Review

„Willkommen! Zum schauerlichsten Fest, das der Gentleman aus Providence dieser Stadt je bereitet hat!“
So wird man begrüßt, wenn man sich für das Taktik-Brettspiel „Kingsport Festival“ des Kosmos Verlags entschieden hat, das die Zocker in die Welt von H.P. Lovecraft entführt und über 90 Minuten lang der Frage nachgeht: „Werden die Großen Alten zurückkehren und die Welt in Chaos versenken?“

Die Antwort darauf geben ganz allein die mindestens drei, höchstens aber fünf Spieler, die in die Rolle der Bösen schlüpfen. Ein Konzept, das zu gefallen weiß, denn wer möchte nicht einmal in der gelungenen Lovecraft-Welt als dunkler Kultist die Fäden ziehen?

Dass man während einer Partie in das Lovecraft-Universum eintauchen kann, dafür sorgen die Autoren von „Kingsport Festival“, Andrea Chiarvesio und Gianluca Santopietro. Sowohl einige Spielmaterialien als auch das Handbuch halten diesbezüglich Hintergrundinformationen bereit.
Obwohl es sich bei „Kingsport Festival“ nicht um ein Rollenspiel handelt, schafft das Spiel dennoch Atmosphäre. Damit sich diese ausreichend entfalten kann, benötigt man zum Spielen jedoch sehr viel Platz bzw. Ablagefläche. Das spricht für ein umfangreiches und liebevoll aufgemachtes Spielmaterial, schließt gleichzeitig jedoch aus, „Kingsport Festival“ für kleine Zockerabenteuer zwischendurch beispielsweise mit auf Reisen zu nehmen, auch wenn die Qualität des Materials sicherlich dazu taugen würde, denn solide und langlebig (aus dicker Pappe und Holz) sind die Einzelteile gestaltet und sehen dabei schön und thematisch passend aus.

Das Spielmaterial ist gesichtet und aufgebaut. Was nun?

Der Spielplan von "Kingsport Festival" (Copyright: Kosmos Verlag)

Der Spielplan von „Kingsport Festival“ (Copyright: Kosmos Verlag)

Beim Erstkontakt sind jetzt natürlich erst einmal die Spielregeln von „Kingsport Festival“ an der Reihe. Diese finden sich im beiliegenden Handbuch und sind dort plausibel erklärt. Fußnoten und Hinweise wie „Wenn ihr Kingsport Festival zum ersten Mal spielt, solltet ihr jetzt den Abschnitt „Wichtig“ im Kapitel „Szenarien“ auf S. 7 lesen“ führen Neulinge dabei ebenso sicher durch das Handbuch wie Fortgeschrittene.
Eine grobe Spielübersicht finden die Spieler zudem zusammengefasst auf der Rückseite des A4 großen Regelhefts sowie auf separaten „Spielübersichtskarten“, die jeder Spieler bei Bedarf neben sich legen kann, um nicht nur den Spielablauf, sondern auch die einzelnen Symbole auf die Schnelle nachzulesen.

Der Blick ins Handbuch zeigt jedoch außerdem, dass dieses nicht unbedingt linear aufgebaut ist. Weil regelrelevante Inhalte vom lovecraftschen Geschichtshintergrund nicht deutlich genug getrennt sind, ist keine klare Struktur erkennbar. Hier wäre es empfehlenswert gewesen, auch um dem Schaffen Lovecrafts gerecht zu werden, wenn die Macher die inhaltlichen Informationen (wie z.B. die Vorstellung der einzelnen Ermittler) nicht jeweils nur an die Ränder einer jeden Seite neben die Spielregeln platziert, sondern ihnen eigenständige Kapitel zugestanden hätten.

Nachdem man sich einen ersten Überblick verschafft hat, stehen zwei Spielweisen zur Verfügung: der „herkömmliche“ Spielablauf ohne Szenarien und mit Standardregeln oder Partien mit den sogenannten Szenarien.

Neulingen wird – um „Kingsport Festival“ erst einmal kennenzulernen – zunächst zur Standardversion geraten. Dies macht in der Tat Sinn, denn dadurch macht man sich vertraut mit den zahlreichen Ressourcen und Möglichkeiten, die jede Partie bietet.

Eine Partie geht dabei über zwölf Runden, jede davon ist wiederum in sechs Phasen unterteilt:
1. „Zugreihenfolge“ (die bestimmt, welcher Spieler beginnt), 2. „Beschwörung“ (die festlegt, welche „Großen Alten“ ins Spielgeschehen eingreifen und damit gegen Kosten Belohnungen gewähren), 3. „Belohnung“ (eine Phase, in der die „Großen Alten“ ihre Geschenke an die Spieler verteilen, von denen sie beschworen wurden), 4. „Ausbreitung“ (eine Phase, in der man Gebäude auswählen und besetzen darf, die anschließend Macht und Fertigkeiten verleihen), 5. „Angriff“ (eine Phase, die nicht immer stattfindet, wenn doch dann aber das Spiel beeinflussen und das Ergebnis drehen kann) und 6. „Zeit“ (die abschließende Phase, in welcher der weiße Zeitanzeiger verschoben wird und somit das Ende der Runde kennzeichnet).

Diese festgeschriebene Vorgehensweise ist erst einmal sehr spannend und hält eine ausgewogene Mischung aus Taktik und Glück parat, denn es müssen einem nicht nur die drei Würfel hold sein, um sich den Spielstart und damit gleich zu Beginn der Runde automatisch 1-2 Punkte „geistige Gesundheit“ zu sichern und anschließend möglichst starke „Große Alte“ zu beschwören, zusätzlich können Gebäude, welche jeweils einen Effekt besitzen, der den Spielern zugutekommen kann, geschickt besetzt und/oder Zaubersprüche gezogen werden, die den Spielern zusätzliche Fertigkeiten verleihen.

Beim Würfeln, Beschwören und Zaubersprüchewirken bleibt es aber nicht, denn insgesamt hat der Spieler zehn Ressourcen zu managen: darunter „Kultpunkte“ (die Siegpunkten entsprechen und den Spielstand anzeigen), „geistige Gesundheit“ (die es zu bewahren gilt, um das Spiel gewinnen zu können), „Magiepunkte“ (die benötigt werden, um Zaubersprüche wirken und Sonderfertigkeiten nutzen zu können), „Ressourcen“ (von denen es drei verschiedene Arten gibt: „Übles“, „Tod“ und „Zerstörung“), „Zaubersprüche“ (von denen es ebenfalls drei verschiedene Arten – entsprechend der drei Ressourcen) und die „Gebäude“ (die den Spielern Ressourcen kosten, im Gegenzug dafür aber Belohnungen wie Kultpunkte und Effekte gewähren).

Auch der Faktor „Zeit“ spielt eine Rolle, denn wie bereits erwähnt dauert eine Partie zwölf Runden an. Der Spielfortschritt wird mit einem weißen Zylinder auf einer Leiste am unteren Spielplanrand gekennzeichnet.

Hier kann man schon mal leicht den Überblick verlieren und das einem zur Verfügung stehende Potenzial (durch Zaubersprüche, Gebäude und Ressourcen) nicht ausreichend ausnutzen. Erst mit einer gewissen Spielroutine, so behaupte ich, behält man alle seine Möglichkeiten im Blick und kann diese geschickt anwenden.

Der taktische Tiefgang (Welche Häuser besetze ich? Welche „Großen Alten“ beschwöre ich sinnvoll, damit sie mir den größtmöglichen Nutzen bieten?  Welche Zaubersprüche spiele ich wann geschickt aus?) ist interessant und kann das Spielergebnis recht schnell wandeln. Gleichzeitig gestalten sich die Abläufe aber auf Dauer ziemlich monoton, der Spielablauf ist in der „herkömmlichen“ Spielweise irgendwann sehr zäh und es will sich keine Langzeitmotivation einstellen.

Kingsport Festival (Copyright: Kosmos Verlag)

Kingsport Festival (Copyright: Kosmos Verlag)

Selbst die „Angriffsphasen“, die „Kingsport Festival“ noch komplexer machen, indem die Spieler in ihrer Rolle als Kultist gegen die sogenannten Ermittler antreten müssen, sind nach einiger Zeit zu unspektakulär. Denn zum einen finden sie in der „Standardversion“ zu selten (4-mal)  statt, zum anderen sind die Kampfphasen verkompliziert angelegt. Für die Übersicht – insbesondere für neue Spieler – wären zusätzliche Stärkemarker, die dem Spieler anzeigen, welche Fertigkeiten und Effekte ihm zur Verfügung stehen, sinnvoll gewesen.
Was zudem nicht ganz überzeugt ist die Relation von Strafe und Belohnung am Ende eines Kampfes. Diesbezüglich herrscht ein Ungleichgewicht vor. Auch wenn ein Kampf unentschieden ausgeht und dies dann keine Auswirkungen für den betroffenen Spieler hat, wirkt frustrierend, denn immerhin baut man die übrigen Runden auf diese Angriffsphase hin und hat anschließend den Eindruck, als wäre dies vertane Zeit gewesen.

Es will nach einiger Zeit auch kein nennenswertes Miteinander beim Spielen entstehen. Da jeder damit beschäftigt ist, seine Möglichkeiten und Fähigkeiten im Blick zu behalten, vermisst man eine derartige positive Kommunikation, die zum Beispiel ein Spiel wie „Siedler von Catan“ mit sich bringt. Dies führt schnell dazu, dass die Stimmung am Spieltisch sinkt und die Partie unnötig lang erscheint.

Schnell sollte man daher zusehen, dass man sich auf das Spiel mit Szenarien verlegt, bei dem die sogenannten Szenarien- und Festivalkarten zum Einsatz kommen, denn diese variieren das Spielen von „Kingsport Festival“ und modifizieren die einzelnen Runden. Damit ist keine Partie wie die andere und für Abwechslung ist gesorgt.

„Kingsport Festival“ ist damit ein Spiel, das in der Anfängerfassung zuerst begeistert, dann ermüdet und Probleme bereitet, den Überblick zu wahren. Hat sich aber erst einmal eine gewisse Spielroutine eingestellt und man sich an das Spiel mit Szenarien herangetraut, dann wendet sich das Blatt und das auf Lovecrafts Universum basierende Taktikspiel weiß schon besser und langlebiger zu gefallen.

Spielmaterial

1 Spielplan
20 Tafeln Große Alte
16 Gebäudeplättchen
5 Kultmarker
4 Angriffsmarker
110 Spielkarten
146 Spielfiguren aus Holz (6 Zylinder, 75 Scheiben, 65 kleine Würfel)
15 Würfel
Anleitung

Details

Hersteller: Kosmos Verlag

Sprache: Deutsch (Spiel & Handbuch)
Freigabe: Empfohlen ab 13 Jahren
Anzahl Spieler: 3-5
Spieldauer: ca. 90 Minuten
Vö-Datum: 19.09.2014
Homepage Hersteller: Kosmos Verlag

Copyright Cover: Kosmos Verlag



Über den Autor

Conny
Conny

„Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.“ – Oscar Wilde