Review

Schon mit der Debüt-EP „anywhere but here“ lieferte die Berliner Band Enemy I einen kompakten Rohdiamanten ab. Nun legen sie mit ihrem ersten Longplayer namens „Dysphoria“ nach und beweisen, dass kunstfertig am weiteren Schaffen geschliffen wurde. Herausgekommen ist ein Debütalbum, das mit seinen 13 Titeln (plus einem Hiddentrack auf der CD-Version) nicht nur in quantitativer Hinsicht, sondern auch – und vor allem – qualitativ überzeugt.

Hat „anywhere but here“ bereits den Abwechslungsreichtum der Band angedeutet und mit jedem der fünf Titel einen potenziellen Anspieltipp geliefert, steht auch „Dysphoria“ der EP diesbezüglich in nichts nach.
„Depressive Industrial Metal“ lautet die selbst kreierte Devise von Enemy I, die damit vorrangig Liebhaber düsterer, melancholischer Klänge ansprechen werden, sich zugleich aber nicht nur in eine einzige Genre-Schublade stecken lassen und die daher neben einer metallischen Härte ebenso melodische und elektronische Elemente gekonnt und in sich stimmig heraus- und in ihre Songs einarbeiten.

Entsprechend mitreißend und jene Zutaten kombinierend geht es mit Vollgas in die Platte.
Song „don’t trust“ legt einen harten und energiegeladenen Einstieg hin und verdeutlicht, dass Simplizität durchaus ihre Vorzüge haben kann. Sehr straight und auf repetitive Phasen setzend wird somit ein Industrial-Metal-Ohrwurm geboten, dessen melodische Parts hier (und auch an vielen anderen Stellen auf „Dysphoria“) für eine zusätzliche Song-Auflockerung und -Bereicherung sorgen. Die Steigerung des Härtegrads wird u.a. mittels gutturaler Einsprengsel hervorgerufen, die gleichsam bereits im ersten Track die wohlklingende Bandbreite des Sängers Rob DeVille erahnen lassen, welche durch die folgenden Titel noch weitaus intensiver bezeugt wird. Dies betreffend kristallisiert sich der Mut von Enemy I immer wieder auf ein Neues heraus, Extreme sowie diverse differierende Einflüsse auszuprobieren, kreativ mit unterschiedlichen Stilelementen zu jonglieren und alles zusammen zu einem ganz eigenen Sound zu kombinieren. In diesem Zusammenhang blitzt auch schon frühzeitig die Raffinesse der Band auf, interessante elektronische Elemente clever und in richtigem Maße in ihre Songs zu integrieren.

Nachdem dies mit „twinsight“, zu dem im Vorfeld ein aufwendig produziertes Lyric Video veröffentlicht wurde, erneut unter Beweis gestellt wird, folgt mit „the cage“ erstmals einer der ruhigeren Tracks auf „Dysphoria“.
Während auf textlicher Ebene das Teil-Konzept des Albums eingeleitet wird – kurz zusammengefasst als tragisch-dramatischer Trip durch die Höhen und vor allem Tiefen einer On-Off-Beziehung – spart auch die partiell balladesk wirkende Nummer nicht an emotionalen Momenten. Im Dark Metal Gewand gekleidet gewinnt „the cage“ (insbesondere durch die Songentwicklung hin zum zündenden Refrain) an Dynamik, indem nicht zuletzt die Instrumentierung nach einem akustisch anmutenden Beginn mit dem vollen Programm an E-Gitarren, Bass und Drums komplettiert wird. Zum Top-Titel avanciert „the cage“ schließlich noch durch die hier dargebotene Gesangsleistung; gefühlvoll in den Strophen transportiert Rob DeVille im weiteren Songverlauf weitere intensive Gefühle über verschiedene Gesangsarten (mal im skandinavisch gefärbten Düster-Touch mit tief-dunkler Intonation, mal mit Growls) an die Hörer und wird damit sicherlich die eine oder andere Gänsehaut – nicht nur in diesem Titel – verursachen.

Einen starken Kontrast dazu bildet der wohl härteste Song des Albums: „placebo god“. Temporeich und mit knackiger Spielzeit lässt jener noch nicht erahnen, was in der zweiten Hälfte des Albums auf den Hörer zukommen wird. Dieser darf sich auf einer Gesamtspiellänge von ca. 65 Minuten freuen, dass es zu keinem Zeitpunkt langweilig wird, vorausgesetzt, man bringt gerade für die längeren Stücke („some exist“ erreicht z.B. die 8-Minuten-Marke) die Aufmerksamkeit mit, die diese Tracks benötigen – aber auch verdienen. Belohnt wird man nämlich mit intensiven Klängen, bei denen man auch auf wundervolle Melodien, ausgefeilte Arrangements, spannende Extras und einige Überraschungen nicht verzichten muss.

Enemy I (Copyright: Enemy I)

Im Folgenden ließe sich jeder einzelne Titel explizit anführen, um die Vorzüge der Tracks sowie jene der Band genauer unter die Lupe zu nehmen, was aufgrund der Diversität der Songs zwar notwendig wäre, letztlich jedoch den Rahmen dieses Reviews sprengen würde. Daher sei nur noch gesagt, dass Enemy I mit „Dysphoria“ ein Album geglückt ist, das wohl eine Vielzahl an Hörer finden sollte. Denn das Angebot an vielschichtigen und abwechslungsreichen Titeln ist definitiv gegeben, während die Band sowohl in ihren härteren und eingängigen Songs als auch in den dunkel-atmosphärischen Titeln brilliert.

Enemy I schaffen es also auch auf „Dysphoria“ – trotz oder gerade wegen ihrer Streifzüge durch unterschiedliche Stile (darunter Doom, Industrial, Death Metal, Black Metal, Gothic Rock/Metal) -, einen derartigen Sound zu kreieren, der ihnen einen großen Wiedererkennungswert beschert. Dazu trägt maßgeblich der erwähnte facettenreiche und ausdrucksstarke Gesang bei, darüber hinaus ist den einzelnen Titeln – so unterschiedlich sie stilistisch auch ausfallen mögen – jedoch immer auch eine eigene Handschrift zu bescheinigen, die die Band aus der Masse an ähnlich gearteten Künstlern stets als Enemy I erkennen lässt.

Eine Band, die mit ihrem Rohdiamanten „anywhere but here“ vorstellig wurde, serviert mit „Dysphoria“ nun ein funkelndes Schmuckstück für die Ewigkeit, mit dem sich all jene bereichern sollten, die genreoffene und dennoch homogene Musikkunst in Perfektion und im weiten Bereich des Industrial und Dark Metal erleben wollen. Ein Geheimtipp, der keiner mehr sein sollte und sich bereits mit dem Debüt mit den ganz Großen der Szene messen lassen kann.

Video

Preview

Tracklist

01 don’t trust
02 twinsight
03 the cage
04 s.a.r.b.
05 placebo god
06 miss sex
07 without undue delay
08 a battlefield
09 some exist
10 heartbeat decline
11 our demise
12 final cut
13 spell-cast

Details

Enemy I – Homepage
Enemy I  – Facebook

Label: Eigenproduktion / recordJet / Soulfood
Vö-Termin: 26.05.2017
Spielzeit: 65:10

Copyright Cover: Enemy I



Über den Autor

Ivonne
Ivonne

„Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust.“ – Rosette Niederer