Review

Meister der Dystopie

Sowohl die dystopische Fabel „Farm der Tiere“ als auch der zeitlose dystopische Roman „1984“ stammen aus der Feder des Briten Eric Arthur Blair alias George Orwell; bis heute zwei der meistgelesenen Bücher des 20. Jahrhunderts.

Während die Alben „Schloss der Tiere 1: Miss Bengalore“ und „Schloss der Tiere 2: Margeriten im Winter“, welche auf Orwells „Animal Farm“ basieren, bereits beim Splitter Verlag erschienen sind, widmen wir uns vorliegend der „1984“-Comic-Adaption von Sybille Titeux de la Croix, in Szene gesetzt von Amazing Ameziane – ebenfalls aus dem Hause Splitter.

„1984“ ist Orwells letztes Buch und auch sein bedeutendstes Werk. Geschrieben in den Jahren 1946 bis 1948, legte der Autor den Titel seiner Schreckensutopie im Jahr 1948 fest. Durch den schlichten Zahlendreher am Ende ergab sich eine Jahreszahl in nicht allzu ferner Zukunft, die den zeitgenössischen Lesern und Leserinnen die Aktualität und Dringlichkeit der verhandelten Themen und Motive vor Auge führen sollte.

Doch worum geht es eigentlich in „Nineteen Eighty-Four“?

Der gläserne Mensch

Die Welt befindet sich im Krieg. Ständig. Denn „Krieg ist Frieden“ – so heißt es jedenfalls. Nur noch drei verbliebene Supermächte verteilen die Welt unter sich: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Mehr ist nicht geblieben. Es ist ein schlichter Kampf um Kontrolle und Macht.

In dieser Welt lernen wir Winston Smith aus London kennen. Der unscheinbare Mann lebt in einem totalitären Überwachungsstaat. Das amtierende Regime untersagt jedwede Freiheit, Individualität und Privatsphäre. Die allgegenwärtige Gedankenpolizei hat ihre Spione überall. Ob lauschende Nachbarskinder oder die an jeder Ecke und in jedem Haushalt verbauten Telemonitore: an Privat-, geschweige denn Intimsphäre ist nicht zu denken.

Ein Zustand, den die Menschen in dieser Welt nicht (mehr) anders kennen. Und dafür sind (ob gewollt oder nicht) auch Menschen wie Winston Smith verantwortlich. Denn Winston ist Mitglied der unterprivilegierten Parteibasis und als solches dafür verantwortlich, fortwährend Geschichtsrevisionismus zu betreiben. Seine Hauptaufgabe besteht Tag für Tag darin, bereits erschienene Veröffentlichungen zu sichten und mit den tagesaktuellen offiziellen Vorgaben durch das allmächtige Regime „Big Brother“ abzugleichen. Über die Überwachung durch die Gedankenpolizei, den sog. „Neusprech“, der die Sprache der Menschen (und folglich auch die Gedanken) immer weiter verkürzt, wird Winston immer unglücklicher. Er beginnt, seine heimlichen intimen Gedanken in einem Tagebuch zu notieren – was natürlich streng verboten ist. Weiterer Ausdruck seiner Sehnsucht nach individueller Freiheit sind seine regelmäßigen Besuche in einem tradierten Trödelladen, der an die alten Zeiten – vor Totalitarismus und Polizeistaat – erinnert.

Kurz darauf vermutet Winston aufgrund seiner rebellischen Aktivitäten von einer jungen Frau verfolgt zu werden. Wie sich eines Tages am Arbeitsplatz zeigt, ist die junge Frau namens Julia indessen in Winston verliebt und lehnt das Regime ebenfalls ab. Gemeinsam schmiedet das Liebespaar Pläne für die Zukunft eines persönlichen Widerstands.

Die Hoffnung von Julia und Winston ist allerdings nur von sehr kurzer Dauer.

Von ungebrochener Relevanz

Zu jeder Tages- und Nachtzeit überwachen Monitore und Mikrofone alles und jedermann.

Dass die Themen und Motive aus „1984“ auch heute noch von ungebrochener Relevanz und Aktualität sind, bedarf kaum näherer Erwähnung. Insbesondere der – freiwillig – „gläserne Mensch im Internet“ der modernen Zeit, der Verkauf und die Weitergabe von Daten, aber auch der vermehrte Einsatz von Drohnen und Überwachungskameras geben abermals Anlass, auf die politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Aspekte dieses Meilensteins der dystopischen Literatur zu verweisen und dessen besondere Bedeutung hervorzuheben. Ob Orwells Schreckensbild vom „gläsernen Bürger“, das der zeitgenössischen Leserschaft und den folgenden Generationen als Warnung dienen sollte, die von ihm erhoffte abschreckende Wirkung vollends erreicht hat, kann also bezweifelt werden.

Völlig zu Recht meinen indes Sybille Titeux de la Croix und Amazing Ameziane, dass man sich mit Neusprech, Geschichtsrevisionismus, der Gedankenpolizei sowie den Mitteln von Totalitarismus und Polizeistaat wieder einmal auseinandersetzen und diese Themen diskutieren sollte. So ist das Vorbild für die Dystopie zwar offenkundig die Sowjetunion unter Stalin. Dieses politische Unterdrückungssystem kann allerdings beliebig besetzt und durch Systeme ausgetauscht werden, in denen politische Inhalte irrelevant sind und es einzig um den Erhalt der Macht geht.

Leseprobe aus der Comic-Adaption „1984“ zu George Orwells düsterer Vision; von Sybille Titeux de la Croix und Amazing Ameziane. (Copyright: Splitter Verlag)

Die Adaption von Sybille Titeux de la Croix und Amazing Ameziane ist – man möchte sagen: naturgemäß – von großer Ehrerbietung und Respekt geprägt. Die wichtigen und prägenden propagandistischen Parolen und Botschaften sind allgegenwärtig („Big Brother is watching you“) und die literarische Vorlage wird relativ umfassend und werkgetreu adaptiert. Der brillante Stoff wird dabei allerdings auch so ausführlich wie nötig und so kurz wie möglich behandelt. Dies ist eine Kunst, die gewiss nicht jeder (Comic-)Adaption gelingt.

Besonders hervorzuheben sind abschließend die großartigen Arbeiten von Künstler Amazing Ameziane. Dessen Artwork rechtfertigt eine neuerliche Befassung mit dem dystopischen Klassiker bereits nach wenigen Seiten. Das Paneldesign und die Gestaltung der Seiten sind kreativ und abwechslungsreich; die Welt ist steril, leblos und kalt; die ständige Überwachung und der Überwachungsdruck sind allgegenwärtig und für den Leser unmittelbar greifbar. Besonders akzentuiert wird die Gefühls- und Freudlosigkeit dieser Welt durch den fast ausschließlichen Einsatz einer Farbpalette aus blassen Grau- und (Eis-)Blautönen sowie überwiegend kalt-bläulichem Mintgrün.

Fazit

Orwells Klassiker „Neunzehnhundertvierundachtzig“ sollte man zumindest einmal im Leben gelesen haben. Wer das noch nicht getan hat, beginnt mit der Dystopie in Comic-Form und widmet sich anschließend der gesellschaftskritischen literarischen Vorlage, die bis heute an Brisanz gewonnen hat.


1984 (Graphic Novel)

Inhalt

Die Welt befindet sich im Krieg. Mächtige Feinde von außen und von innen bedrohen die Bürger Englands. Nur die Stärke der Partei und ihres wohlwollenden Anführers Big Brother steht zwischen den Unbescholtenen und ihren Feinden. Zumindest ist es das, was die Partei seit Jahren verkündet. Und eine andere Meinung gibt es nicht, denn ständige Überwachung und drakonische Strafen für Oppositionelle – Gedankenverbrecher – sind der Preis für ihren Schutz. Und doch wird ein einfacher Mann namens Winston das Unmögliche tun, indem er das Undenkbare denkt. Und er wird die Konsequenzen tragen müssen.

Mit »1984« schrieb sich George Orwell im Jahr 1948 in die Annalen der dystopischen Literatur ein. Auch heute werden sein Name und Begriffe wie »Neusprech« und »Gedankenpolizei« genutzt, um Tendenzen zum Totalitarismus und Polizeistaat anzuprangern. Die Autoren des Bestsellers »Muhammad Ali: Die Comic Biografie« fassen diesen Klassiker, der seine zeitlose Relevanz leider immer wieder unter Beweis stellt, in Bilder, die fesseln und beunruhigen.

(Quelle: Splitter Verlag)

Details

Format: Hardcover, Bookformat
Veröffentlichung: 28.04.2021
Seitenzahl: 232
ISBN: 978-3-96219-102-3
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)