Review

Es waren einmal viele Tiere…

„Ausgestorben – Das Buch der verschwundenen Tiere“ – viel muss hier zum Inhalt des bei Ravensburger erschienenen (Kinder)Sachbuches nicht gesagt werden, ist der Titel (inkl. des auf dem Cover abgebildeten Dodos, bei dem Forscher davon ausgehen, dass diese Spezies um 1690 ausstarb) selbsterklärend.

Doch der Dodo steht mit seinem Schicksal nicht alleine da. Ein Blick in Wikipedia verrät:

Nach Schätzungen von Wissenschaftlern sind im Verlauf der gesamten Evolution etwa 5 – 50 Milliarden Arten ausgestorben, was über 99,9 Prozent aller jemals entstandenen Arten entspricht. Die gegenwärtige Biodiversität wird auf 10 – 14 Millionen Arten geschätzt.

Eine stolze Summe an Artensterben, das Autorin und Illustratorin Nikola Kucharska in ihrem Buch „Ausgestorben – Das Buch der verschwundenen Tiere“ aufgreift, aber auf den lediglich 64 Seiten des großformatigen Hardcovers natürlich nur oberflächlich angeschnitten werden kann.

Ein Grund für die entsprechend nicht vollständige, nicht allzu komplexe und auf das Wesentliche reduzierte Darstellung ist u.a. die Zielgruppe, die mit dem informativen Sachbuch angesprochen werden soll. So sind es vor allem Kinder ab 8 Jahren, die sich hier Wissen über Arten und Gründe des Aussterbens, betroffene Tiere, Größenverhältnisse und Lebensräume ausgestorbener Tiere sowie Kenntnisse über bekannte Paläontologen aneignen können.

Die Illustrationen

Dies erklärt auch die Texte dominierenden Bilder, welche sich oft auf Doppelseiten ausbreiten und damit einen mehr visuellen denn schriftlich formulierten Überblick liefern.

Da dies der Fall ist, sollten die Illustrationen sehr aussagekräftig sein. Abzusprechen ist ihnen eine ästhetische Attraktivität auch in keinem Fall. Trotzdem muss man anmerken, dass hier sehr kindgerecht illustriert wird. Vorherrschend sind dadurch Zeichnungen der niedlichen Art, reale respektive realistische Abbildungen findet man nicht. Zwar will man den einstigen Tieren ihre teils unumstritten vorhandene Niedlichkeit auch nicht absprechen, gleichzeitig kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass das zumeist betonte Kindchenschema und die comicartigen und kindlichen Illustrationen mit ihrer beinahe schon menschlichen Mimik (z.B. „grinsende“ Tiergesichter) Emotionen wecken sollen und werden, die den Blick auf die Realität ein wenig verwässern.

Zu dem „Gesamtkunstwerk“ Buch, das mit „Ausgestorben – Das Buch der verschwundenen Tiere“ eindeutig geliefert wird, passt die Art der Illustration allerdings hervorragend und auch die jungen LeserInnen holt diese Form der Darstellung sicherlich gut ab.

Die Texte

Weniger gut bzw. kindgerecht fallen hingegen die Texte aus.
Die knappen zu den Bildern/Tieren angeführten Informationen wirken sehr sachlich und geizen auch mit Fremdwörtern sowie Fachbegriffen nicht.

Die Erdgeschichte, genauer gesagt die geologische Zeitskala als hierarchische Unterteilung der Erdgeschichte, wartet mit Begriffen wie beispielsweise dem Paläo­zoikum (Erdaltertum) und Meso­zoikum (Erdmittelalter) als Ären und ihren Systemen wie u.a. Kreide, Jura, Trias oder Perm als darin stattfindende Perioden auf. All dies wissen wir, weil wir es in der Schule etwa in Klasse 9 oder 10 einmal im Detail gelernt haben – für LeserInnen ab 8 Jahren wird es also noch ein wenig dauern, bis sie damit allumfassend konfrontiert werden. Umso schwieriger ist es für ebenjene Leserschaft, den Texten immer gut und verständlich zu folgen.

Gerade in Hinblick auf die Erdzeitalter hätte man sich zudem ebenfalls eine kompakte Übersicht gewünscht. Eine Zeitleiste mit den im Text vorkommenden Begriffen (oder ein Glossar am Ende des Buches mit weiterführenden oder überhaupt erwähnten Erklärungen) sucht man hingegen vergebens. Dadurch bleiben angeführte Fakten und Zahlen für einige nicht nur schwer (zeitlich) einzuordnen, sondern auch inhaltsleer.

Leer bleiben auch die Seiten, die ein etwaiges Vor- oder Nachwort sowie einige Informationen zur Autorin und Illustratorin hätten präsentieren können. Inwiefern letztere beispielsweise fachliche Kompetenzen auf diesem Gebiet vorweisen kann oder ihr Wissen für das Buch lediglich aus anderen Quellen hier kompakt zusammenfasst und wiedergibt, bleibt somit unklar.

Unvollständig, aber aktuell

Etwas schade ist auch das allzu abrupte Ende, das man auf der Doppelseite 62/63 erreicht, die unter der Überschrift „Bedrohte Tiere. Stark bedrohte Arten und Unterarten (des 21. Jahrhunderts)“ (gerade mal) 19 verschiedene Tiere mit knappen Informationen auflistet. Hier mag nicht nur der Eindruck entstehen, als belaufe sich die tatsächliche Zahl der gefährdeten Tierarten auf nur ebendiese Größe, sondern die LeserInnen werden außerdem sehr plötzlich aus dem (dadurch einmal mehr unvollständig wirkenden) Buch entlassen.

Einblick in das Sachbuch „Ausgestorben – Das Buch der verschwundenen Tiere“ von Nikola Kucharska. (Copyright: Ravensburger)

Positiv hervorzuheben ist allerdings der aktuelle Bezug, den Kucharska immer mal wieder herstellt. Die Erwähnung des Klimawandels durch die übermäßige Produktion von CO2 trifft man in diesem Zusammenhang des Öfteren an, dass jedoch auch das Thema Massentierhaltung diesbezüglich eine große Rolle spielt (und das nicht zu unterschätzende Thema „Palmöl“), bleiben immer noch weitgehend unangetastet und zu oft unerwähnt. Nicht so bei dieser Autorin. So ist das Problem des Artensterbens kein vergangenes, sondern wird und bleibt gegenwärtig.

Fazit

Als Übersicht und Erstinformation eignet sich „Ausgestorben – Das Buch der verschwundenen Tiere“ vor allem für Kinder sehr gut. Davon abgesehen nehmen auch erwachsene LeserInnen hier noch einiges an Informationen mit oder frischen ihr Wissen auf.

Wichtig, sich diese überaus relevante Thematik ins Gedächtnis zu rufen, ist es angesichts der langen Listen bereits ausgestorbener Tiere (und Pflanzen) sowie der derzeit existierenden (und ebenfalls leider sehr langen) Roten Liste allemal. Nicht zuletzt deshalb, da der Mensch eine entscheidende Rolle dabei spielt, bedenkt man, dass „die meisten [Tiere und Pflanzen …] direkt (Jagd) oder indirekt (Habitatvernichtung, Einfuhr oder Einschleppung fremder Arten) durch den Menschen ausgerottet [wurden]“ (vgl. Wikipedia). Zum Nach-, Mit- und Umdenken trägt dieses Buch hoffentlich – bei Groß und Klein – ein Stück weit bei.


Ausgestorben – Das Buch der verschwundenen Tiere

Inhalt

Wer einst auf der Erde lebte…

Was haben Triceratops, Säbelzahntiger und Elefantenvogel gemeinsam? Sie sind für immer von diesem Planeten verschwunden.
Dieses Buch ist all jenen Tierarten gewidmet, die sich in der Natur heute nicht mehr bestaunen lassen. In witzigen und liebevollen Illustrationen bringt es das Wollhaarmammut, das Quagga und den Stegosaurus zurück. Die Leser lernen Aussehen und Lebensweise kennen, erfahren aber auch den Grund des Verschwindens von Dino und Dodo, sei es durch Evolution, Naturkatastrophen oder den Menschen.

(Quelle: Ravensburger)

Autorin

Nikola Kucharska
ist Illustratorin und Autorin von Büchern, Comics und Brettspielen für Kinder und Jugendliche. Sie absolvierte ein Grafikdesignstudium an der Akademie der Bildenden Künste in Kattowitz. Kucharska hat über fünfundzwanzig Bücher geschrieben und arbeitet mit Verlegern in Polen, Frankreich, China, Russland, Korea, Spanien und Deutschland zusammen. „Ausgestorben“ hat in Polen mehrere Preise erhalten.

(Quelle: Ravensburger)

Details

Format: großformatiges Hardcover
Vö-Datum: 22.01.2020
Seitenzahl: 64
ISBN: 978-3-473-55470-6
Sprache: Deutsch
Altersempfehlung: ab 8 Jahren
Verlagshomepage: Ravensburger Buchverlag

Copyright Cover: Ravensburger Buchverlag



Über den Autor

Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde