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29. März 2017

Von nackten Hasen, Höhlenmalerei und Elfenbeintürmen – Ein Plädoyer für Cosplayer auf den Buchmessen

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Verfasst von: Silvana
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Die Leipziger Buchmesse 2017 ist Geschichte. Allerdings hat sie im Abgang ein unerwartet starkes Nachbeben zu verkraften, verursacht durch einen Beitrag des SWR. In diesem wird eine Bilanz der Buchmesse gezogen, die – stark vereinfacht – lautet: Cosplayer sollten von der Buchmesse verbannt werden, da sie stören.

Knapp zusammengefasst beschreibt der Autor seinen Standpunkt wie folgt: Eine Buchmesse sei Ort der Diskussion, der wertvollen Literatur, ein Ort, an dem Meinungen gemacht und ausgetauscht werden, ja, wo sogar für jene, die ihre Gedanken nicht mehr frei äußern dürfen, gekämpft wird. Zu einem solchen Umfeld passt der „Klamauk“ der kostümierten „nackten Hasen“, wie die Cosplayer betitelt werden, einfach nicht. Er wolle ja nicht in Abrede stellen, dass das ganz nett sei – aber eben doch bitte an einem anderen Veranstaltungstag. Fernab der „echten Literatur“ – das sind zugegeben meine Worte.

Denn es fällt mir schwer zu verstehen, wie ein Mensch, der von sich behauptet, sich mit dem Medium der Literatur auszukennen, sich so dermaßen irren kann. Es tut mir leid, lieber Autor. Aber Sie liegen falsch. Denn nicht nur, dass Sie sich ausgesprochen elitär und herablassend gegenüber einem Kulturgut, das sie nicht kennen, äußern – sie predigen auch noch Wasser und – Pardon – saufen dann Wein. Gerne möchte ich Ihnen darum zwei Ihrer größten Missgeschicke (die im Übrigen leider auch nicht mit Ihrem offenen Brief an die Cosplay-Szene richtiggestellt werden konnten) noch einmal erklären. In aller Form und so, dass sich niemand angegriffen fühlen muss – aber eben auch so, dass jeder – sogar Sie – es verstehen können.

Punkt 1: Sind Comics Literatur?

Da beginnen wir doch einmal wie in dem schönen, alten Film „Die Feuerzangenbowle“ und stellen uns ganz dumm: Was ist denn ein Comic? Platt gesagt sind es Bilder, die eine Handlung wiedergeben, eine Bildgeschichte, mal mit mehr, mal mit weniger Text. Was hingegen ist Literatur? Nun, darüber zerbrechen sich noch heute die Gelehrten ihre Köpfe. Auch hier wollen wir darum zunächst einmal vereinfacht sagen: Literatur ist ebenfalls Geschichtenerzählen, jedoch mit dem geschriebenen Wort. Es wird deutlich: Der Zweck ist der Gleiche, nur das Medium variiert.

Und genau hier liegt – meiner bescheidenen Ansicht nach – der Hund begraben. Denn scheinbar wird das Bild als weniger wertvoll erachtet, als das Wort. Und das – mit Verlaub – ist einfach hirnrissig! Denn was waren denn die Höhlenmalereien anderes als erzählte Geschichten? Die ersten Comics an einer Steinwand. Die erste Form der Literatur. Oder etwa nicht? Heißt es nicht, ein Bild sagt mehr als tausend Worte? Aber gut, man könnte hier kritisch anmerken, dass diese Art der Kunst vielleicht Ursprung der Malerei und nicht der Literatur ist. Darum gehen wir weiter.

Unweigerlich als Literatur gefeiert wurden wohl die griechischen Dramen und Komödien. Voller Genuss verschlingen noch heute Literaten Homer und Sophokles. Genuss? Ja, denn dafür waren diese Stücke da: zur Unterhaltung. Übrigens: Selbst Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ war zu seiner Zeit lediglich in der Jugend beliebt und bei „gestandenen Literaten“ als Schund verschrien. Wie so oft wurde es als flache Unterhaltung abgetan – und ist heute: Kunst.

Fern der Belanglosigkeit: Comics können auch gehaltvoll.

Und was machen die heutigen Comics eigentlich? Oder die heutige Literatur? Genau. Unterhalten. Aber nicht doch, nicht doch, ernstzunehmende Literatur behandelt auch ernsthafte Themen! Politik, Krankheit, Weltgeschehen. Und wenn schon nicht das, dann doch wenigstens Werte wie Ehrlichkeit, Moral, Liebe. Aha. Und Comics? Was haben wohl diese zum Thema? Beweisstück A: Daniela Schreiters „Schattenspringer“ – eine Graphic Novel, gezeichnet in einem fast schon naiven, niedlichen Stil. Sie behandelt jedoch das – viel zu selten dokumentierte – Thema des Autismus aus Sicht einer Betroffenen. Und hat damit schon vielen Menschen geholfen.

