Review

Ernsthafte und erwachsene Töne

Das Superhelden-Universum unter dem Banner „Black Hammer“ von Jeff Lemire und Dean Ormston ist den Kinderschuhen längst entwachsen und hat sich zu einer echten Erfolgsgeschichte entwickelt. Das zeigt sich auch im aktuellen Spin-off „Black Hammer: Barbalien – Roter Planet“ (zuletzt: „Black Hammer: Skulldigger & Skeleton Boy“) aus dem sogenannten „Hammerverse“, in welchem besonders ernsthafte und erwachsene Töne angeschlagen werden.

Die Idee und das Skript für die vorliegende queere Geschichte stammen von dem jungen Comic-Autor Tate Brombal, während die konkrete Story gemeinsam von Brombal und „Black Hammer“-Schirmherr Jeff Lemire entwickelt worden ist.

Die Entstehungsgeschichte von Mark Markz alias Barbalien, Kriegsherr vom Mars, versetzt uns in der Zeit zurück. Wir werden in diesem Zusammenhang mit der AIDS-Krise und der entsprechenden politischen und gesamtgesellschaftlichen Dimension in den 1980er Jahren konfrontiert.

Die AIDS-Krise hat nie geendet. (…)

Queere Autor*innen haben nicht oft die Chance, im Mainstream-Comic queere Geschichten über queere Helden zu schreiben – schon gar nicht eine, die während der AIDS-Krise spielt, ohne die Krankheit unter Metaphern zu begraben (…).

(aus dem Nachwort von Tate Brombal, in „Black Hammer: Barbalien – Roter Planet“,
Splitter Verlag)

Zwischen den Fronten

Der Superheld Barbalien lebt schon länger undercover in seiner menschlichen Form als hochdekorierter Polizist Mark Markz auf der Erde.

Auf dem Mars galt Barbalien wegen seiner grundsätzlich pazifistischen Einstellung, umgeben von einem kriegerischen Volk, als krasser Außenseiter. Diese Außenseiter-Rolle kommt dem heldenhaften Außerirdischen wegen seiner homosexuellen Orientierung auch auf der Erde zu. Identitätskrise und Rollenfindung sind für Barbalien allgegenwärtig.

Ausgrenzung, Stigmatisierung und Isolation sind auch und insbesondere für junge homosexuelle Männer an der Tagesordnung – vor allem gegenüber AIDS-infizierten Homosexuellen.

In dieser hitzigen und ungerechten Gemengelage trifft Mark Markz auf den jungen und mutigen Miguel. Der demonstriert ihm eindrucksvoll, dass man kein Kriegsherr sein muss, um für eine gerechte Sache zu kämpfen und dass ein gerechter Kampf nicht gewaltsam stattfinden muss.

Die Aids-Krise spaltet die Gesellschaft der 80er

Eines gleich vorweg: Die Geschichte von „Black Hammer: Barbalien – Roter Planet“ spielt in der fiktiven Stadt Spiral City und beleuchtet die persönliche Geschichte des titelgebenden Helden Barbalien. Dessen ungeachtet fühlt sich der Band dem „Hammerverse“ nicht zwingend zugehörig an. Überschneidungen und Querverweise sind weder im Hinblick auf die bisherigen Ausgaben noch auf die übrigen Superhelden aus diesem Universum vorhanden. Man könnte auch formulieren, dieses Spin-off bedarf seiner Einordnung in die Welt von „Black Hammer“ nicht. Und streng genommen ist diese „Barbalien“-Ausgabe wohl auch kein klassischer Superhelden-Comic. Wer also schlicht einen „Hammerverse“-Superhelden-Comic möchte, der greift womöglich zu einem anderen Spin-off.

Sollten diese Umstände interessierte Leser:innen indes von der Lektüre abhalten?
Nein, das sollten sie auf keinen Fall.

Jeff Lemire und Tate Brombal erzählen eine tragische und einfühlsame Liebes- und Identitätsgeschichte, die es unbedingt verdient, gelesen zu werden. Dabei widmen sie sich einem wichtigen – und mitunter stiefmütterlich behandelten – Stück Zeitgeschichte und betreiben nach wie vor sicherlich notwendige Aufklärung.

Leseprobe aus „Black Hammer: Barbalien – Roter Planet“. (Copyright: Splitter Verlag)

Global betrachtet spielt AIDS noch immer eine dramatisch große Rolle. Gründe dafür sind auch in der Geschichte und im Umgang mit der Infektionskrankheit und den Menschen zu erblicken. Es ist eine Geschichte von Scham, Ausgrenzung und Erbarmungslosigkeit. Hier legt dieser Band den Finger in die Wunde. Vorliegend verkommt der „Schwulenclub“ nicht zu einem Sündenpfuhl, sondern zu einem Rückzugsort für „normale Menschen“, denen auf den Straßen Gewalt und Diskriminierung droht. Das Ausmaß von diffuser Angst, von Feindseligkeiten und Gefühllosigkeit gegenüber infizierten Homosexuellen und weiteren Randgruppen der 80er wird hier – angemessen – schonungslos offenbart. Die HIV-/AIDS-Krise zeigt sich als ein gesellschaftliches Problem und insbesondere als Folge eines politischen Versagens.

Derartige Formulierungen klingen oftmals abgedroschen, aber: „Black Hammer: Barbalien – Roter Planet“ ist ein wichtiger Comic.

Dabei erfüllen sich indessen auch die Hoffnungen Brombals, welche dieser im Nachwort kundtut. Denn diese Geschichte ist lehrreich und überdies „ebenso inspirierend wie unterhaltsam“ – ein Spagat, der erst einmal bewältigt werden will.

Akzentuiert wird diese Geschichte, die nicht bloß AIDS-Aufklärung, sondern auch ein Denkmal für seinerzeitige Freiheitskämpfer:innen ist, durch die einfühlsamen und gefühlvollen Zeichnungen von Gabriel Hernandez Walta. Diese wunderbaren Illustrationen wiederum werden betont durch die harmonisch-entsättigten und melancholischen Farben von Koloristin Jordie Bellaire.

Fazit

Jeff Lemire, Tate Brombal und Gabriel Hernandez Walta legen ein einfühlsames Comic-Buch vor, das zeigt, dass Sexualität zum Menschen gehört. In diesem Zusammenhang betreiben sie – nach wie vor – wichtige Aufklärung, widmen sich der Identitätskrise und Rollenfindung junger Männer und stellen womöglich auch die Frage, was es wirklich heißt, ein Mann zu sein.


Black Hammer: Barbalien – Roter Planet

Inhalt

Mark Markz hat auf der Erde eine neue Heimat gefunden, sowohl in menschlicher Form als hochdekorierter Polizist als auch in seiner Rolle als Superheld Barbalien. Doch die Balance zu halten wird zu einem Ding der Unmöglichkeit, als Mark unverhofft zwischen die Fronten gerät, die sich im Zuge der AIDS-Krise der 80er Jahre gebildet haben. Und während Mark verzweifelt darum kämpft, den Kopf über Wasser zu halten, taucht auch noch ein alter Feind vom Mars auf der Bildfläche auf …

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Jeff Lemire
(*21. März 1976) ist ein kanadischer Comicautor und Autor.
Lemire ist bekannt für seine launischen, humanistischen Geschichten und seinen skizzenhaften, filmischen Schwarzweiß-Zeichenstil.

(Quelle: Wikipedia)

Jeff Lemire – Homepage | Jeff Lemire – Twitter

Details

Format: Hardcover, Bookformat
Veröffentlichung: 15.12.2021
Seitenzahl: 136
ISBN: 978-3-96219-437-6
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)