Review

Schattenmann – das sind DIE Senkrechtstarter aus dem letzten Jahr was harte deutsche Musik angeht. Gegründet Ende 2016, schafften es die sympathischen Franken binnen kürzester Zeit, sich mit ihrem frischen NDH 2.0 Sound einen Namen in der Szene zu machen. Eine restlos vergriffene Tour-EP, Festival-Auftritte auf dem Sturm auf die Bastille, dem Rock4Peace oder der Nacht der Helden und Support-Touren mit Größen wie Heldmaschine, Stahlmann oder noch anstehend mit Megaherz und Unzucht waren bzw. sind die Folge. Darüber hinaus führt sie ihr Weg in diesem Jahr auch noch auf das Hexentanz Festival, das M’era Luna und das Black Castle Festival. Ein Erfolg, den sich zwar jede junge Band wünscht, mit dem die Schattenmänner in diesem Ausmaß allerdings nicht gerechnet hätten.

Sie treffen einen Nerv und wieso das so ist, weiß Sänger Frank Herzig:

Wir singen über das, was uns selbst in Atem hält. Wir wollen das im Verborgenen liegende zu Tage fördern. Wir sind bereit, alles für Schattenmann zu geben.

Und das hört man! Mit viel Herzblut, Leidenschaft und Biss haben die vier Nürnberger (Sänger Frank Herzig, Gitarrist Jan Suk, Basser Luke Shook und Drummer Nils Kinzig) auf ihrem Debütalbum „Licht an“ 13 Songs zusammengestellt, die mit militant marschierenden Beats, ruppigem Thrash-Drumming, brettharten Gitarrenwänden und orchestralen Synthies auffahren. Texte, die den Hörer auf eine unerbittliche Reise zwischen Licht und Dunkel nehmen und dazu Franks unverkennbare Reibeisenstimme, die dem ganzen Sound einen einzigartigen Charakter verleiht.

Der Schattenmann steht für die Seite in uns, die wir lieber verborgen halten. Die manchmal aber eben hervorbricht, die sich nach Freiheit sehnt, die ausgelebt werden will.

Und genau diese verborgene Seite wird im Opener „Licht an“ thematisiert. Der Schattenmann lebt in uns und weiß von all dem Guten und dem Bösen, von allen Wünschen und Lastern, die uns ausmachen. Ein Entkommen ist nicht möglich, denn er ist immer bei uns und hin und wieder gewinnt er die Oberhand und lebt sich aus. Schon mit dem Video-Release zu „Licht an“ sorgten Schattenmann für Aufsehen, denn es wurde als revolutionäres 360°-Video gedreht und macht beim Ansehen nicht nur deswegen Spaß. Die schnellen Wechsel von Licht und Schatten, ebenso wie die Neon-Bemalung im Gesicht machen auch die Live-Shows der Franken aus, bei denen sie sich perfekt zu inszenieren wissen.

Schattenmann (Copyright: Tom Row / Frontrow Images)

„Brennendes Eis“ handelt von einer gescheiterten, erkalteten Beziehung und den Kampf darum, diese wieder zu befeuern und aufleben zu lassen. Nicht nur durch die wiederholte Aufforderung „Tanz, Tanz, Tanz“, sondern auch durch die catchige Hookline und die treibenden Beats lädt dieser Track unweigerlich zum Tanzen und Mitfeiern ein. Und auch Freunde vom Luftgitarrenspiel kommen dank eines kurzen Solos auf ihre Kosten.

Ganz anders hingegen „Gekentert“ – mit dieser emotionalen Rock-Ballade zeigen die sonst so harten Schattenmänner auch einmal ihre weiche und verletzliche Seite. Stimmlich deutlich zärtlicher, aber nicht weniger rotzig handelt „Gekentert“ ebenso von einer Beziehung. Der Protagonist hat sich in ebendieser Beziehung verloren und meint, dass nur der Partner ihn retten kann. Ein Teufelskreis, aus dem ein Ausbruch umso schwerer fällt.

Mit „Zahn der Zeit“ hat es auch eine zweite Ballade auf das Debüt geschafft. Thematisiert werden hier die Tiefschläge, die man im Leben ertragen muss, und im Allgemeinen die Vergänglichkeit des Lebens; allerdings verknüpft mit der Mahnung, sich davon nicht unterkriegen zu lassen, denn „es bleibt noch Zeit.“

Nach diesen beiden ruhigen Titeln wird es wieder Zeit für etwas Lautes: „Amok“. Immer im Hinblick auf den Schattenmann, der in uns allen lebt, kennt sicher jeder die eine oder andere Situation, in der man einfach gern Amok laufen wollen würde. Die Wut, die raus will, die raus muss, obwohl wir es vielleicht gar nicht wollen. Genau darum geht es in diesem überaus tanzbaren und dreckigen Song.

Apropos dreckig: Mit „Generation Sex“ haben Schattenmann einen Song auf den Silberling gebannt, der an sexueller Provokation kaum zu überbieten ist. Das erst kürzlich veröffentlichte Musikvideo wurde auf YouTube sogar altersbeschränkt. Untermalt mit eindeutigen Bildern, weiß dieser Song textlich durch eine zum Teil gesellschaftskritische, zum Teil selbstironische Auseinandersetzung mit der Freizügigkeit unserer Sexualität heutzutage zu überzeugen. Wo früher nur getuschelt wurde und offene Gespräche über die eigene Sexualität und das Vorgehen im heimischen Schlafzimmer eher ein Tabu waren, wird heute alles offen gelegt und eher noch damit geprahlt. Über Präferenzen, Vorlieben und Fetische wird frei gesprochen und der Konsum sowie das Nachahmen und selber drehen von Pornografie gehört schon fast zum guten Ton. Kein Wunder, dass damit ein gesunder und normaler Umgang mit Sexualität, vor allem für die heranwachsende Generation, nicht mehr wirklich möglich ist.

„9mm“ schließt sowohl musikalisch als auch thematisch etwas an „Amok“ an. Der Grund für die Wut, die zur Benutzung einer Waffe führt, ist diesmal allerdings wieder eine Beziehung. Betrogen, ausgenutzt und hintergangen sieht der Protagonist keine andere Möglichkeit, als sich an seinem Widersacher mittels Waffengewalt zu rächen.

Zu einheitlichem „Ohohoh“-Gesang und Einheitsschritt lädt der militante Song „Krieger des Lichts“ ein.

Das melodische „Trümmer und Staub“ befasst sich erneut mit einer Beziehung. Gescheitert und vor den Trümmern stehend, rechnet man ab und verabschiedet sich.

Schattenmann (Copyright: Tom Row / Frontrow Images)

Das schwere Lied „Schattenmann“ schließt thematisch etwas an den Opener an. Es handelt von den inneren Dämonen, die uns beherrschen. Rockig verführerisch versucht der Schattenmann, uns auf die dunkle Seite zu ziehen.

Der Folgesong „Böser Mann“ beleuchtet die andere Seite dieser Dämonen-Wirt-Beziehung. Bereit zum Kämpfen und ohne Furcht vorm Bösen Mann will man sich nicht unterkriegen oder locken lassen.

„Rot“ schlägt wieder etwas schwerere Töne an und bildet quasi den Höhepunkt des Kampfes zwischen Licht und Dunkel – und offenbar hat das Dunkel gewonnen.

Den Abschluss des Albums bildet erneut der Song „Gekentert“, allerdings in der Unplugged Version. War die ursprüngliche Version schon emotional, so schaffen es Schattenmann mit dieser Version noch einmal einen draufzulegen. Gänsehaut pur!

Alles in allem haben Schattenmann mit „Licht an“ nicht nur ein respektables Debüt geliefert, sondern einen echten Brocken des NDH-Genres. Sie wissen, was die Massen bewegt. Sie wissen, wie man sich in Szene setzt. Und sie wissen, dass noch eine große Karriere auf sie wartet. Und diese Band hat so Bock darauf, dass sie durchweg 200% geben. Eine Band, die man auf jeden Fall im Auge behalten sollte.

Video

Tracklist

01 Licht an
02 Brennendes Eis
03 Gekentert
04 Zahn der Zeit
05 Amok
06 Generation Sex
07 9mm
08 Krieger des Lichts
09 Trümmer und Staub
10 Schattenmann
11 Böser Mann (Bonus)
12 Rot (Bonus)
13 Gekentert (unplugged; Bonus)

Details

Schattenmann – Homepage
Schattenmann – Facebook
Schattenmann – Twitter

Label: Drakkar
Vö-Termin: 02.03.2018
Spielzeit: 50:02

Copyright Cover: Drakkar



Über den Autor

Steph