Review

Oberer Totpunkt konfrontieren die Hörer auf ihrem aktuellen Album mit einer Gesellschaft, in der „Neurosen blühen“. So lautet daher auch der Name des neuen Werkes, das mit umfangreichen 15 Tracks daherkommt.

Wortakrobatisch agieren Oberer Totpunkt, allen voran Bettina Bormann, die hier auf ein Neues für Texte und Gesang respektive Spoken Words zuständig ist, auf inhaltlicher Ebene fern jeder Phrasendrescherei und weitab etwaiger ausgetretener, von Plattitüden gepflasterter Pfade. Die oftmals sehr reduzierten Lyrics zeugen trotz ihrer Knappheit und repetitiven Strukturen vielmehr von einer Tiefgründigkeit, die beweist, dass mit nur wenigen, dafür aber treffenden Worten ein hohes Maß an Aussagen getroffen werden kann. Interpretatorisch lassen Oberer Totpunkt dabei für die Hörer noch genügend Spielraum, und auch den eventuell zu erwartenden erhobenen Zeigefinger sucht man vergebens, wenngleich auf „Neurosen blühen“ in aller Deutlichkeit Stellung bezogen wird.

Eine gewisse Fokussierung spiegelt sich auch in den Songlängen der einzelnen Titel wider. Einzig das Meisterwerk „Zurück ohne Zukunft Teil 1“ sticht diesbezüglich mit über 13 Minuten heraus. Das aber zu Recht, denn mit diesem Track liefern Oberer Totpunkt einen kritischen Rundumschlag ab, der u.a. soziale, politische und gesellschaftliche Missstände thematisiert.

Das musikalische Grundgerüst von „Neurosen blühen“ gibt sich insgesamt sehr vielseitig und abwechslungsreich. So wird die NDH ebenso gestreift wie der EBM-Bereich, Avantgarde genauso wie die Neue Deutsche Todeskunst, (Dark) Electro trifft zudem auf Metal-Elemente und hin und wieder blitzt sogar eine klangliche Nuance auf, die sich im Pop-Bereich oder sogar in einer Chill-out-Zone gut machen würde.

Damit lädt „Neurosen blühen“ nicht nur zum Tanzen, Entspannen und Nachdenken ein und bietet somit viele Möglichkeiten, sich die Songs bzw. das gesamte Album auf unterschiedliche Art und nach eigenen Vorlieben zu erschließen, sondern gleichsam schaffen Oberer Totpunkt hier den Spagat zwischen (tanzbarer) Unterhaltung und Tiefgang.

Oberer Totpunkt (Copyright: Oberer Totpunkt)

Wer aber auf Gesangseinlagen hofft, der hat zum einen bisher wohl von Oberer Totpunkt noch nicht viel gehört, zum anderen würde er enttäuscht werden, denn es regieren die Spoken Words. Bormann rezitiert dafür aber gewohnt intensiv und aussagekräftig, sodass es eine Freude ist, ihrer Stimme, die in den musikalischen Kontext hervorragend eingebettet ist, zuzuhören. Wird es dann – wie in „Zurück ohne Zukunft Teil 2“ doch mal „gesanglicher“, überzeugt das Quartett auch weitaus weniger.

Letztendlich kann man Oberer Totpunkt natürlich auch auf „Neurosen blühen“ einen gewissen Hang zum Experimentellen nicht absprechen, jener wird allerdings 2017 sehr zugänglich präsentiert. Eine allzu breite Hörerschaft wird man damit leider dennoch nicht erreichen, was insofern schade ist, da das stimmige Konstrukt, bestehend aus Text, Musik und Vortragskunst, mehr als hörenswert ist und die gehaltvollen Inhalte eigentlich dringend von jedermann wahrgenommen werden sollten.

Video

Tracklist

01 Neurosen blühen
02 Warum ich dich getötet habe
03 Alltag macht tot
04 Untergehen
05 Schizophrenie
06 Rattenfänger
07 Wohin geht die Liebe?
08 Exquisites Requisit
09 Fünfzehn Bar
10 Allein mit mir
11 Nacht in Nassau
12 Macht
13 Ist dein Leben vorbei
14 Zurück ohne Zukunft Teil 1
15 Zurück ohne Zukunft Teil 2

Details

Oberer Totpunkt – Homepage
Oberer Totpunkt – Facebook

Label: Danse Macabre
Vö-Termin: 28.04.2017
Spielzeit: 64:58

Copright Cover: Danse Macabre



Über den Autor

Conny
Conny

„Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.“ – Oscar Wilde