Review

Man mag von Globalisierung halten, was man möchte – aber sie hat auch ihre guten Seiten. Gerade wenn sich dank ihr drei Musiker aus England, Italien und den USA in Deutschland zusammenfinden und eine der erfolgreichsten jungen Folk-Pop-Bands werden. Die Rede ist von den Mighty Oaks, welche mit „Dreamers“ nun ihr zweites Studioalbum präsentieren.

Die Frage, die alle beschäftigt, ist wohl jene: Gelingt es ihnen aus dem großen Schatten, den die britische Vorbildkombo Mumford & Sons geworfen und in den sie stets und immer wieder eingetaucht wurden, herauszutreten? Die Antwort kann schon jetzt gegeben werden: jein.

Denn Fakt ist, dass sich das in Berlin angesiedelte Trio definitiv weiterentwickelt hat. Ähnlich wie Mumford & Sons auf „Wilder Man“ erklingt auch auf „Dreamers“ dieser ganz typische Folk-Sound. Doch damit schliddern die drei Jungs nicht etwa in einen Einheitspopbrei ab, sondern sie nehmen ihre Wurzeln mit und lassen sie in das neue Arrangement stetig mit einfließen.

„Neu“ ist dabei übrigens nicht zu wörtlich zu nehmen, denn wahrlich: Die Musik neu erfunden wurde auf „Dreamers“ nicht. Es sind die gewohnte Akustik-Gitarre, ein Schlagzeug und die Stimme von Ian Hooper, die das solide Grundgerüst bilden. Darin verwoben wurden auf dem zweiten Silberling nun noch Violine, Cello und – recht präsent – das Piano. Daraus ergibt sich ein klassischer Singer-Songwriter-Sound, manchmal etwas hymnischer, manchmal sehr geerdet, der viele abholen und auf eine kleine, zwar unaufgeregte, aber feine Reise mitnehmen kann.

Diese startet eindrucksvoll mit „All I Need“, bei dem dieses Rezept eingängig und anschmiegsam dem Hörer erstmalig präsentiert wird. Auf einem getragenen Rhythmus wogen Klavier und Gitarre gemeinsam mit dem rauchigen Gesang dahin, kreieren eine sehnsuchtsvolle, verträumte Stimmung, die direkt vom Ohr ins Herz wandert. Ein gelungener Einstieg.

Diesen Unterton verfolgen noch einige weitere Songs wie zum Beispiel „Burn“ – ein reduzierter, ruhiger Track, voller Wehmut, ohne aber den Zuhörer in ein emotionales Loch zu stoßen – oder „Don’t Lie To Me“, eine mit leisen Klavier- und Gitarrenbegleitung sowie einem sanften Bass untermauerte Ballade, die besonders mit ihrem mehrstimmigen Harmoniegesang auftrumpfen kann. Ein zarter, fast schon zerbrechlicher Song, der das wohl älteste Thema der Musikgeschichte (Herzschmerz) gefühlvoll und dabei auch irgendwie positiv inszeniert. Wer jetzt mit den Augen rollt wegen einer vermuteten Portion Kitsch, dem sei gesagt: Ein wenig schmachten ist Balsam für die Seele!

Auch „Dust“ schlägt in diese Kerbe. Die bluesige Akustikgitarre bringt unmittelbar eine nachdenkliche Grundstimmung in den Song, die bestens zum Thema passt: Wir alle müssen einmal sterben. In dieser nicht gerade bahnbrechenden Aussage liegt etwas Melancholie – aber vor allem auch eine gute Spur von „Ist doch egal!“ – denn ob es an der hellen hintergründigen Mandoline oder an der fast schon episch heulenden Leadgitarre liegt – aber der Track zieht einen nicht runter, sondern vermittelt ein Carpe Diem Flair, das ansteckt.

Mighty Oaks (© Lukas Maeder / UniversalMusic)

Mighty Oaks (© Lukas Maeder / UniversalMusic)

Das gleiche Phänomen lässt sich bei „Raise A Glass“ entdecken, welches von Abschied handelt, ohne in Trauer abzugleiten. Im Gegenteil: Der fast schon beschwingte Rhythmus sowie die einfach schöne Melodie stimmt einen schlicht und ergreifend fröhlich. Und auch diese Seite gibt es auf dem Album! Sei es nun die erste Single-Auskopplung „Be With You Always“, der Titelsong „Dreamers“ oder aber das ausbrechende „Higher Place“, sie alle zaubern diese ganz eigene Feel-Good-Atmosphäre. Das aber wohl beste Beispiel dafür ist der Track „Never Look Back“, welcher ein perfekter Soundtrack für dieses Gefühl aus Runaway, Freiheit und Weite vermittelt.

Insgesamt ist „Dreamers“ also ein solides Album, etwas weiter weg vom Folk, etwas näher dran am Singer-Songwriter-Pop, aber insgesamt einfach eine gelungene, runde Sache. Die Songs sind musikalisch hochwertig produziert, sie bezaubern mit verträumten Melodien und bilden insgesamt die ideale Untermalung für einen Roadtrip. In diesem Sinne: Kopf aus, Musik an, hallo Welt!

Anspieltipps
All I Need | Don’t Lie To Me | Never Look Back

Video

Trackliste

01 All I Need
02 Be With You Always
03 Burn
04 Call Me A Friend
05 Don’t Lie To Me
06 Dreamers
07 Dust
08 Higher Places
09 Look Inside
10 Never Look Back
11 Raise A Glass
12 The Great Unknown

Details

Mighty Oaks – Homepage
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Mighty Oaks – Twitter

Label: Vertigo Berlin (Universal Music)
VÖ-Termin: 24.03.2017
Spielzeit: 45:15

Copyright Cover: Vertigo Berlin (Universal Music)



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.