Review

Es ist erstaunlich, wie wenig präsent die Namen Beate und Serge Klarsfeld im Bewusstsein vieler Menschen sind. Dabei haben sie mit ihrer viele Jahrzehnte überdauernden Arbeit einen eklatanten Missstand aufgedeckt und für viele Überlebende und Angehörige für Gerechtigkeit versucht zu sorgen. Denn die zwei waren maßgeblich daran beteiligt, Kollaborateure der Nationalsozialisten aufzuspüren und juristisch für ihre Taten zu bestrafen. Diese Graphic Novel, verlegt vom Carlsen Verlag, zeigt den eindrucksvollen Weg dieses ambitionierten und geschichtsträchtigen deutsch-französischen Paares.

Die Handlung

Diese Graphic Novel ist vielleicht eine der besten Polit-Geschichts-Thriller, die das Medium Comic seit Langem gesehen hat. Die Künstler Pascal Bresson und Sylvain Dorange beginnen ihre Geschichte mit der ersten und die Medien aufschreckenden Aktion: Die Ohrfeige des Bundeskanzlers Kiesinger. Dieser war selber NSDAP-Mitglied und musste sich 1968 der öffentlichen Anschuldigungen und einer Ohrfeige durch Beate Klarsfeld auf einem CDU-Parteitag geschlagen geben. Im Jahr darauf verlor er seine Kanzlerschaft gegen den durch den „Kniefall“ weltberühmten Willy Brandt.

Es ist ein erschreckendes Stück Zeithistorie, das dieses Werk erzählt und einem vor Augen führt. Das langjährige „sich blind und taub“-Stellen hatte zur Folge, dass viele Verantwortliche für Verbrechen unvorstellbarster Natur einfach nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Diese Graphic Novel gehört in den Geschichtsunterricht einer jeden Oberschule, denn es ist unfassbar, dass so wenig über diese Episode der deutschen Geschichte gelehrt wird. Die Thematik der Kriege der deutschen Geschichte, so zumindest aus eigenen Erfahrungen, wurden häufig durchexerziert. Dass die Geschichte mit dem Kriegsende keinesfalls einfach aufhörte, kann man an der traurigen Realität heutiger Tage ablesen. Es sitzen schon zum zweiten Mal rechte Kräfte im Bundestag und die größte konservative Volkspartei rutscht gerade kräftig in eine rechte Opposition ab.

Eine systematische Unterwanderung der Ämter und die Durchdringung des Apparats zeigen die Autoren immer wieder auf. Des Öfteren krankt die juristische Verfolgung schließlich am Willen der Regierung und der daraus resultierenden Justiz, einen richtungsweisenden Schritt zu machen. Erst in den 80er Jahren (mit dem französischen Präsidenten Mitterand) gelang es, den größten Fall juristisch zu eröffnen. Die Verfolgung Klaus Barbies zieht sich als roter Faden durch die gesamte Graphic Novel. Es ist absolut achtungswürdig, mit welcher Kraft und Ausdauer das Paar Klarsfeld mehrere Jahrzehnte daran arbeitete, diesen Kriegsverbrecher dingfest zu machen.

Die in dieser Graphic Novel gezeigten historischen Erlebnisse der Klarsfelds bewegen sich zwischen Einblicken in das private Leben der zwei Hauptfiguren und den offiziell dokumentierten Ereignissen. Kleine persönliche Einblicke in die jeweiligen Geschichten der Familienstrukturen lässt dieses Werk auch zu.
Ein Leben der Verfolgung durch die Untergrundorganisationen der Altnazis und der Niederlagen vor Ämtern und einer Justiz, die ebenso von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern und aktiven Nationalsozialsten durchdrungen waren, hielt die zwei niemals davon ab, weiter zu kämpfen. Ein Kampf für die Gerechtigkeit. Diese Graphic Novel schließt mit den mahnenden Worten:

„Vergessen sie nicht: Der, der kämpft, kann verlieren. Aber der, der nicht kämpft, hat schon verloren.“

Der Stil

Bereits das Cover zeigt, in welchem Stil und mit welchen Farben in diesem Werk hauptsächlich gearbeitet wird. Die fortlaufende Haupthandlung, beginnend in den 60er Jahren, ist fast monochromatisch in ihrer Koloration. Viele braun-rote Töne schmücken die Seiten, in denen Beate und Serge ihre Aktivitäten planen und durchführen. Die Rückblenden sind – je nach Szenerie – entweder grau mit rotem oder blau-grünem Ton. Die kälteren Farben wurden in Kontexten der Vergangenheit der gesuchten Verbrecher gewählt, die wärmeren in der Vergangenheit von Beate und Serge.

