Review

In einer nicht allzu fernen Zukunft stellt die amerikanische Autorin Alexandra Bracken in „Die Überlebenden“ die moralische Integrität der Menschheit auf die Probe: Der mysteriöse Virus „IAAN“ tötet – vornehmlich in den Vereinigten Staaten – eine ganze Generation von Kindern. Nur wenige überstehen die Infektion – um dann weitaus Schlimmeres erleben zu müssen!

Ruby, gerade einmal zehn Jahre alt, versteht die Welt nicht mehr. Bereits vor Monaten hatten Lehrer, Eltern und Politiker zwar Alarm geschlagen und die Bevölkerung über die Erkrankungswelle informiert – plastisch wurde das Thema „IAAN“ für das Mädchen jedoch erst, als zum ersten Mal eine Klassenkameradin in der Schule vor ihren Augen den charakteristischen plötzlichen Tod fand.

Welches Kind das Glück hat, die Infektion zu überleben, erhält im Gegenzug besondere Fähigkeiten. Diese sind so vielgestaltig wie ein Regenbogen und reichen beispielsweise von harmlosen Intelligenzsteigerungen über Gedankenübertragungskräfte bis hin zur Fähigkeit, Strom zu beeinflussen. Unbestreitbares Gefährdungspotenzial, da diese Fähigkeiten erst einmal geschult werden müssten. Aus der bereits angespannten gesellschaftlichen Lage entwickelt die Autorin jedoch keine Situation der Hilfe, stattdessen werden die verbleibenden Kinder von der Regierung ihren Kräften entsprechend kategorisiert und in militärisch geprägte Lager eingesperrt.

In einem solchen findet sich auch die Protagonistin wieder, nachdem ihre Eltern aus Gründen, die erst im Lauf der Erzählung verständlich werden, die Behörden über eine „Überlebende“ informierten. Tägliche Schikanen, an Folter grenzende Bestrafungen und beinah unmenschliche Lebensbedingungen prägen die folgenden sechs Jahre des Eingesperrtseins, bei dem die oberste Regel ist: „Benutze deine Kräfte niemals!“. Dennoch stellt sich eine Art Routine ein, bis Rubys Welt nochmals ins Wanken gerät: Fortentwicklungen der Analysetechnik enttarnen Rubys Täuschung bezüglich ihrer Fähigkeiten und plötzlich ist nochmals ihr Leben in Gefahr. Nach einer verdeckten Befreiungsaktion findet sich das vollkommen verstörte Mädchen im gesellschaftlichen Gerangel aus Revolution, Machthunger und Angst wieder – und versucht dort einen Platz zu finden.

Alexandra Bracken (Copyright: Alexandra Bracken)

Alexandra Bracken (Copyright: Alexandra Bracken)

Zugegeben handelt es sich um eine Suche, bei der der Leser Ruby manchmal widerwillig folgen muss. Die Szenerie, die Bracken hier entwirft, ist nicht nur durch die unzähligen toten Kinder beängstigend. Auch das Eingesperrtsein in Lagern macht betroffen; physische und psychische Gewalt, sogar Experimente an Kindern schildert die Autorin in ihrer düsteren Zukunftsvision.
Dazu gesellt sich eine manchmal anstrengende Protagonistin. Die charakteristische Gestaltung ihrer Gefühlswelt erzeugt ein Gefühl von Realismus, das bald an einen Zeitzeugenbericht grenzt, aber bisweilen wäre beim Lesen etwas weniger Innensicht und Unsicherheit unterhaltsamer gewesen.

Nicht ganz konsequent ist schließlich die sprachliche Gestaltung des Romans. Aus der Egoperspektive erhält der Leser viele Einblicke in das Denken des jungen Mädchens, das sechs Jahre lang kaum sozial interagierte, das keinen gesellschaftlichen-technischen Anschluss und kaum Schulbildung genossen hat. Dafür vermag sich Ruby sehr eloquent auszudrücken und besitzt darüber hinaus überraschend großes Einfühlungsvermögen und Verantwortungsgefühl. Diese leichte gestalterische Schieflage mag aber auch der Übersetzung geschuldet sein.

Irgendwo zwischen „Die Tribute von Panem“ und den „X-Men“ bewegt sich diese Dystopie, die als Trilogieauftakt am Ende nicht nur persönliches Erleben der Protagonistin darstellt, sondern eine gesellschaftliche Komponente andeutet, die extrem viel Potenzial enthält.
Fans des Genres, die für eine spannende Geschichte auch eine kleine Lovestory in Kauf nehmen, finden hier neues Lesefutter!

Inhalt

Ruby hat überlebt. Doch der Preis dafür war hoch. Sie hat alles verloren: Freunde, Familie, ihr ganzes Leben. Weil sie das Virus überlebt hat. Weil sie nun eine Fähigkeit besitzt, die sie zur Bedrohung werden lässt, zu einer Gefahr für die Menschheit. Denn sie kann die Gedanken anderer beeinflussen. Deshalb wurde sie in ein Lager gebracht mit vielen anderen Überlebenden. Deshalb soll sie getötet werden. Aber Ruby hat nicht überlebt, um zu sterben. Sie wird kämpfen, schließlich hat sie nichts zu verlieren. Noch nicht …

(Quelle: Goldmann)

Autorin

Alexandra Bracken wuchs im US-Staat Arizona auf. Nach ihrem Studium am „College of William & Mary“ in Virginia zog es sie nach New York City, wo sie derzeit lebt und arbeitet.
Ihren ersten Roman schrieb sie schon während des Studiums als Geschenk für eine Freundin. Die Liebe zu Büchern hat sie aber nicht nur dazu gebracht, selbst zu schreiben. Sie arbeitet außerdem bei einem großen amerikanischen Buchverlag und hat jederzeit eine Buchempfehlung parat.

(Quelle: Goldmann)

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Details

Format: Taschenbuch, Klappenbroschur
Vö-Datum: 18.08.2014
Seitenzahl: 544
ISBN: 978-3-442-47908-5
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Goldmann

Copyright Cover: Goldmann Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer