Review

Nach unserem Review zu Beyond The Styx bleiben wir im französischen Lande und begeben uns weg von der blechernen Krachmusik, allerdings ohne eine gewisse Extreme aus den Augen zu verlieren. Tatort von experimentellem Free Jazz ist ein Albumtitel namens „Voix“ der Band Polymorphie. Sieben Mitglieder, von denen vier das Blasinstrumenten-Ensemble vertreten und die übrigen Gesang, Drums und Gitarren. Und obwohl wieder mal eine Menge Noise im Spiel ist, legt die Band auch Wert auf Melodie und gängige Strukturen.

Während es bei anderen Bands dazu kommt, den Hörer mit einem durchgängig schrillen Ton zu beschallen, bilden auch Polymorphie diesbezüglich keine Ausnahme: allerdings auf „Voix“ in geringerem und verträglichem Ausmaß. Dafür zeigen sich die Blechinstrumente umso abwechslungsreicher. Natürlich bleiben die stellenweise abgedrehten Klänge nicht aus, aber überwiegend fabrizieren sie einen jazzigen und swingenden Sound.

Da Polymorphie nicht nur auf einen durchweg instrumentalen Sound Wert legen, gesellt sich ein weiblicher Gesang zu den Titeln. Mit der Stimme werden Melodien nachgesungen, um das Klangbild nochmals zu unterstreichen. Interessanter wird es aber, sobald die Sängerin in die Erzählweise überwechselt. Auf „Cell“ wird die nahezu komplette Theorie der Entstehung des Lebens runtergerasselt. Gegen Ende von „The Mercy Seat Part 4“ artet es sogar schon fast in Poetry Slam aus. Besonders die Betonung der Wörter, zusammen mit dem französischen Akzent, verleiht den Songs etwas Einzigartiges.

Aus welchem ich aber nicht so ganz schlau geworden bin, ist „Happy Birthday Part 1“, dessen Lyrics so verquer wirken, wie das gesamte musikalische Muster an sich:

„It´s a very happy day […] and it´s ice cream – And jelly – And a punch in the belly“

„And see how his face glows – it´s a bike – it´s a samurai sword“

Dennoch bildet dieser Titel eines der Highlights auf „Voix“. Zwischen den marschierenden Rhythmen tauchen immer wieder mal äußerst ansprechende Melodien und Arrangements auf. Zum Schluss drehen besonders die Drums noch einmal ordentlich auf.

Polymorphie (Copyright: Polymorphie)

Polymorphie (Copyright: Polymorphie)

Nach der zweiteiligen „Ballade“ „Where The Wild Roses Grow“ rund um eine eigensinnige Romanze und dem ebenfalls in zwei Teile gespaltenem psychedelischen „The Mercy Seat“ laufen Polymorphie zur Free Jazz Hochform auf. „Pachinko“ beinhaltet abgehackte Rhythmen mit gurgelnden Gitarrensaiten. Darüber dominante Trompeten und Saxofone, die selbst über die ruhigeren Parts hinweg keine Ruhe geben.

Auch wenn „Voix“ gesamt gesehen ein wenig durcheinander wirkt, ohne dass die Songs einen direkten Bezug zueinander finden, kann man es durchaus für eine gute Platte halten. Die Truppe schreckt zwar auch vor dem improvisiertesten Jazz nicht zurück, lockert die Gesamtstimmung aber immer wieder mit Passagen auf, die selbst für ungeübte Hörer immer noch angenehm klingen. Außerdem bekommt man im Mittelteil des Albums noch einen nüchternen, aber dennoch atmosphärischen Sound. Polymorphie haben mit „Voix“ ihr Gefühl für das angebrachte Maß an Experiment und Zugänglichkeit bewiesen.

Video

Trackliste

01 Le Berger
02 Cell
03 Happy Birthday Part 1
04 Where The Wild Roses Grow Part 2
05 Where The Wild Roses Grow Part 3
06 The Mercy Seat Part 4
07 The Mercy Seat Part 5
08 Pachinko

Details

Polymorphie – Homepage
Polymorphie – Facebook

Label: Atypeek Music
Vö-Termin: 00.05.2015
Spielzeit: 41:38

Copyright Cover: Atypeek Music



Über den Autor

Christopher