Review

God hates masks

Am 11. Januar 2017 öffnete sich der Himmel über Colorado, und etwas, das man nur als Superhelden-Sommer-Event“ beschreiben kann, brach über die Welt herein. So weit, so gewöhnlich in den Sommermonaten. Schließlich kommt es in der Welt der Superhelden dann oftmals zu umwälzenden Ereignissen, Krisen, spektakulären Events aller Art oder eben Crossovern. Ungewöhnlich macht das Ganze vorliegend, dass die Superhelden, Antihelden und Schurken nunmehr in der „echten Welt“ anzutreffen sind. Einige Monate nach dem Crossover der anderen Art hat einer der Helden die Idee, ein Kraftfeld bzw. eine Kuppel über Colorado zu errichten. In dieser Parallelgesellschaft leben, kämpfen und töten seither die Superwesen aus einer anderen Realität.

In der Wirklichkeit der „normalen Menschen“ befeuert das „Ereignis“ indessen sehr irdische und zeitgemäße Reaktionen: Fake News, Ausgrenzung, Hass und Hetze schlagen um sich. Insbesondere Comicautor:innen und -zeichner:innen sowie die entsprechende Leserschaft werden zum Feindbild auserkoren. Wer schrille Outfits, bunte Capes und Ganzkörperanzüge aus Latex mag, der/die lebt nun gefährlich auf den Straßen. So ergeht es auch der Protagonistin und Erzählerin Ellipse Howell alias Ellie. Die junge Frau ist leidenschaftliche Cosplayerin und arbeitet in einem Comicbuchladen – dieser Tage eine explosive Mischung.

Apropos „explosiv“: Die Lage eskaliert, als die kleine Ava im Comic-Store auftaucht. Denn immerhin ist das Mädchen anhand der prägnanten Rasterfolie im Gesicht unschwer als fiktionale Figur in der Realität zu erkennen. Nach einem Brandschlag beschließen Ellie und ihr guter Freund, der Ladenbesitzer Otto, das Mädchen aus der anderen Realität in die Kuppel zurückzubringen.

Referenzreiche >Meta-Geschichte< und Liebeserklärung 

Mit „Crossover 1: Kinder lieben Ketten“ liegt hierzulande der erste Band der bereits jetzt umjubelten neuen Serie von Autor Donny Cates vor. Der Texaner gilt seit einiger Zeit als Marvels neuester Senkrechtstarter, Shootingstar und Top-Autor. Etliche großartige Titel und Serien der jüngeren Vergangenheit geben ihm Recht („King in Black 1 – Die Ankunft“, „Venom 8: Der König in schwarz“, „Silver Surfer: Black – Gott der Finsternis“).

Nun inszeniert Marvels neuer Superstar beim Independent-Label Image Comics also seine persönliche Liebeserklärung an die Neunte Kunst. Cates entwirft hier ambitioniert ein Event-Crossover der übergeordneten Sorte. Quasi ein Comic im Comic über Comics – oder so ähnlich. Freilich gerät diese Erzählung – schon aufgrund des Konzepts – als ein Flechtwerk von Zitaten, Anspielungen und Querverweisen, angereichert mit Zeitgeschichte (Fake News, Hass und Hetze), aber auch der einschlägigen Comicgeschichte im Rahmen der Weltliteratur. So lässt Donny Cates im Laufe seiner Geschichte allerhand Namen von prestigeträchtigen Kollegen fallen wie z.B. Chip Zdarsky („Batman: Urban Legends – Waffengewalt“), Brian K. Vaughan („Paper Girls 5“), Scott Snyder („Batman: Der letzte Ritter auf Erden“) oder auch Robert Kirkman („Invincible 8“). Wie schon in der (wirklichen) Vergangenheit sehen sich die Kreativen hier Anfeindungen und Hass ausgesetzt. Hier webt Cates passenderweise auch den umstrittenen Psychiater und Publizist Fredric Wertham in die Story ein, welcher mit seinen fragwürdigen Thesen maßgeblich die Entstehung und Ausformung des „Comics Code“ (also der strengen Restriktion und Beschneidung der Neunten Kunst) geprägt hat.

Freilich dürfen in einer Liebeserklärung an die Neunte Kunst auch die maßgeblichen Hauptakteurinnen und Hauptakteure nicht fehlen. Und so bekommt es die Leserschaft vorliegend natürlich auch mit allerhand Comicfiguren zu tun. Vor allem aus rechtlichen und Lizenzgründen werden die großen Helden von Marvel und DC zwar nur schemenhaft angedeutet. Der aufmerksamen Leserschaft werden beispielsweise Batmans behandschuhte Arme dennoch nicht entgehen, wenn sie durch die Gitterstäbe einer Haftanstalt ragen. Auch der Schild von Captain America wird in einem Museum recht offenkundig zur Schau gestellt. Daneben hat der umtriebige Cates allerdings auch Vereinbarungen mit großen Kollegen der Branche getroffen, deren Figuren er unmittelbar verwenden darf und denen ein großer Dank im Nachwort gilt. So tritt Hit-Girl aus der „Kick-Ass“-Reihe recht actionreich und prominent in Erscheinung, und auch Colonel Weird aus dem „Black Hammer“-Universum richtet das Wort an unsere Hauptfigur.

Leseprobe aus „Crossover 1: Kinder lieben Ketten“. (Copyright: Splitter Verlag)

Man kann an all diesen Zutaten bereits ablesen, dass wir es hier mit einer abwechslungsreichen, charmanten und unterhaltsamen Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit zu tun haben. Dabei profitiert diese facettenreiche Story mit Wucht und Gehalt auch von den fantastischen Zeichnungen eines gewissen Geoff Shaw, der sein ganzes Können präsentiert und bereits zuvor erfolgreich mit Cates zusammengearbeitet hat („Thanos Megaband 2: Herrscher des Universums“).

In den ganz großen Jubelsturm möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt dessen ungeachtet (jedenfalls noch) nicht einsteigen. Ja, der Auftakt der Reihe ist bislang sehr spielerisch, anspielungs-, referenz- und facettenreich. Allerdings frönt auch dieses Werk natürlich der gegenwärtig bedenklichen Franchise-Zitationskultur, in welcher Fanservice, Gastauftritte und reichlich Nostalgie oftmals mit echter Kreativität und Gegenentwürfen verwechselt werden. Diesem Vorwurf muss sich das große „Crossover“ zwar (noch) nicht stellen. Allerdings bleibt zu konstatieren, dass die eigentliche Handlung bis zum jetzigen Zeitpunkt doch überschaubar geblieben ist und eine komplexe Figuren- und Charakterentwicklung noch vergeblich gesucht werden muss.

Fazit 

In Anlehnung an die spektakulären Events der großen Verlage von Marvel und DC Comics präsentiert Comic-Wunderkind Donny Cates eine bunte Mischung aus Realität und Fiktion, die sich künftig noch etwas mehr für die „eigenen Figuren“ interessieren dürfte.


Crossover 1: Kinder lieben Ketten

Inhalt

»Crossover« ist ein Comic für Comic-Fans und Comic-Skeptiker gleichermaßen, eine Liebeserklärung an die Neunte Kunst und ein Gedankenexperiment über ihren Ge- und Missbrauch.

Geschichten, Mythen, Legenden… sie sind keine Fiktion. Sie sind ein Virus. Und der breitet sich aus.

In einer Welt, in der jede Comicfigur, die es jemals gab, Realität ist und in der Superhelden und Erzschurken zur verheerenden Naturkatastrophe wurden, sind Comicleser Ausgestoßene und Comicautoren ernten echten Hass. In dieser Welt begibt sich Cosplayerin Ellie auf eine lange Reise, um ein kleines Mädchen zurück nach Hause zu bringen (und sich dabei vielleicht selbst zu retten).

(Quelle: Splitter Verlag)

Details

Format: Hardcover, Bookformat
Veröffentlichung: 27.07.2022
Seitenzahl: 176
Band: 1 von X
ISBN: 978-3-96792-271-4
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)