Review

Wenn ein Ein-Mann-Projekt klingt wie eine gesamte Band und eine in sich geschlossene Einheit, dann hat man mit hoher Wahrscheinlichkeit ein neues Album von Old Man’s Child vorliegen oder aber – wie in diesem Fall – die ersten musikalischen Ergüsse von Heyden aus Berlin. Jener ist zwar nicht dem Melodic Black Metal zuzuordnen, veröffentlicht mit seiner EP „All Different“ aber ein Erstlingswerk, das vor allem den Aspekt „Melodic“ ebenfalls großschreibt.

„All Different“ scheint auch Programm auf der EP zu sein, denn keiner der darauf zu findenden fünf Tracks gleicht dem anderen. Heyden zeigt auf seinem Debüt somit eine gelungene Bandbreite seines musikalischen Schaffens im Metal-Bereich, das im Berliner Plainsong Tonstudio unter der Leitung von Johanna Kellerbauer (auch an den Keys und gesanglich im Background zu hören) und mit fachmännischer Unterstützung durch Musiker Rob DeVille (u.a. Enemy I, Dreadpan, The Whispering Sea) am Bass und für einige Songs auch an der Gitarre veröffentlichungsbereit gemacht wurde, um nach dem Mix und Mastering durch Hardy Fieting (Scream Silence) nun auf alle Hörwilligen losgelassen zu werden.

Eingerahmt von zwei Symphonic Metal Songs mit grandiosem weiblichem Gesang durch Gastsängerin Mirja, entfalten sich im Mittelteil des Silberlings melodische (nennen wir es mal) Modern Metal-Tracks – und bereits nach dem ersten Hördurchgang steht fest: Stimmlich schwächelt Heyden zwar hin und wieder noch ein wenig, doch songwriterisch leistet er herausragende Arbeit, die die Titel vor allem durch ihre starken Melodien unweigerlich und nachhaltig in die Gehörgänge der Konsumenten katapultiert. Ausnahmslos jeder Song besitzt somit das gewisse Etwas und stellt sich als Ohrwurmgarant heraus.

Als Einstieg wählt Heyden mit „Broken Soul“ zunächst einen sehr gefühlvollen Titel, der insbesondere durch den klassischen Sopran getragen wird. Sängerin Mirja beeindruckt dabei nicht nur auf technischer Ebene, sondern auch durch eine Wärme in ihrer Stimme, die sich unmittelbar auf die Stimmung des Songs auswirkt. Ihr wird zu Beginn des Tracks viel Raum geboten, sodass sich langsam eine düstere Atmosphäre aufbaut, die durch dezente sinfonische Arrangements an Opulenz gewinnt. Die Kombination aus Akustik- und E-Gitarre unterstreicht zusätzlich den balladesken Charakter des Songs, dem es dadurch gleichsam nicht an Dynamik fehlt.

Bevor es mit dem Rauswurf „Tales of the Dawn“ erneut in sinfonische Gefilde geht, ein Song, der Ähnlichkeiten zu Nightwish-Titeln zu „Angels Fall First“-Zeiten aufzeigt und das Beauty-&-Beast-Konzept um kurze Growl-Einlagen erweitert, folgt ein abwechslungsreiches Dreiergespann, bestehend aus den Songs „All Those Lies“, „Here I Am“ und „Restless“.

Chöre als Bombast-Geber leiten das von einer schnellen Gitarrenarbeit lebende „All Those Lies“ ein, das partiell erneut auf ein Wechselspiel aus Akustik- und E-Gitarre setzt und damit gekonnt zwischen ruhigeren und treibenden Phasen changiert. Die stets perfekte Melodieführung mündet schließlich in einem Gitarrensolo, das unaufdringlich und aussagekräftig zugleich den Titel abrundet.

Heyden (Copyright: Frank Heyden)

Heyden (Copyright: Frank Heyden)

Sparsamer instrumentiert zeigt sich der Refrain von „Here I Am“ – auch und besonders im Vergleich zu seinen kraftvoll inszenierten Strophen. Es drängt sich hier – und auch die Symphonic Metal Songs betreffend – der Eindruck auf, dass die Titel trotz ihrer Power noch ein wenig mehr Epik hätten vertragen können. Für die gewählten Stilistiken wirkt der Sound teilweise zu hell und flach. Dies liegt jedoch nicht unbedingt an der Produktion als solche, sondern oftmals am männlichen Gesang. In den tiefen und ruhigen Passagen weiß Heyden stimmlich auf ganzer Linie zu überzeugen, eine großartige Leistung liefert er beispielsweise in „Broken Soul“ ab, je höher die Töne jedoch ausfallen, desto ungeübter klingt der Gesang. Heyden ist damit wie gemacht für dunkle, balladeske Titel, mit denen er durchaus glaubwürdig Emotionen vermitteln kann, während den modernen Metal-Tracks auf gesanglicher Ebene noch eine sympathische Amateurhaftigkeit anhaftet, die noch Luft nach oben lässt.

Nicht vergessen darf man beim Üben der Kritik, dass „All Different“ zwar mit Unterstützung bereits erwähnter Musiker, darüber hinaus jedoch in Eigenregie und -leistung auf die Beine gestellt wurde – und dafür ist die EP eine beachtliche Veröffentlichung geworden. Heyden zeigt daher mit „All Different“ bereits jetzt, was er zu vollbringen imstande ist. Mit wachsender Erfahrung (und eventuell einer festen Band im Rücken) kann man hier sicherlich noch Größeres erwarten.

Video

Tracklist

01 Broken Soul (feat. Mirja)
02 All those Lies
03 Here I Am
04 Restless
05 Tales of the Dawn (feat. Mirja)

Details

Heyden – Facebook

Label: Eigenproduktion / recordJet
Vö-Termin: 15.09.2016
Spielzeit: 25:16

Copyright Cover: Heyden



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde