Review

Mit seinem Werk „Wet Moon“ zieht Atsushi Kaneko den Leser zurück in die Zeit, in der alle Menschen der Mondlandung entgegengefiebert haben, in eine verdrehte japanische Welt Tatsumi. Dennoch geht es hier keinesfalls um komplexe Weltraum-Technik oder astrologische Erkundungen. Der Manga bedient sich eher an Themen aus dem Krimi- und Thrillerbereich, ebenso wie ein wenig Mystery in der Luft mitschwebt.

Inspektor Sata, seines Zeichens Neuling bei der Polizei, ist nach dem Mord an einem Raumfahrtingenieur besessen davon, die potenzielle Mörderin zu fassen. Seine Ermittlungen treiben ihn in die glamouröse Unterwelt der Ausschweifungen, in der sich Verbrecher und korrupte Polizisten zuprosten. Als wäre das schon nicht genug, muss sich Sata noch mit einem Metallsplitter als Ergebnis eines Unfalls in seinem Kopf herumschlagen, der verantwortlich für Halluzinationen und Erinnerungslücken zu sein scheint.

„Wet Moon“ fällt sofort durch seinen Noir-Stil auf. Bis auf wenige Rasterfolien verbinden sich ausschließlich schwarze Striche auf weißem Hintergrund. Kaneko orientiert sich bewusst nicht an der japanischen Manga-Kultur, vielmehr findet sein Zeichenstil seine Inspirationen aus den westlichen Bereichen. Die sterile Darstellung von Details geht Hand in Hand mit der durchgehend drückenden Stimmung.

So fällt auch das Spiel mit Licht und Schatten erkennbar auf. Durch die begrenzt genutzten Mittel gibt es daher nur tiefste Schwärze oder nur grellen Schein. Damit das Ganze nicht allzu trocken anzuschauen ist, kommen regelmäßig Perspektivwechsel auf, die oft genauso ihren Beitrag zur Atmosphäre beisteuern. Aber auch kleinere Effekte werden mit ihr gesteuert, beispielsweise wenn Sata betrunken durch die Gänge torkelt und sich die Ansicht von Panel zu Panel um ca. 90 Grad dreht.

Rund geht es auch in der Story zu. Nicht unbedingt aufgrund von Action-Elementen, sondern auf einer psychologischeren Schiene. Zuzuschreiben ist das den suspekten Gestalten in „Wet Moon“, die durch ihr Aussehen nicht bedrohlicher sein könnten. Weiterhin gibt es immer wieder verbale und visuelle Referenzen zum Mond. Alles erscheint einem von Beginn an verwirrend durch viele Türen, die aufgestoßen und dessen Gründe nur zur Hälfte erläutert werden. Inspektor Sata fungiert hier als Sympathieträger, da er versucht, neben seinen zwielichtigen Kollegen und Menschen in seiner Umgebung immer noch seiner Arbeit mit Verantwortung nachzugehen.

Atsushi Kaneko (Copyright: Atsushi Kaneko)

Atsushi Kaneko (Copyright: Atsushi Kaneko)

Der Plot erhält sich selbst frisch durch Satas Halluzinationen, die ihn psychisch regelmäßig komplett abdriften und in abstrakte Szenarien fallen lassen. Resultierend daraus entstehen Lücken in der Erinnerung, da er während seiner geistigen Abwesenheit in der realen Welt immer noch aktiv zu sein scheint. Man muss sich das wie im Film „Butterfly Effect“ vorstellen, da er sich selbst an anderen Orten auffindet, sobald er wieder zu sich gekommen ist.

„Wet Moon“ liest sich wie ein klassischer Krimi-Roman, da sich aus diesem Genre eine Menge Elemente wiederfinden. Dafür erscheint es allerdings nicht allzu monoton. Besonders wenn es um die visuellen Reize des Burlesque-Bereichs der 60er Jahre geht, wirkt der Manga im Gegensatz dazu sehr wild und „bunt“. Daher pendelt man als Leser zwischen blutigen Tatorten, imaginären Bildern und verbotenem Treiben im ausgeglichenen Maße. Hinzu kommt die Geheimnistuerei, die „Wet Moon“ ausstrahlt, die genau das richtige Maß an Neugierde hervorbringt, an der Serie dranbleiben zu wollen.

Atsushi Kaneko lockt die Leser mit seiner spannenden Story immer weiter in „Wet Moon“ hinein, um sie dann mit einer Überdosis seiner visuellen und erzählerischen Droge auf einen Trip zu schicken. Abhängigkeit mit gutem Gewissen!

Handlung

Der Wettlauf um die erste bemannte Mondlandung zwischen den USA und der ehemaligen Sowjetunion ist in vollem Gange, als im japanischen Badeort Tatsumi ein Raumfahrt-Ingenieur ermordet wird. Mit der Aufklärung des Falls wird der noch unerfahrene Inspektor Sata betraut. Voller Ehrgeiz nimmt er die Fahndung nach der Hauptverdächtigen auf und gerät in einen Strudel aus Korruption, Glamour und Leidenschaft. Eine Unfallverletzung macht ihm dabei zu schaffen: Ist der Metallsplitter in seinem Kopf verantwortlich für seine Halluzinationen und Erinnerungslücken? Die Verfolgung der Femme Fatale wird zur amourösen Obsession für den jungen Ermittler.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Autor

Atsushi Kaneko wurde am 26. Dezember 1966 in Sakata/Präfektur Yamagata geboren. Inspiriert von Musik und Film – weniger von Manga selbst ─ begann er nach dem Studium zu zeichnen.

Atsushi Kaneko gilt in der japanischen Comicwelt als Rebell und Ausnahmetalent: Zeichnerisch vergleichbar mit Charles Burns oder Paul Pope, im Erzählstil cineastisch angelehnt an David Lynch oder Alfred Hitchcock. Sein dreibändiger Thriller im Film-Noir-Stil wurde 2014 mit dem französischen Kritikerpreis ausgezeichnet.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Details

Format: Taschenbuch
Veröffentlichung: 28.07.2015
Seitenzahl: 278
ISBN: 978-3-551-76903-9
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Christopher