Aber Comics sind ja kein Teil der Literaturlandschaft. Sie seien zu einfach. Bilder sind ein Zeichen für Kindlichkeit. Nicht anspruchsvoll genug. Dabei ist das Lesen eines Comics nachgewiesenermaßen sogar anspruchsvoller für einen Menschen – werden doch zusätzlich zur Textverarbeitung auch noch zahlreiche andere Areale im Gehirn angesprochen, die sich miteinander verknüpfen und austauschen müssen, um die Gesamtheit der dargestellten Handlung begreifen zu können. Sogar die angesehene germanistische Schriftenreihe Text + Kritik hat einen Sonderband über Comics, Mangas und Graphic Novels herausgebracht.

Nun erlaube man mir die bescheidene Frage: Wenn sogar eine zugegebenermaßen oft rechtmäßig als nur in ihrem Elfenbeinturm fernab der Realität verweilende verschriene Zunft erkennt, dass Comics nicht nur eine Randerscheinung, sondern ein vollwertiges Mitglied der Literatur darstellen – warum dann nicht auch ein Autor des SWR?

Punkt 2: Was suchen Kostümierte auf einer Buchmesse?

Wir haben also bisher festgestellt, dass Comics einen berechtigten Platz in der Literatur einnehmen. Nehmen aber auch Cosplayer darum gerechtfertigt einen Platz auf einer Buchmesse ein? Immerhin ist es sowieso schon voll und eng und laut. Und wie der Autor mehrfach betonte, sind die Cosplayer in ihren schrillen, bunten, nur mäßig bekleideten Kostümen einfach unpassend an einem Ort, wo über Zensur, Gewalt und Gefangenschaft gesprochen werden soll. Er brachte das Beispiel einer inhaftierten türkischen Aktivistin an, welche per Skype zugeschaltet wurde und während deren Gespräch Cosplayer vorbeiliefen. Dies sei unpassend, es gehöre sich nicht. Man ginge ja auch nicht derart kostümiert auf eine Beerdigung. Darum würden Cosplayer doch besser der Messe fernbleiben – man wolle ja kein Verbot aussprechen, nur die Ansprüche bewahren.

Tatsache ist, dass damit eine Zensur stattfindet. Tatsache ist auch, dass diese starken Frauen (und Männer), die in ihrem Land für Freiheit und Gleichheit kämpfen, ganz am Ende auch genau für diese Menschen, die auf der Buchmesse in einem Kostüm auftreten, kämpfen, und dass ihre Landsleute irgendwann einmal die Gelegenheit haben, solche Dinge (wieder) tun zu können. Das klingt banal im Angesicht von Terror und Tod – aber es ist tatsächlich Bestandteil dieses Kampfes. Und das zu negieren, das zu vertreiben, uns selbst diesen Teil der Kultur zu amputieren – damit spielen wir nur wieder jenen bösen Mächten in die Karten. Wer sich selbst das Lachen verbietet, hat bald nichts mehr zu lachen…

Galerie: Cosplayer auf der FBM 2014


(Alle Fotos bei Flickr ansehen)

Zudem ist das Anfertigen der Kostüme ein besonderer Prozess. Die Cosplayer suchen sich ihre Charaktere aus – welchen fühlen sie sich verbunden, welche finden sie bewundernswert, wer möchten sie gerne sein? In mühevoller, langwieriger Handarbeit werden auch die kleinsten Details originalgetreu nachempfunden. Dabei ziehen die Cosplayer alle Register: Vom Nähen bis zum Modellieren, vom Hair Stylisten bis zum Make-Up-Artisten, ja sogar elektrische Kniffe und mechanische Basteleien tauchen immer öfter auf. Cosplay ist ein Schmelztiegel an kreativen Techniken – und alles zu Ehren der geliebten literarischen Helden. Um noch einmal kurz das Beispiel des Werthers anzuführen: Damals war es unter der Jugend Mode, sich wie die Hauptfigur dieses Briefromans zu kleiden. Cosplay ist also tiefer in unserer Literaturgeschichte verwurzelt, als man glauben möchte.

Galerie: Cosplayer auf der LBM 2015

(Alle Fotos bei Flickr ansehen)

Warum die Cosplayer also zu einer Buchmesse wie Comics zur Literatur gehören? Weil sie ein Zeichen für das freie Denken in allen Formen und Farben sind. Und das sage ich, der kein Cosplayer ist und sicherlich auch nicht alle Facetten davon versteht. Aber ich halte meinen Geist dafür offen und verschanze mich nicht hinter obsoleter Engstirnigkeit. Und ich bin froh und dankbar, dass auch die Leipziger Buchmesse es so sieht und bereits in einer Stellungnahme verlauten ließ: Die MCC bleibt ein Teil der LBM. Richtig so.

Nun hat es hoffentlich jeder begriffen.
Selbst ein Autor des SWR.

 

Quellen

www.sz-online.de

www.taz.de

www.literaturkritik.de

www.www.anime2you.de

www.www.anime2you.de

www.swr.de/…/kein-ort-fuer-nackte-hasen/



Über den Autor

Silvana
Silvana
A Cat is Purrfect.




 
 

 

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