Review

Die Lost Places-Fotografie ist im Mainstream schon lange angekommen, eigentlich fehlt nur noch ein in Vorzimmern hängendes standardisiertes Ikea-Bild zum absoluten Ruhm. Trotzdem versuchen immer mehr Fotografen ihre atmosphärischen Stillleben von Gebäuden, die seit kürzerer oder längerer Zeit leer stehen und langsam aber sicher verfallen, unters Volk zu bringen. Burkhard Schade hat es mit „Farben des Verfalls. Vergessene Orte zwischen Dresden und Meißen“ dennoch geschafft, zwischen der zahlreichen Konkurrenz eine Nische für seine Fotografien zu finden.

Hält man den großformatigen Bildband zum ersten Mal in der Hand, wird der Unterschied zu anderen Genrevertretern nicht sofort offensichtlich. Natürlich ist die Farbfotografie noch ein „bunter Hund“, und die Veröffentlichung im Jahr 2014 zeugt davon, dass Schade in diesem Bereich sicherlich zu den Vorreitern gehörte, aber es gab eben schon vorher einige Coloristen unter den Lost Places-Jägern.

Ebenso wenig unterscheidet sich auf den ersten Blick seine Motivwahl von anderen. Schade findet seine Inspiration in der Nähe seines Lebensumfeldes; er besucht alte Fabriken, Sanatorien, Bahnhöfe und Schlösser. Insgesamt elf verlassene Orte hat er, zum Teil mehrfach, aufgesucht. Sein Fokus liegt dabei weniger auf einem industriellen Umfeld, stattdessen wählt er schwerpunktmäßig „Lebensraum“ für seine Betrachtungen aus. Den morbiden Charme dieser ehemals glanzvollen Gebäude fängt er durch großformatige Außenaufnahmen und stimmungsvolle Bilder aus dem Inneren geschickt ein. Dass er dabei, wie das Vorwort verrät, nur natürliche Lichtquellen nutzt, ist den Fotografien anzusehen, die unterschiedliche Lichtstimmungen gekonnt wiedergeben. Allerdings erkauft er diese Authentizität teilweise durch große Schattenflächen, die vom eigentlichen Inhalt der Fotografie ablenken.

Das alles ist sicherlich hübsch anzusehen, unterscheidet sich aber nicht so stark von anderen Fotografien. Wirkliche Kleinode verstecken sich allerdings zwischen diesen Must haves: In einzelnen Detailaufnahmen von splittrigen Farben, bröckelndem Putz, rostigen Zahnrädern oder fleckigen Gewölben zeigt sich ein feines Auge für Farbnuancen und Details, die den Betrachter wirklich fesseln. Besonders durch gelungene Arrangements und Gegenüberstellungen verschiedener Aufnahmen entsteht ein fast schon kommunikatives Spannungsverhältnis, das sich erfolgreich von einem Gebäudetypus emanzipiert und wirklich zu den „Farben des Verfalls“ hinführt.

Auch die Mischung mit urbanen Kunstformen unterstreicht das Bestreben, den „besonders edlen Charakter“, die „Persönlichkeit des Bauwerkes“ zu entdecken (so wird das Anliegen im Vorwort formuliert). Gern dürfte die Vielfalt der Fotografien noch mutiger auf dieses Ziel zugeschnitten werden, auf jeden Fall sind es besonders die Strukturstudien, die diesen Bildband so besonders machen. Dafür können einige Standardaufnahmen ruhig aus dem Portfolio verschwinden.

Als textlicher Rahmen zu den farbenfrohen Fotografien fungieren, wie in anderen Bildbänden dieser Art, einführende Texte. Zusätzlich zum nachdenklichen und erläuternden Vorwort schrieb diese Thomas Gerlach, der neben seiner Tätigkeit an einem Landesmuseum bzw. Landesamt für Archäologie einen Verein für Denkmalpflege gründete. In wenigen, klaren Worten beschreibt er den Werdegang der Immobilie. Information nett verpackt, wenn auch nicht ganz so anregend wie das Vorwort. Allerdings ist dieser nachdenkliche Ton auch nicht jedermanns Sache.

Damit ergibt sich unterm Strich ein rundes Bild von Schades „Farben des Verfalls“, das besonders durch seine mutigen Detailaufnahmen verzaubert. Wer weit ab von Drohnenfotografie und gigantischen Fabrikhallen mal einen Blick auf die kleinen Dinge werfen möchte, ist mit diesem Bildband gut beraten.

Inhalt

»Nicht die Sicht auf die Fassade, sondern der Blick dahinter ist mir wichtig.«
Burkhard Schade

Der Fotograf Burkhard Schade hat vergessene Orte in Sachsen aufgesucht. Auf den ersten Blick sieht der Betrachter zunächst nur Zerfall und Niedergang. Doch Schade hat seine Motive aus dem richtigen Winkel entdeckt, das geeignete Licht abgewartet – und so die unerwartete Ästhetik des Verfalls in beeindruckenden Farben sichtbar gemacht. Etwa von den Goehle­-Werken und dem Lahmann­-Sanatorium in Dresden, dem Wasserschloss Oberau, dem Schloss Promnitz, der Ziegelei Rotes Haus in Meißen, dem Bahnhof Radebeul-Kötzschenbroda und anderen mehr.

(Quelle: Mitteldeutscher Verlag)

Fotograf und Autor

Fotograf – Burkhard Schade
geb. 1959 in Dresden, 1980–1984 Ingenieurstudium. Seit 1980 Beschäftigung mit Fotografie. Schade lebt und arbeitet als freischaffender Fotograf in Radeburg und Dresden.

(Quelle: Mitteldeutscher Verlag)

Burkhard Schade – Homepage

Autor – Thomas Gerlach
geb. 1952 in Dresden-Hellerau, 1971–2011 als Vermesser und Grabungstechniker am Landesmuseum für Vorgeschichte Dresden/Landesamt für Archäologie tätig. Mitbegründer und langjähriger erster Vorsitzender des Vereins für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul e.V., lebt in Radebeul.

(Quelle: Mitteldeutscher Verlag)

Details

Format: Gebundene Ausgabe
Vö-Datum: April 2014
Seitenzahl: 160
ISBN: 978-3-95462-188-0
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Mitteldeutscher Verlag

Copyright Cover: Mitteldeutscher Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer