Review

Nach „Karma“ servieren Kärbholz nun eine „Überdosis Leben“ und präsentieren damit zugleich ihr inzwischen siebtes Studioalbum.

Ein weiteres Mal gibt es in Form von 14 Tracks knackigen Deutschrock, der gut ins Ohr geht und den einen oder anderen potenziellen Hit nicht missen lässt. Es könnte daher durchaus möglich sein, an den Erfolg von „Karma“ anzuknüpfen, mit dem es Kärbholz 2015 erstmals in die Top 10 geschafft haben.

Rein soundtechnisch sorgt das Produktionsteam Eike Freese und Alex Dietz (Heaven Shall Burn) für die nötige Grundlage, diesen Schritt zu schaffen. Doch auch Kärbholz selbst beschränken sich nicht nur auf die Rezeptur, einfache, umgehend mitsingbare Texte abzuliefern, sondern tragen mit einigen Überraschungsmomenten zum gelungenen Setzen der „Überdosis Leben“ bei.

Hauptsächlich Gas gebend, lässt sich in diesem Genre auf Albumlänge ein gewisser Gleichklang logischerweise nicht ganz vermeiden, immer mal wieder sorgt aber die stimmliche Performance hier für Abwechslung. Normalerweise sehr rau und rotzig unterwegs, meldet sich Sänger Torben Höffgen am Mikro zuweilen auch mal sanfter zu Wort. So wirkt sein Gesang in „Ich kann es nicht ändern“ zunächst weniger kratzig und roh.
Für „Perfekt unperfekt“ holen sich Kärbholz dann sogar noch mit Franzi Kusche weibliche Unterstützung ins Boot und sorgen dadurch ein weiteres Mal für Variationen auf gesanglicher Ebene.

Auch musikalisch belassen es Kärbholz nicht bei monotonem und uninspiriertem deutschsprachigem Hau-drauf-Rock. Schielt man beispielsweise mit der akustikgeprägten Nummer „Kind aus Hinterwald“, das von der von Alexander Suck (Vogelfrey) gespielten Geige profitiert, in Richtung Folk und Singer-Songwriter-Musik, trifft der Hörer im Duett „Perfekt unperfekt“ sogar auf Reggae-Tunes. Ohne den roten Faden des Deutschrock zu verlieren, geben sich Kärbholz damit im Rahmen ihrer selbst gesteckten Grenzen flexibel und experimentieren stimmig mit unterschiedlichen Stilelementen, die den Kärbholz-O-Ton bereichern.

Dadurch verliert der ursprüngliche Sound zwar teilweise an Härte, wie „Perfekt unperfekt“ zeigt, das beinahe poppig erscheint und durchaus auch im Vorprogramm von Bands wie Silbermond und Co. denkbar wäre, gleichzeitig unterstreicht dieses Vorgehen, dass Deutschrock nicht immer auch eintönig klingen muss.

Kärbholz (Copyright: Kärbholz)

Wo hingegen noch ein wenig mehr Innovation geboten werden kann: die Texte von Kärbholz. Nicht selten stößt man diesbezüglich auf bereits Bekanntes, Bewährtes oder simple Phrasen und Floskeln, die sich zwar prompt mitsingen lassen, nicht aber unbedingt für Tiefgründigkeit und Ideenreichtum sprechen. Immerhin, man hat in diesem Genre schon weitaus Schlimmeres und Stumpfsinnigeres gehört. Angenehm zu hören sind die insgesamt 14 Songs dennoch, die locker und ungezwungen von Kärbholz in gewohnter Manier heruntergespielt werden. Und so kann man sogar über eine etwas andere Romantik wie in „Perfekt unperfekt“ (Sie: „Ich sehe nicht perfekt aus“  | Er: „Ach scheiß drauf“, eine Antwort bzw. Entgegnung, die Frau so wohl nicht als erste Wahl hören möchte) schmunzeln.

Video

Tracklist

01 Ich hoffe Du kannst mich sehen
02 Überdosis Leben
03 Feuerräder
04 Ich kann es nicht ändern
05 Nur wir beide
06 Kind aus Hinterwald
07 Evolution umsonst
08 Der Spiegel
09 Perfekt unperfekt
10 Da ist noch Leben drin
11 Nur einen Satz
12 Schwerelosigkeit
13 Weck mich nicht auf
14 In Flammen stehen

Details

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Label: Metalville / Rough Trade
Vö-Termin: 27.01.2017
Spielzeit: 51:34

Copyright Cover: Metalville



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde