Review

„Bruce Banner: Hulk“ schuf eine neue Ära. Al Ewing entwickelte zusammen mit Joe Bennett einen Hulk, wie man ihn nie zuvor sah. In 50 Heften entwarfen die beiden Künstler – mit Unterstützung anderer Kreativer – einen neuartigen Kosmos des grünen Riesen. Noch nie war Hulk so durchtrieben von Body-Horror, abgrundtief psychologischen Fragen und der Suche nach Identität. Nicht ohne Grund wurde diese Reihe 2022 für die beste laufende Serie bei den Eisner-Awards nominiert. Ebenso erhielt sie wegen der von Alex Ross gestalteten Cover eine Nennung beim US-amerikanischen Comic-Preis.

Dieses Paperback, mit einer ausklappbaren Doppelseite versehen, erscheint bei Panini Comics im Softcover.

In der Hölle

Seit Beginn dieser Reihe befasste sich Al Ewing mit der Hölle, also dem letzten und tiefsten Ort, an dem alle Schrecken und alle Ängste vereint werden. Schon früh etablierte man die Wanderung zwischen dem Ort „unter Allem“, Hulks persönlicher Hölle, und der realen Welt. Mindestens so relevant für diese Handlung war die immer wieder thematisierte Persönlichkeitsdissoziation. In jedem Menschen stecken verschiedene Aspekte des Selbst. Im Falle Bruce Banners sind es verschiedene Versionen des Hulk: Joe Fixit, unsterblicher Hulk, der rote Hulk, der schwache Hulk und einige weitere, die innerhalb dieser Reihe ihre Rolle und Bewandtnis finden.

Es fehlt nun jedoch jeder Ausweg. Bruce Banner ist von Samuel Sterns in der Gamma-Hölle gefangen und nur noch mithilfe des roten Hulk kann sich der „dumme Hulk“ durch die Welt bewegen und artikulieren. Doch niemand will dem Hulk noble Motive zutrauen. Alle befürchten massive Zerstörung und Konflikte mit dem unsterblichen grünen Riesen. Es geht sogar so weit, dass die Avengers sich im Kampf gegen den Hulk sammeln mit der Intention, diesen ein für alle Mal zu töten. Glücklicherweise steht ihm das Team Alpha-Flight zur Seite, welche auf eigene Entscheidung ihren Gamma-Freund unterstützen. Auch die nunmehr durch ihre eigene Serie bekannte She-Hulk stellt sich auf die Seite ihres Verwandten und sichtbar geplagten Hulk.

Im Laufe der Geschichte wird außerdem die lang aufgebaute und immer wieder hinausgezögerte Romanze zwischen Bruce Banners ewiger Liebe Betty Ross alias Harpy abschließend behandelt. Wie so vieles in dieser Reihe nicht unbedingt zum Wohle des Protagonisten.

Vieles bleibt unverständlich, meta-psychologisch oder ganz einfach verschwurbelt. Selbst die handlungstragende Figur beklagt sich über die scheinbar hochtrabenden Monologe und ausschweifenden Bezüge, die auch in gezeigten Flashbacks Relevanz aufbauen sollen, sowie über den fehlenden Sinn. Natürlich mag dies als selbstironisches Mittel zu verstehen sein, jedoch fühlt man im ersten Moment genau das. Es ist verwirrend, verschroben, zusammenhangslos und im Kern schnell egal. Dies ist sehr schade, da viele spannende Aspekte in dieser Reihe aufgemacht wurden, die die Figur und die psychologischen „Schwierigkeiten“ tiefgreifend verändern.

Der Stil

Zum letzten Male durfte Joe Bennett seinen Stil mit dem Hulk verbildlichen. Die markanten Schraffuren, der Body-Horror, aufgerissene Körperteile, groteske Figuren und Wesen reihen sich unter große Bilder mit starken Perspektiven, atmosphärischen Details, minutiöser Zeichnung von Schraffuren und einigen sehr interessanten illustrativen Kniffen.

Einblick in „Bruce Banner: Hulk 10 – In der Hölle“. (Copyright: Panini Comics)

Ein Kapitel, welches aus der Perspektive der von Anfang an berichtenden und handlungstragenden Journalistin Jackie McGee erzählt wird, sticht heraus. Darin werden jeweils ganzseitige Splashpages mit wundervollen Artworks gezeigt. Die im Hochformat auf der Mitte der Seite stehende Reportage von McGee rahmt dabei die Erzählung ideal ein.

Man kann der Reihe einiges an Kritik entgegenwerfen. Es wurde auch getan, denn nicht nur einmal fiel Joe Bennett wegen politisch fragwürdiger Bilder negativ auf. Die zudem freigewordene Zurschaustellung von grotesken und abstoßenden Wesen mag nicht bei allen Leser:innen auf große Begeisterung gestoßen sein. Allerdings war es dem Sujet angepasst; es war dunkel, es war hart und schmutzig.

Ein Lichtblick für alle Fans des grünen Riesen, die aber mit dieser Stilistik nichts anfangen können: Schon bald erscheint eine neue Hulk-Reihe, die vom Mastermind hinter der jubilierten „Venom“-Reihe steht: Donny Cates. Die Zeichnungen für diesen Neustart übernimmt zudem niemand Geringeres als Ryan Ottley, welcher berühmt und beliebt ist für seine Arbeit am gefeierten „Invincible“ und einigen Ausgabe des noch laufenden „Spider-Man“-Neustarts.

Fazit

„Bruce Banner: Hulk“ findet einen gelungenen und bildgewaltigen Abschluss. Zwar verliert der Comic einen manchmal, wenn es wirr in Zeit und Kontext wird, aber das zurückbleibende Gefühl trägt sich darüber hinweg. Bruce Banner und Hulk haben einen neuen Status quo erhalten und tragen diese nun mit stolzgeschwellter Brust durch die Welt. Ebenso überzeugt kann man diese Reihe als einen gut funktionierenden Horror-Comic empfehlen. Er ist zudem zwischenzeitlich sehr vielfältig in seinen Themen, die nun abschließend in diesem 10. Band ein Ende finden. Hulk ist wieder zurück.


Bruce Banner: Hulk 10 – In der Hölle

Inhalt

Das große Finale der Hulk-Horror-Saga

Der unsterbliche Hulk ist so mächtig und gefährlich wie nie – deshalb sollen ihn die Avengers um Allvater Thor, Captain Marvel, Iron Man und She-Hulk in seine Schranken weisen! Dabei haben die monströsen Inkarnationen des Gamma-Goliaths und ihre unglaublichen, ungeheuerlichen Verbündeten eine viel wichtigere Mission: in die Hulk-Hölle hinabsteigen und endlich Bruce Banner befreien. Dafür müssen sie sich aber einer gewaltigen Macht des Bösen und der Wut stellen.

(Quelle: Panini Comics)

Details

Format: Softcover
Veröffentlichung: 12.07.2022
Originalausgaben: Immortal Hulk 46-50
Seitenzahl: 180
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Panini Comics

Copyright Cover: Panini Comics



Über den Autor

Lars Hünerfürst
Musiker, Texter und Mensch, lebend in Berlin.