Review

Er ist Student der Literaturwissenschaft und Philosophie, Goethe-Fan und angehender -Forscher, hat finanzielle Engpässe und abgesehen von seinem Gesprächspartner, dem Tauberich Gieshübler, kaum soziale Kontakte, denn er ist außerdem pedantisch, akkurat, konventionell, konservativ, unlocker und besitzt misanthropische Züge. Ein Eigenbrödler wie er im Buche steht und das mitten in Berlin: Sein Name ist Kress.

Autor Aljoscha Brell kreiert mit Kress einen Protagonisten, den er aus heiterem Himmel mit dem Leben konfrontiert. Es ist vorprogrammiert, dass die Hürden, die Kress dadurch entstehen, nicht immer prompt und komplikationslos überwunden werden. Dass er sich zudem noch verliebt, katapultiert Kress von seiner Liebe zum 19. Jahrhundert plötzlich in die Neuzeit.
„Ein moderner Werther auf Stolperkurs“ heißt es daher passend im Klappentext und genau an diesem Stolpern nimmt der Hörer über fünf Audio-CDs mit der von audio media verlag veröffentlichten Hörbuchfassung (als gekürzte, aber immer noch knapp 370-minütige Lesung) teil.

Während sich die „Nerds“ unter uns sicherlich in einigen Situationen wiedererkennen werden, nehmen alle anderen Hörer mit einem Schmunzeln, aber auch mit einer Portion Mitgefühl am Scheitern des dadurch zum Sympathen Werdenden teil.
Dieses Scheitern, obgleich zeitweise sehr drastischer Natur, erfolgt erzählerisch nicht so, wie man es beispielsweise von Dirk Bernemanns Protagonisten kennt, sondern fast schon „natürlich“. Aljoscha Brell stößt seinen Antihelden Kress nicht abrupt in Abgründe, vielmehr entwickelt der Autor die „Probleme“ gemächlich, oft vorhersehbar und lässt sie eher menschlich denn „schrecklich“ oder katastrophal wirken. Das fördert Mitleid ebenso wie Sympathien, sodass Kress den Hörern als liebenswürdiger Sonderling unweigerlich ans Herz wächst. Entsprechend gebannt und gerne verfolgt man die ausschnitthafte Geschichte der Hauptfigur.

Dass nicht alle Verhaltensweisen nachvollziehbar und authentisch, sondern ein wenig überzogen dargestellt werden, stört nur in den ausgedehnten Sequenzen ein wenig. Hier hätte der Fokus von Aljoscha Brell noch deutlicher auf Authentizität liegen können, doch wundert einem bei Kress auch nicht mehr viel, sodass seine Eigenheiten schon bald als individuelle Marotten wahrgenommen werden, ohne über ihre Logik und Relevanz für die Handlung nachzudenken.

Partiell schleichen sich Bastian Sick-artige Humorpassagen in die Geschichte, die einen unterhaltsamen Lerneffekt für Nicht-Germanisten parat halten. Doch keine Angst, „Kress“ mutiert weder zu einer trockenen Lehrstunde noch zu einer Sick-Imitation.

Es schadet allerdings nicht, ein wenig literaturaffin zu sein, um einige Stellen nicht als Längen zu empfinden, davon abgesehen erhält man mit „Kress“ jedoch eine kleine Perle an Gegenwartsliteratur, die in der Hörbuchfassung dank Profi Max Felder am Mikro wärmstens zu empfehlen ist.

Autor Aljoscha Brell (Copyright: Marcel Brell) und Sprecher Max Felder (Copyright: König Photographie)

Autor Aljoscha Brell (Copyright: Marcel Brell) und Sprecher Max Felder (Copyright: König Photographie)

Max Felder wird den „Harry Potter“- und „Twilight“-Fans als Stimme von Ron Weasley (Rupert Grint) und Jacob Black (Taylor Lautner) bekannt sein, doch das hört man an seinem vielschichtigen stimmlichen Agieren auf „Kress“ nicht heraus. Felder hat seine Stimme derart im Griff, dass sie äußerst facettenreich klingt und nicht unweigerlich mit besagten Referenzen in Verbindung gebracht wird. Er überzeugt mit Variationen, und selbst „Mädchenstimmen“ grenzt er tonal (vor allem in Dialog-Passagen) sehr gut ab. Die Dialoge sind es außerdem, die durch Felder eine Dynamik verpasst bekommen, sodass der Hörer weder das Interesse an seiner Performance noch den Faden verliert, wer wann spricht.

Damit ist die Hörbuch-Version von „Kress“ auf ganzer Linie gelungen. Besser als mit Sprecher Max Felder hätte man die Lesung nicht darbieten können, die nicht nur Literaturwissenschaftlern ans Herz gelegt werden kann.

Handlung

Ein moderner Werther auf Stolperkurs

Die Welt ist eine Zumutung, jedenfalls für Kress. Wohin er sieht: Mittelmaß. Einzig die Universität ist ein erträglicher Ort, dort studiert Kress Goethe, Kleist, Kant, eben was im 19. Jahrhundert Rang und Namen hatte. Nach dieser glanzvollen Epoche ging es steil bergab – auch für Kress. Er lebt in einer unsanierten Hinterhofwohnung und führt philosophische Gespräche mit dem Tauberich Gieshübler. Doch dann geschieht etwas Unvorhergesehenes: Kress verliebt sich. Und muss auf einmal mitmachen, was seine Altersgenossen lieben – Partys, Small Talk, Ausflüge. Sein Scheitern ist grandios …

(Quelle: audio media verlag)

Autor

Aljoscha Brell (Autor):
Aljoscha Brell wurde 1980 in Wesel, NRW, geboren und lebt in Berlin. Er leitet ein Team von Webentwicklern in einem Berliner IT-Unternehmen. Er war Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloqiums Berlin und erhielt 2009 das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste. „Kress“ ist sein Debütroman.

(Quelle: Ullstein Verlag)

Aljoscha Brell – Homepage
Aljoscha Brell – Twitter

Max Felder (Sprecher):
geboren 1988 in München, wurde als Synchronsprecher von Ron Weasley in den „Harry Potter“-Verfilmungen bekannt. Er ist außerdem die deutsche Stimme von Taylor Lautner, dem Werwolf Jacob Black aus den „Twilight“-Verfilmungen.

(Quelle: audio media verlag)

Max Felder – Homepage
Max Felder – Facebook
Max Felder – Twitter

Details

Format: 5 Audio-CDs
Vö-Datum: 11.09.2015
Laufzeit: ca. 370 Minuten
ISBN: 978-3-95639-027-2
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: audio media verlag

Copyright Cover: audio media verlag



Über den Autor

Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde