Review

Vom Fan zur ernst zu nehmenden Künstlerin – so könnte man den jüngsten musikalischen Werdegang der Sängerin Scarlet Dorn beschreiben, bedenkt man, dass sie „entdeckt“ wurde, als Lord Of The Lost (zuletzt überzeugend mit ihrem Album „Thornstar“) im Jahr 2014 einen Aufruf via Facebook starteten, in dessen Rahmen der möglichst schönste Liebesbrief an die Band gesucht wurde. Die in Sibirien aufgewachsene Sängerin und Komponistin setzte sich ans Klavier und gestand den Hamburgern mit ihrem Song: „I Love The Way You Inspire Me“. Beeindruckt von dem Talent der jungen Frau nahmen sich Chris Harms und sein Studiokollege Benjamin Lawrenz ihrer an. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist Scarlet Dorns Debütalbum „Lack Of Light“.

Gemeinsam mit ihren Bandkollegen, darunter Lord Of The Lost-Pianist Gared Dirge, Gitarrist Bengt Jaeschke und Schlagzeuger Henrik Petschull, präsentiert Scarlet Dorn darauf zwölf Songs, die atmosphärisch-düsteren Pop, Dark Rock und Electro-Einflüsse miteinander verbinden, sodass letztlich ein überzeugendes düster-romantisches Erstlingswerk entsteht, das an eingängigen Refrains nicht spart.

Bereits der Opener – und neben dem poppigen Ohrwurm „Hold On To Me“ die zweite Albumauskopplung – „Heavy Beauty“ zeigt die stilistische Bandbreite von Scarlet Dorn in nur einem Track auf. Ein leichtes Hippie-Flair, das entfernt an My Indigo erinnert, trifft auf Dichte und Atmosphäre. Gleichzeitig wird Lord Of The Lost-Fans der „harmsche Einschlag“ in diesem Titel nicht entgehen.
Assoziationen zum Songwriting und den Songarrangements dieser Szenegröße treten auch an anderer Stelle immer wieder auf (u.a. in „Cinderella“ oder im „La Bomba“-artigen „Hell Hath No Fury Like A Woman“), bis Chris Harms in dem Duett „I Love The Way You Say My Name“ schließlich selbst zum Mikro greift.

Gehen die meisten Titel unweigerlich ins Ohr, servieren Scarlet Dorn mit einem Song wie „Snow Black“ auch Ecken und Kanten. Durch schräge Sounds und ungewöhnliche, teils verstörende sowie unbequeme Arrangements erweckt man in diesem Song eine skurrile Variante der Schneewittchen-Story zum Leben, die unter Umständen mehrere Durchläufe benötigt, um zu gefallen.

Im Albumverlauf stößt man somit mal auf Songs mit vielen technischen Extras wie Verzerrungen, Hall, orchestrale Beigaben und elektronische Effekte, an anderer Stelle fokussiert sich die Band auf eine reduzierte Instrumentierung und die wohlklingende Stimme, die nicht zuletzt von ihrer klassischen Gesangsausbildung profitiert.

Insgesamt verliert die zweite Albumhälfte jedoch – u.a. durch die hier vermehrt platzierten eher langsamen Stücke – leider den Schwung des starken Beginns. Den diesbezüglichen Höhepunkt bildet schließlich der Rauswurf in Form der Klavier-Ballade „In Another Life“, die zwar gefühlvoll, aber alles in allem zu highlightlos das Album beendet.

Scarlet Dorn (Copyright: Matteo Fabbiani)

Zusätzlich bleibt der Eindruck bestehen, dass „Lack Of Light“ mehrheitlich wie ein Lord Of The Lost-Album mit weiblicher Gesangsstimme klingt; zu deutlich ist die Handschrift von Chris Harms in den Kompositionen und Arrangements herauszuhören. Dadurch geht die Eigenständigkeit von Scarlet Dorn etwas verloren und schnell könnte die Band als eine Art Sideproject des Lord Of The Lost-Masterminds abgestempelt werden.
Was schade wäre, denn Fronterin und Namensgeberin Scarlet Dorn besitzt – wie bereits angedeutet – eine klasse Stimme, die berührt, Emotionen an die Hörer bringt und in allen Tonlagen gefällt.

Von Letzteren und somit vom gesanglichen Facettenreichtum der Künstlerin kann man sich auf „Lack Of Light“ ausreichend überzeugen, denn von tiefen Tönen („Hell Hath No Fury Like A Woman“) über verzerrten Gesang („I’m Armageddon“, „Rain“) bis hin zu künstlerischen, chansonartigen Darbietungen („Snow Black“) und gefühlvoll gesungenen balladesken Titeln (ebenfalls „Rain“, aber auch „Frozen Fire“, „I Don’t Know, I Don’t Care“ und „Kill Bitterness With Love“) ist auf dem großartigen Debüt alles vertreten.

Video

Tracklist

01 Heavy Beauty
02 Hell Hath No Fury Like A Woman
03 I’m Armageddon
04 Hold On To Me
05 Rain
06 Kill Bitterness With Love
07 Snow Black
08 I Don’t Know, I Don’t Care
09 Cinderella
10 I Love The Way You Say My Name
11 Frozen Fire
12 In Another Life

Details

Scarlet Dorn – Homepage
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Scarlet Dorn – Twitter

Label: Oblivion / SPV
Vö-Termin: 31.08.2018
Spielzeit: 50:20

Copyright Cover: Oblivion / SPV



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde