Review

Mit dem alljährlich wiederkehrenden christlichen Wiegenfest erfolgen im selben Turnus die Veröffentlichungen unzähliger „Weihnachtsalben“ diversester Künstler und unterschiedlichster Stilrichtungen. Auch Tarja Turunen hat dieses Jahr mit „from Spirits and Ghosts“ die vermeintlich passende Musik zum Fest am Start.

Die finnische Ausnahmesängerin hat, unter anderem auch durch ihren musikalischen Background, schon immer eine besondere Beziehung zum Weihnachtsfest. Jedes Jahr gibt sie im Dezember ausgesuchte (klassische) Konzerte, auch hat sie bereits 2006 mit „Henkäys ikuisuudest“ ein reines Weihnachtsalbum veröffentlicht. So ist das Erscheinen von „from Spirits and Ghosts“ nun recht naheliegend – und kann doch in dieser Art überraschen.

Denn bereits Cover und Booklet der CD präsentieren sich wenig weihnachtlich. Tarja als bleichgeschminkte „Dark Lady“ (alternativ „White Lady“) empfängt uns dort, von typisch weihnachtlichen Motiven keine Spur. In derart düsterer Stilistik erklingen dann auch die zwölf Songs des Albums, bestehend aus elf klassischen Weihnachtsliedern und einer Eigenkomposition der finnischen Sopranistin.

Sämtliche Titel wurden von dem bekannten Filmkomponisten Jim Dooley, mit dem sie bereits bei ihren bisherigen Soloalben zusammengearbeitet hat, neu arrangiert und ihr damit auf den Leib geschrieben. Dadurch erhalten die Songs eine sehr spezielle – man kann fast schon sagen gewöhnungsbedürftige – Interpretation. Komplett im Gegensatz zur weihnachtlichen Mainstream-Beschallung erzeugen die Songs eine durchgehend düster-melancholische Stimmung. Bilder kalter, einsamer Winterlandschaften entstehen beim Hören. Der Einsatz von Keyboard, Piano, Cello und Orchester auf instrumentaler Ebene unterstreicht die Tragik und Dramatik der Stücke, aber auch ihre mitunter spürbare majestätische Seite („Amazing Grace“). Tarjas Stimme transportiert all diese Gefühle und Bilder auf herausragende Weise an die Hörerschaft.

Der Opener „O Come, O Come, Emmanuel“ soll hier als Anspieltipp empfohlen werden, der auf gelungene Weise zeigt, wie anders Weihnachtslieder klingen können und was einem auf dem Album erwartet. Leise, reduzierte Stücke und Passagen changieren mit lauten, opulent-epischen und erzeugen eine ganz eigene weihnachtliche Stimmung, die dem Untertitel des Albums – „Score for a dark Christmas“ – mehr als gerecht wird.

Tarja (Copyright: Tim Tronkoe)

Besonders interessant für uns deutschsprachige Hörer dürfte hier Tarjas „O Tannenbaum“-Neuinterpretation (auf Deutsch!) sein.

Die Songauswahl ist insgesamt gelungen, da viele Stücke in unseren Breitengraden doch nicht so bekannt sind oder bereits „tot gespielt“ wurden. Ausnahmen hier bilden vielleicht „Feliz Navidad“ und „We Wish You a Merry Christmas“, wobei letzter vielleicht auch der Song ist, der auf diesem Album nicht ganz so überzeugt.

Mit „from Spirits and Ghosts“ präsentiert Tarja ein Weihnachtsalbum für all diejenigen, „die in den blinkenden Lichtern und bimmelnden Glocken keine Freude finden“. Ein Dark-Christmas-Album, das nicht Metal und nicht Pop ist und vielleicht irgendwo im Bereich Neo-Klassic einzuordnen ist. Ein musikalisches Epos, auf das sich das Einlassen lohnt. Viele interessante Neuinterpretationen klassischer Weihnachtslieder in Kombination mit Tarjas einzigartiger Stimme, die hier vielleicht ihre beste Sangesleistung auf einem Soloalbum liefert.

„from Spirits and Ghosts“ ist natürlich kein Album, welches man sich in den warmen Jahreszeiten anhören wird. Nichtsdestotrotz hat es das Zeug, zu einem Weihnachtsklassiker zu werden.

Video

Tracklist

01 O Come, O Come, Emmanuel
02 Together
03 We Three Kings
04 Deck The Halls
05 Pie Jesu
06 Amazing Grace
07 O Tannenbaum
08 Have Yourself A Merry Little Christmas
09 God Rest Ye Merry Gentlemen
10 Feliz Navidad
11 What Child Is This
12 We Wish You A Merry Christmas

Details

Tarja Turunen – Homepage zum Album
Tarja Turunen – Facebook
Tarja Turunen – Twitter

Label: earMusic / Edel
Vö-Termin: 17.11.2017
Spielzeit: 49:32

Copyright Cover: earMusic



Über den Autor

Conny
Conny

„Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.“ – Oscar Wilde