Review

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welch qualitativ hochwertigen Debütalben einige Bands in die Öffentlichkeit treten, sodass man sich aufgrund dessen nur noch fragen kann, inwiefern die Bezeichnung „Newcomer“ überhaupt noch gerechtfertigt ist. Dies trifft auch auf die Berliner Band Luzid zu, die mit „The Misleading Mirror“ nach der 2010er EP „Urban Echoes – Part One“ ihr erstes Studioalbum veröffentlicht.

Luzid kommen allerdings nicht nur aus Berlin, sie leben Berlin förmlich – mit all den Vor- und Nachteilen dieser Metropole.
Dass davon auch ihre Musik nicht unberührt bleibt, zeigt sich schon in der selbst kreierten Genrebezeichnung „Urban Rock“. Präzisierend kann man diesen Stil als Mixtur aus Progressive sowie Post Rock und Shoegaze Elementen beschreiben, die zu einem harmonischen Ganzen verbunden werden.
Dabei spielen vor allem einschneidende Gitarren eine große Rolle, während im Vordergrund stets der Gesang von Jenny Pieper steht, der nicht selten an die Fragilität und Melodiösität einer Anneke van Giersbergen zu The Gathering Zeiten erinnert, neben der stimmlichen Emotionalität aber außerdem ein Volumen besitzt, mit dem auch die rockigen Passagen überragend und mit viel Eigenständigkeit gemeistert werden.

Sowohl musikalisch als auch textlich nimmt man nicht nur Bezug auf die Bundeshauptstadt, sondern gibt auch die mit ihr gemachten Erfahrungen und aus ihr hervorgegangenen Inspirationen wieder. Als Bandhymne kann daher schon fast die erste Single „Berlin Heart“ betitelt werden, zu der bereits ein Musikvideo veröffentlicht wurde. Jene weckt oder schürt die multiple Sehnsucht nach Berlin und wird dank der Eingängigkeit des Songs nicht so schnell aus den Gehörgängen entschwinden.
Darüber hinaus lässt man den Hörern innerhalb der Tracks stets Raum, die mal metaphorischen, mal direkten Texte auf ein allgemeines urbanes Lebensgefühl zu adaptieren.

Insgesamt liefern Luzid auf ihrem Album „The Misleading Mirror“ sehr frei interpretierbare Songtexte mit dennoch klaren Aussagen und Intentionen. Eine hervorragende Kombination, die nicht nur das songwriterische Talent der Band bezeugt, sondern die Hörer zudem in ihren eigenen Gedanken nicht einschränkt.

Jeder einzelne der zehn Songs von „The Misleading Mirror“ lädt jedoch nicht nur zum Nachdenken, Verweilen und auch Rocken ein, sondern ebenfalls zum Träumen. Dies deutet schon der Bandname Luzid an, eine sinnbildliche Bezugnahme auf den Begriff des Klartraums (auch luzider Traum genannt), in dem sich der Träumer dessen bewusst ist, dass er träumt. Luzid selbst sollten nicht länger träumen, denn „The Misleading Mirror“ ist durchaus real – ebenso wie die vermutlich hohe positiv ausfallende Resonanz auf das Album.

All das Können der Band nützt jedoch nichts, wenn der Sound nicht stimmt. Diesbezüglich hat man mit Hardy Fieting einen Produzenten an der Seite, der sein Handwerk unüberhörbar versteht. Sehr differenziert und klar dringen die Titel aus den Boxen und untermalen so insbesondere den gefühlvollen Gesang. Auch der Instrumentalisierung fehlt es durch das moderne und druckvolle Soundgewand nicht an Intensität und Ausgewogenheit. Mit einer gewaltigen Sogkraft werden die Hörer daher von der Musik des Quintetts eingenommen und auch während der Gitarrensoli (z.B. im melancholischen „What If“) bleibt die Spannung und Emotionalität der Tracks erhalten.

Luzid (Copyright: Christian Wietrzynski)

Luzid (Copyright: Christian Wietrzynski)

Nach neun eigenen Songs überraschen Luzid abschließend noch mit einer Coverversion des Beatles Klassikers „Here Comes The Sun“, der in entschleunigter Art, mit anfänglichen Akustik-Arrangement, weiblichen Vocals und sich entwickelnder Instrumentierung hin zu einer mehr rockigen Ausrichtung eindeutig die Handschrift von Luzid trägt. Dass der Song sich nur bedingt am Original orientiert, ist für einige Bands ein Fallstrick, im Falle der Berliner Formation unterstreicht diese Vorgehensweise nur einmal mehr ihr Ausnahmetalent.

Mit Luzid hat sich Hardy Fieting (u.a. auch Sänger der Band Scream Silence) – vielleicht nicht unbedingt stilistisch, aber zumindest klanglich – eine starke Konkurrenz ins eigene Haus, Plainsong Records, geholt, die man dringend im Auge behalten sollte. Es scheint sich mit den „urban Rockern“ noch Großes anzubahnen.

Video

Tracklist

01 The Collector
02 A Demon For Company
03 Shining
04 Berlin Heart
05 What If
06 Ardour Of The Chase
07 The Misleading Mirror
08 End Of Speech
09 Volunteer
10 Here Comes The Sun

Details

Luzid – Homepage
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Label: Plainsong Records / Al!ve
Vö-Termin: 16.10.2015
Spielzeit: 54:20

Copyright Cover: Plainsong Records



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde