Review

Eden – das ist ein Begriff, den wir wohl alle mit dem Paradies verbinden, aus dem wir jedoch verbannt wurden. Was aber wäre, wenn Eden gar kein schöner Garten wäre, sondern eine Art allumfassendes Speichermedium für unsere Träume, Erinnerungen und Gedanken? Eden ist eine Maschine. Und sie wird im Laufe der Zeit immer dunkler durch das Elend der Welt. Diese zugegeben nicht ganz unsperrige These setzen Diary of Dreams ihrem neuen Album „Hell in Eden“ voraus. Und die Frage, die sich daraus entwickelt, lautet: Wie sieht eine Platte wohl aus, die eine solche Idee als Grundlage hat?

Die Antwort: Düster. Zumindest, wenn der Opener betrachtet wird. „Made in Shame“ ist feinster, düsterer Elektro, der aber eine ordentliche orchestrale Prise erhalten hat. Mit einem Backgroundchor kreiert die Band ein episches Szenarium, während Adrian Hates‘ Gesang uns vorwurfsvoll, anklagend seine Botschaft in die Köpfe setzt – oder auch schreit, wie in der Bridge. Ein wahnsinnig starker Song, der – wie sich zeigt – nur ein Vorbote dessen ist, was da noch kommt. Denn bereits der zweite Track „Epicon“ übertrumpft ihn nochmals. Mit schnarrenden Gitarrenriffs und einem akzentuierten Einsatz der Chorstimmen, welche über einem hämmernden, treibenden Rhythmus liegen, manifestiert sich eine bedrohliche Stimmung. Fordernd und brachial kommt der Song daher – ein packendes Erlebnis.

Daran schließt sich „Decipher Me“ an, der erste tanzbare Track des Albums. Auch ihm ist etwas Voranschreitendes inne, als würde man nicht anhalten können und stets einen Schritt vor den anderen setzen müssen, ob man will oder nicht. Die Atmosphäre ist jedoch deutlich gelöster, fast etwas sphärisch. Ein kurzes Déjà-vu kommt bei langjährigen Fans auf, doch es ist nur ein kurzes Leuchten, dann vergeht das Gefühl wieder. Apropos Licht: Dieses scheint im vierten Track – dem Titelsong des Albums – „Hell in Eden“ endlich aufzugehen. Eine sehr feine, verträumte Ballade und gleichzeitig der einzige deutsche Text des Silberlings. Ein reduziertes Ambiente aus feinen Elektroklängen auf einer melancholischen Piano-Line strickt ein positives, hoffnungsvolles Gefühl, voll süßer Wehmut. Der Song ist wärmend, wie eine Art Versöhnung für den Hörer nach diesem abgründigen Einstieg und zugleich als Proviant für die noch anstehende Reise.

Denn diese geht unerbittlich fort und hat noch so manche Perle im Gepäck. Wie beispielsweise „Beast of Prey“ – ein sehr emotionaler Song mit schmeichelndem Klavier und zarter Violine – oder auch „Bird of Passage“, der unglaublich melancholisch und wunderbar melodiös daherkommt, bevor er in der zweiten Hälfte losbricht. Damit ist er nicht allein, denn die Traumtagebüchler führen auf diesem Album auch so manchen tanzbaren Track, wie beispielsweise „Listen and Scream“. Auch hier flackert wieder diese flüchtige Vertrautheit auf, ohne aber unangenehm zu werden. Ähnlich ergeht es einem beim Hören von „Mercy Me“, der sich stampfend und fast schon maschinär in unsere Köpfe und Glieder prügelt. Und auch „Sister Sin“ zeigt sich gefällig, ohne anbiedernd zu sein. Abwechslungsreiche Klangwelten werden hier vereint und untermalen stets Adrian Hates beeindruckende Stimme.

Diary of Dreams (Copyright: Frank Machalowski)

„Hell in Eden“ gipfelt im 13. Track „Hiding Rivers“, welcher das Album an den Anfang zurückführt. Mit Celli, Trommeln und dem Piano wird ein musikalisches Szenario geschaffen, das an die Interpretationen auf „The Anatomy of Silence“ erinnert. Das düstere Ambiente um die teils (mehrstimmig!) gesungenen, teils gesprochenen Textzeilen ist eindringlich, packend und berührend zugleich. Hier wird der Anfang mit dem Ende perfekt verknüpft – jedoch ist es keine musikalische Endlosschleife, sondern ein Ausblick.

Und genau das ist wohl die Quintessenz, die aus diesem Studioalbum gezogen werden kann. Die stetig aufkommenden Gefühle der Bekanntheit, dieses „Nach Hause Kommen“, aber ohne eine zu befürchtende Redundanz. Diary of Dreams haben den Blick in die Vergangenheit geworfen und daraus neue Inspiration gewonnen für ihre Zukunft. „Hell in Eden“ ist ein Album, das stark und sperrig sein kann, das aber auch anschmiegsam und begeisternd ist. Es offeriert dem Hörer zahlreiche Anknüpfungspunkte und nimmt ihn mit auf eine Reise voller Auf und Abs. Denn so doppeldeutig der Name ist (ist nun die Sonne in Eden aufgegangen oder die Hölle ausgebrochen?), so doppelbödig ist die ganze Platte. Und genau so wünscht man sich Diary of Dreams!

Anspieltipps
Epicon | Decipher Me | Hell in Eden | Mercy Me

Video

Tracklist

01 Made in Shame
02 Epicon
03 Decipher Me
04 Hell in Eden
05 Perfect Halo
06 Beast of Prey
07 Listen and Scream
08 Traces of Light
09 Mercy Me
10 Bird of Passage
11 Sister Sin
12 Nevermore
13 Hiding Rivers

Details

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Label: Accession Records / Indigo
VÖ-Termin: 06.10.2017
Spielzeit: 66:27

Copyright Cover: Accession Records



Über den Autor

Silvana
Silvana

A Cat is Purrfect.