Review

Drei Jahre sind vergangen seit Saltatio Mortis mit „Zirkus Zeitgeist“ das letzte neue Material auf ihre Hörer losgelassen haben. Nach einer üblichen Albumversion folgte sowohl eine Akustikvariante als auch ein passend dazugehöriges Livealbum. Ausreichend Veröffentlichungen, um die Zeit bis zum nächsten Streich, der mit „Brot und Spiele“ nun das Licht der Musikwelt erblickt, zu überbrücken.

„Ein Dorn im Ohr“

Schon das Intro namens „Ein Stück Unsterblichkeit“ verspricht hier ein weiteres Mal, große Gefühle, schöne Melodien und epischen Bombast erleben zu können – und somit einen gebührenden Nachfolger von „Zirkus Zeitgeist“ anzutreffen. Doch der erste Eindruck des opulenten Einstiegs täuscht.

Denn bereits mit dem sich nahtlos anschließenden „Große Träume“ weisen Saltatio Mortis den musikalischen Weg des restlichen Albums. Rotzig frönt man Punk- und Deutschrock-Einflüssen, die die Mittelalterkomponente zeitweise sehr in den Hintergrund drängen.

Zwar besitzen derlei Titel immer noch allerhand Dynamik, Energie und Eingängigkeit, dennoch dürfte (vor allem eingefleischten Fans) diese neue Marschrichtung ein „Dorn im Ohr sein“.
Insbesondere der Titeltrack „Brot und Spiele“ weckt Assoziationen zu „Klangwelten“ von 9mm (Assi Rock) und Co., wenngleich sich die inhaltlichen Intentionen vermutlich unterscheiden werden. Denn kreiden Saltatio Mortis hier u.a. die Reizüberflutung durch nackte Tatsachen an, dürften die Assi Rocker einem Mehr an entblößten Brüsten – schon rein imagetechnisch – nicht abgeneigt gegenüberstehen.

Kein Dorn im Ohr

Einige Male erlebt man inmitten der 13 Tracks aber auch kleine Lichtblicke. So besitzt beispielsweise ein Song wie „Träume aus Eis“ die Kraft, mitzureißen und gleichzeitig zu berühren. Darüber hinaus bietet er eine Pause vom zuvor gehäuft gehörten Hau-drauf-Rock. Zudem weisen die Titel „Ich werde Wind“ und „Brunhild“ alle Zutaten auf, die aus ihnen Hits zaubern und für Live-Dauerbrenner sorgen werden.

Kein BÄM!, stattdessen bam, bam, bambambam, bam!

Während sich musikalisch nichtsdestotrotz in der Mehrheit der Titel rotzig-rebellisch gegeben wird, spiegeln dies auch die Texte wider. Dass Saltatio Mortis den Finger in die Wunden gesellschaftlicher, sozialer oder politischer Probleme legen, ist nicht neu. Missstände anzuprangern und ihre Meinung lautstark zu äußern, machten sich die Karlsruher schon seit geraumer Zeit zur Aufgabe. Recht haben sie damit, und auch an der Art und Weise fand der Hörer bislang Gefallen. Auf „Brot und Spiele“ wird dem Unmut jedoch nicht nur lautstark, sondern vor allem sehr direkt Luft gemacht. Dies jedoch leider zu häufig wenig niveauvoll. Poesie, Metaphorik oder Tiefgründigkeit sucht man weitgehend vergebens. Stattdessen dominieren Umgangssprache und verbale Schlichtheit.

Ein Beispiel für Letzteres ist der Song „Mittelalter“. Für dieses unterhaltsame und mit einem Augenzwinkern versehene „Genre-Resümee“ fand man tatkräftige Unterstützung durch Malte Hoyer (Versengold) sowie Mr. Hurley (Mr. Hurley & die Pulveraffen), zu denen die lustige Nummer auch hervorragend passt. Doch während man auf ein „Bäm!“ lange wartet, reicht es hier nur für ein „bam“. Dies jedoch dafür im Refrain in sechsfacher Ausführung („bam – bam – bambambam – bam“).

Schuld an der Einsilbigkeit war nur der Alkohol? Unter anderem! Aber weil man in diesem Genre darüber scheinbar nicht genug singen kann, folgt auf „Brot und Spiele“ noch der genretypische, aber wenig überraschende und kreative Song „Nie wieder Alkohol“.

Nach ausreichend Alkohol – oder für alle Abstinenzler: nach mehreren Durchläufen – freundet man sich zwar mehr und mehr mit den einzelnen Titeln an. Was jedoch schmerzlich vermisst wird, sind gefühlvolle Momente, die im „lauten“ Albumkontext untergehen. Ein Versuch wird mit „Spur des Lebens“ unternommen. Angelegt als Duett mit Marta Jandová (Die Happy) sollte damit Gänsehaut vorprogrammiert sein, doch so ganz will diese nicht zustande kommen.

Mehrwert durch Bonus-CD

Saltatio Mortis (Copyright: Robert Eikelpoth)

Insgesamt wirkt „Brot und Spiele“ bis dato nicht völlig in sich stimmig. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, als reihen sich wahllos Songs aneinander, denen der rote Faden fehlt, die indes aber alles abzudecken versuchen, was erwartet werden könnte. Einen echten Mehrwert liefert sodann aber die Bonus-CD der „Deluxe Edition“ von „Brot und Spiele“. Unter dem Namen „Panem Et Circenses – Ad Fontes“ werden weitere 13 Songs kredenzt, die das bisher Gehörte auf ganzer Linie zu toppen wissen.

Warum nicht gleich so?, mag man sich fragen. Entsprechend sei dringend empfohlen, sich das Album „Brot und Spiele“ als 2CD-Version zuzulegen, um in den Genuss dieses Bonusalbums zu kommen.

Video

Tracklist

CD 01 – Brot und Spiele
01 Ein Stück Unsterblichkeit
02 Große Träume
03 Dorn im Ohr
04 Ich werde Wind
05 Europa
06 Spur des Lebens
07 Brot und Spiele
08 Nie wieder Alkohol
09 Träume aus Eis
10 Mittelalter
11 Brunhild
12 Besorgter Bürger
13 Sie tanzt allein

CD 02 – Panem Et Circenses – Ad Fontes
01 Präludium – Ad Fontes
02 Heimdall
03 Drachentanz
04 Schon wieder Herbst
05 Epitaph To A Friend
06 Ad Digitum Prurigo
07 Herr Holkin
08 Raghs-E-Pari
09 Tränen des Teufels
10 Amo Lem Ad Nauseam
11 Marselha
12 Volta
13 Mitt Hjerte Alltid Vanker

Details

Saltatio Mortis – Homepage
Saltatio Mortis – Facebook
Saltatio Mortis – Twitter

Label: Universal Music
Vö-Termin: 17.08.2018
Spielzeit: 43:26 + 43:51

Copyright Cover: Universal Music



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde