegensten Winkel der Erde. (Copyright: Splitter Verlag)

Nur so viel sei gesagt: Don Pablos aus Segovia ist nicht nur ein Spitzbube, Betrüger, Schelm oder Schlawiner, sondern vielmehr ein Erzschelm, Obergauner und Überganove, der mit allen Wassern gewaschen ist. Ayroles nutzt zu diesem Zwecke meisterlich das Stilmittel des unzuverlässigen Erzählens, das eine ganze Lebensgeschichte zum Ende hin im neuen Licht erstrahlen lässt.

Für grandiose Bilder sorgt dabei durchgehend Zeichner Juanjo Guarnido, der nicht nur umwerfende Splash-Pages mit Urwald-Motiven präsentiert, sondern auch seine Figuren – und insbesondere den undurchsichtigen Antihelden Pablicos – mit einer unnachahmlichen Mimik ausstattet.

Fazit

Gerade zwischen Einführung und Mittelteil von „Der große Indienschwindel“ ist die eine oder andere erzählerische Länge nicht von der Hand zu weisen. Allerdings folgt später ein intelligenter Twist, der viel Gesehenes am Ende anders erscheinen lässt als noch zu Beginn. Daneben ist das Artwork von Guarnido über jeden Zweifel erhaben.

Comic-Freunde sollten sich diesen „Schelmen-Comic“ nicht entgehen lassen. Wer neugierig geworden ist, sei noch darauf hingewiesen, dass das edle Hardcover im Über-Überformat aus dem Splitter Verlag selbst für das gerne genutzte und geräumige KALLAX-Regal eines schwedischen Möbel-Herstellers noch eine Spur zu groß ist. Es gilt also für dieses raffinierte Werk der grafischen Erzählkunst, diese gekonnte Hommage an den pikaresken Roman, einen besonderen Platz zu finden.

Inhalt

Er ist ein wenig vertrauenswürdiger, aber hochsympathischer Spitzbube, dieser Don Pablos aus Sevilla, der uns hier aus seinem wildbewegten Leben im Spanien des Goldenen Zeitalters erzählt – und in jenem Amerika, das man damals noch für Indien hielt.

Mal versunken im Elend, mal überaus reich, mal verachtet und dann wieder verehrt, führen ihn seine unglaublichen Abenteuer aus der Gosse in Paläste, von den Gipfeln der Anden in die sumpfigen Niederungen des Amazonas und schließlich zu jenem mythischen Ort, wo alle Träume von der Neuen Welt zusammenlaufen: Eldorado!

(Quelle: Splitter Verlag)

Details

Format: Hardcover, Sonderformat 25 x 35 cm)
Veröffentlichung: 23.08.2019
Seitenzahl: 160
ISBN: 978-3-96219-360-7
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)