Review

Ende einer Ära

Nach dem Besuch des Grabes eines alten Freundes möchte der Revolvermann Russell noch dessen Familie einen Besuch abstatten.

Wie sich zeigt, ist jedoch auch die Witwe bereits verstorben. Und so beschließt der wortkarge Cowboy den einfältigen Jungen Bennett als seinen Adoptivsohn anzunehmen. Gemeinsam mit Bennett und seinem Kumpel Kirby begibt sich der Wildwestheld auf einen letzten Treck. Denn die Zeit der Rinderhüter, der großen Trecks und vor allem die Zeit des Wilden Westens ist vorbei. Der technologische Fortschritt schreitet unaufhaltsam voran und die Eisenbahnen stehen in den Startlöchern. Der angegraute Russell ist sich bewusst, dass die Zeit seiner Zunft abgelaufen ist – er gehört nun zum alten Eisen. Mit Kirby, Benett und einem Rest Würde soll es als Farmer in den Lebensabend gehen.

Das Leben hat jedoch andere Pläne. Ein Zwischenhalt in einem kleinen Städtchen kostet Bennett das Leben. Der Bürgermeister erklärt die Sache zu einem Unfall und jagt Russell aus seiner Stadt. Der eigenbrötlerische Desperado ist jedoch nicht bereit, den Tod seines Sohnes so einfach hinzunehmen. Das Modell eines ruhigen Altenteils existiert nicht mehr; Russell ist einzig von Rachegedanken getrieben und will den Mörder aufspüren – koste es, was es wolle.

Ein Abgesang auf die Revolverhelden 

„Bis zum bitteren Ende“ von Autor Jérôme Félix und Zeichner Paul Gastine ist sicherlich kein klassischer Western – die idealisierende und stereotype Darstellung der Cowboys sowie des damit einhergehenden Heldentums sucht man hier vergebens. Die Ära der Cowboys geht zu Ende. Sang- und klanglos. Ohne Ruhm und ohne Patina.

Und damit drängen sich hier die Parallelen zu anderen Genre-Vertretern auf. Man denke nur an „Durango“, „Red Dead Redemption“, „Zwei glorreiche Halunken“, „Für eine Handvoll Dollar“, „Für ein paar Dollar mehr“, „Spiel mir das Lied vom Tod“ und dergleichen mehr. Dieser Comic ist ein klassischer Spätwestern in der Form des Anti-Western.

Leseprobe aus „Bis zum bitteren Ende“.
(Copyright: Splitter Verlag)

Die Vertreter der Cowboys sind überwiegend Haudegen und Halunken, die Vertreter von Fortschritt und Urbanisierung sind skrupellose geld- und machtgierige Ausbeuter. Mit der Eisenbahn endet die Zeit des Wilden Westens und es beginnt damit bereits die Kapitalismuskritik. Alles für den schnöden Mammon. Das Leben eines Kindes hat für den Bürgermeister keinen Wert, wenn dadurch der Ruf seiner kleinen Stadt leiden könnte.

Doch auch der alte Russell, der Archetyp des schmutzig-markigen Revolvermanns à la Clint Eastwood, ist kein klassischer Held, sondern ein abgegriffener und desillusionierter Zeitgenosse. Die Erkenntnis, nicht mehr gebraucht zu werden, lässt ihn ohne Zögern zu einem blinden Rachefeldzug antreten.

Indessen stattet Jérôme Félix seinen Protagonisten zum Ende hin doch mit einer gehörigen Portion Menschlichkeit aus, die ihn einen großen Schritt aus der Grauzone hinaus ins Licht katapultiert.

Der Comic verhandelt im Subtext auch ganz allgemein die Rolle des berüchtigten „alten weißen Mannes“. Die Plattitüde und das Feindbild unserer Zeit werden im Zuge der vorliegenden pessimistischen Entmythologisierung des glorreichen Wilden Westens unter anderem verarbeitet als die Suche nach der rechten Rolle in der Gesellschaft.

Die detailbesessenen und imposanten Bilder von Paul Gastine lassen den Leser leichtfüßig in die Wirklichkeit des Wilden Westens und diesen bisweilen melancholischen Abgesang auf den Revolverhelden eintauchen.

Fazit

Ein ausgezeichnet geschriebener und wunderbar bebilderter Spätwestern.


Bis zum bitteren Ende

Trailer

Inhalt

Die Ära der Cowboys geht zu Ende – die Eisenbahn bringt jetzt die Rinder von der weiten Prärie in die Schlachthöfe Chicagos. Der letzte Longhorn-Treck des alten Russell führt ihn aufs Altenteil zu einigen Hektar Farmland in Montana, wo er und sein Adoptivsohn Bennett in Frieden leben können. Doch im Städtchen Sundance, das sie durchreisen, wird Bennett eines Morgens tot aufgefunden. Der Bürgermeister erklärt die Sache zu einem Unfall und jagt Russell aus seiner Stadt. Aber der alte Cowboy wird das nicht so einfach auf sich beruhen lassen. Er will Antworten, koste es, was es wolle.

(Quelle: Splitter Verlag)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 24.02.2021
Seitenzahl: 80
ISBN: 978-3-96219-568-7
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)