Einblick in die Graphic Novel „Beate & Serge Klarsfeld – Die Nazijäger“. (Copyright: Carlsen Verlag)

Der Zeichenstil ist einer franko-belgischen Tradition verschrieben. Klare Outlines, aufgeräumte und übersichtliche Panels und zeichnerische Symbolik werden in diesem Werk mehr als überzeugend und absolut passend einer solchen Geschichte durchgeführt.

Die Panels sind, den Lesefluss steuernd, manchmal als zusammenhängendes Bild teilend gestaltet. In anderen dialogreichen Szenen nutzen die Künstler kleine Panels, die wie schnelle Gegenschnitte im Film eingeschoben werden. Auch die Anordnung der Sprechblasen lässt mehrfach eine Dynamik in den Dialogen entstehen, die sich so energisch anfühlt, dass man sich dessen nicht entziehen kann.

Das Hardcover bietet zudem nach dem Ende der Geschichte eine Fotogalerie verschiedener Medien und aus dem Privatbestand der Familie Klarsfeld, in denen sich einige Panels des Comics wiederentdecken lassen.

Fazit

„Beate & Serge Klarsfeld – Die Nazijäger“ ist eine außerordentlich spannende Graphic Novel, die man definitiv gelesen haben sollte. Diese Geschichte zeigt – gerade weil sie in der öffentlichen Wahrnehmung so unterrepräsentiert ist -, wie aktuell und dringend eine weitergehende Aufarbeitung der deutschen Geschichte ist. Die Nachwirkungen der fehlgeschlagenen „Entnazifizierung“, die ansteigenden rassistischen und eine freiheitlich demokratische Gesellschaft gefährdenden Äußerungen auf sozialen Medien und in der Realität häufen sich zusehends. Ein trauriger Trend einer verängstigten Gesellschaft in einer unruhigen Zeit, die sich nach Lösungen für ein Problem sehnt, das bereits mehrere Jahrzehnte zurückliegt und unerkannt Wurzeln geschlagen hat.

Sollte man dieses Buch lesen? Ja, unbedingt! Sollte dieses Buch im schulischen Kontext behandelt werden? Auf jeden Fall! Müssen wir uns als Gesellschaft überhaupt noch mit diesem Thema befassen? Ja; treffend formuliert in einem Zitat Serge Klarsfeld aus dieser Graphic Novel:

„Manche meinen, dass mit dem neuen Jahrhundert und neuen Jahrtausend die Geschichte definitiv hinter uns liegt und es sich nicht lohnt zurückzuschauen. Ein Fehler! Und dass die menschliche Natur schreckliche Einblicke liefert in die unendliche Fähigkeit des „zivilisierten“ Menschen, Böses zu tun.“


Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazijäger: Eine Graphic Novel über den Kampf gegen das Vergessen

Inhalt

Eine berühmte Ohrfeige

Es ist der 7. November 1968. Eine Frau ohrfeigt in aller Öffentlichkeit den deutschen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und bezeichnet ihn als „Nazi“. Diese Frau ist Beate Klarsfeld und diese Ohrfeige steht für ihr jahrzehntelanges Engagement im Kampf gegen alte und neue Nazis. Zusammen mit ihrem Mann Serge hat sie sich der Jagd nach Kriegsverbrechern verschrieben, die sie über Kontinente hinweg aufspürt. Der größte Erfolg für sie persönlich war der Prozess gegen Klaus Barbie, den „Schlächter von Lyon“.

Erinnerungen in Bildern

Diese Graphic Novel erzählt nicht nur die Geschichte der Ohrfeige, sondern auch die von Beate und Serge Klarsfeld und ihrer Jagd nach Gerechtigkeit. Sie ist eine mutige Frau, die vor Gefahren für sich selbst nicht zurückschreckte und die unbeirrt ihren Weg fortgesetzt hat. Gegen staatliche und persönliche Widerstände ankämpfend, hat sie nie akzeptiert, dass manche NS-Kriegsverbrecher einfach so davonkommen sollten.

Die Bedrohung ist noch nicht gebannt

Gerade in der heutigen Zeit, in der eine Verschiebung des Diskurses nach Rechts stattfindet, ist es immens wichtig, Menschen wie Beate Klarsfeld als Vorbild zu haben. Nicht jede*r muss sich dazu selbst in Gefahr begeben, aber wir alle müssen wachsam sein und aufstehen, wenn die nationalsozialistischen Verbrechen verharmlost werden!

(Quelle: Carlsen Verlag)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 04.05.2021
Seitenzahl: 208
ISBN: 978-3-551-79347-8
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Lars
Musiker, Texter und Mensch, lebend in Berlin.