Review

Wenn man jedes mögliche Weltuntergangsszenario bereits einmal in Romanform verarbeitet hat, muss man langsam etwas kreativer werden, um seine Protagonisten ins postapokalyptische Unglück zu stoßen. Anna Mocikat versucht deswegen, in ihrem Romandebüt „MUC“ eine bekannte Idee durch einen ungewöhnlichen Twist von der Masse abzuheben.

Mocikat, die selbst in der Nähe von München lebt, wählte sich die bayerische Landeshauptstadt als geografisches Zentrum ihrer Erzählung, auch wenn von der modernen Stadt im Jahr 2120 nicht mehr viel übrig geblieben ist. Einhundert Jahre vorher zerstörte ein gefährliches Virus das menschliche Zusammenleben, so wie wir es kennen. Neben verfallenen Ruinen sind nur rothaarige Menschen übrig geblieben, da nur diese das immer noch aktive Virus überleben können.

Zugegeben, ein tödliches Virus, das nur Rotschöpfe überleben können, ist zwar etwas weit hergeholt, aber zumindest noch biologisch erklärbar, auch wenn die wenigen Erklärungsansätze in diesem ersten Teil mehr im Dunkeln lassen, als dass der Leser erleuchtet wird.

Immerhin, für diese Unwissenheit hat die Autorin eine gute Begründung: Durch das Virus starben vor einhundert Jahren so viele Menschen, dass die Gesellschaft nun in einen vorindustriellen Zustand zurückgefallen ist – Ackerbau statt Strom, Religion statt Wissenschaft. Und mitten in diese zerfallene Welt wurde nun die Protagonistin Pia geboren. Mit schwarzen Haaren! Für diese Andersartigkeit wird sie in ihrem Dorf so lange gemieden, bis sie sich überlegt, ihrem Bruder nach MUC zu folgen. Der Stadt, in der sie sich Akzeptanz und ein besseres Leben erhofft. Ohne eine genauere Vorstellung flüchtet Pia also in einer Nacht- und Nebelaktion. Dass der Weg sehr viel gefährlicher ist, als sie sich vorstellte und auch MUC nicht das ist, was sie sich erträumte, muss die naive Pia ziemlich schnell lernen, denn in dieser neuen Welt können nur die Stärksten überleben.

Obwohl die Protagonistin hier nicht nur mit einer außergewöhnlichen Haarfarbe und vielen überragenden Talenten ausgestattet ist, hat es das „naive Mädel vom Land“ in dieser „schönen neuen Welt“ ganz und gar nicht leicht. Dabei bedient sich die Romandebütantin auch noch großzügig an den gängigen Jugendbuchklischees: Vom naiven, aber außergewöhnlichen Mädchen, über das Liebesdreieck, bis hin zum charismatischen Bösewicht bietet das Storytelling dem Vielleser hier nicht viel Neues. Immerhin fällt „MUC“ damit auch nicht negativ aus dem Rahmen.

Anna Mocikat (Copyright: Renate Hasenfratz)

Anna Mocikat (Copyright: Renate Hasenfratz)

Weder besonders hervorragend noch bemerkenswert schlecht ist schließlich auch die Schreibweise. Mocikat bedient sich eines allwissenden Erzählers, der aus der Vogelperspektive die Handlungen und Gedanken der Protagonistin reflektiert. Der Leser gewinnt dadurch ein paar zusätzliche Nebeninformationen, verliert aber auch leichter den Kontakt zu Pia, sodass man sie manchmal einfach schütteln möchte.

Als amüsante kleine Episoden werden dabei immer wieder die Unwissenheit der Menschheit im Allgemeinen und Pia im Besonderen betont: Vom sprachlichen Slang der Städter (zum Beispiel der häufigen Verwendung des Wortes „abgefuckt“) bis hin zu den Geheimnissen von Handys, Feuerzeugen und Co. bringt die Autorin den Leser zwischendurch zum Schmunzeln.

Schritt für Schritt lernt der Leser so die postapokalyptische Welt von Pia kennen. Dabei dominiert der beschreibende und einführende Charakter, bis am Ende doch noch ein kleiner Spannungsbogen kommt. Alles in allem fühlt sich „MUC“ daher eher wie eine Einführung an, die noch nicht ihr ganzes Potenzial entwickelt hat. Es bleibt somit zu hoffen, dass sich die Fortsetzung „MUC – Die verborgene Stadt“ weiter von Genrevorbildern emanzipiert.

Trailer

Inhalt

München, 2120: Hundert Jahre nach dem großen Sterben, dem beinahe die gesamte Menschheit zum Opfer fiel, ist von dem Wohlstand der Stadt wenig übrig. Zerstörte Häuser, Müll und Dreck in den Straßen und Skelette in der U-Bahn, so präsentiert sich MUC, wie die Stadt mittlerweile heißt, der Kletterkünstlerin Pia.
Pia ist auf der Suche – nach ihrem Bruder, der vor Jahren verschollen ist, und nach Antworten. Denn das große Sterben haben nur Rothaarige überlebt, ihre Haare jedoch sind pechschwarz. Aber MUC ist kein Ort des Wissens und der Freiheit mehr, sondern eine ­gnadenlose Diktatur. Pia muss sich entscheiden, ob
sie auf der Seite der Unterdrücker oder der Unterdrückten stehen will.

(Quelle: Knaur Verlag)

Autorin

Anna Mocikat
geb. 1977, machte zunächst eine journalistische Ausbildung, ehe sie an der renommierten Drehbuchwerkstatt München (Filmhochschule München) ein Stipendium erhielt und Drehbuchschreiben studierte. Anschließend war sie mehr als zehn Jahre lang im Filmbusiness als Drehbuchautorin und Regisseurin tätig, wobei sie mit zahlreichen namhaften TV-Sendern und Produktionsfirmen zusammen arbeitete. Später schrieb sie als Gamewriterin für diverse deutsche Videospielhersteller. Anna Mocikat lebt in der Nähe von München, „MUC“ ist ihr Debütroman.

(Quelle: Knaur Verlag)

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Details

Format: Quality Paperback (Taschenbuch)
Veröffentlichung: 01.12.2014
Seitenzahl: 368
ISBN: 978-3-426-51540-2
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Knaur Verlag

Copyright Cover: Knaur Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer