Review

Malerei und Tulpen sind aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande nicht wegzudenken. Entsprechend findet beides Eingang in dem im 17. Jahrhundert in Amsterdam angesiedelten Historiendrama „Tulpenfieber“, ein starbesetzter Kostümfilm, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Deborah Moggach.

Doch dem Titel und geschichtlichen Kontext zum Trotz kommen Kunst und Pflanzen sowie die damit einhergehende Tulpenmanie, in der die Zwiebeln zum Spekulationsobjekt wurden, was den einen oder anderen holländischen Bürger zur damaligen Zeit in den Ruin trieb, überraschend kurz. Stattdessen setzt Regisseur Justin Chadwick und Drehbuchschreiber Tom Stoppard (u.a. „Shakespeare in Love“) erst einmal auf Erotik. „Sex sells“ bekanntlich, und so reihen sich gleich zu Beginn derlei Szenen aneinander.

Gut gemacht, passend platziert und für ein Historiendrama um Begierde, Leidenschaft, Rache und Verschwörung natürlich auch nicht unüblich, hat der hochkarätige Cast dieses oft als Notlösung integrierte Extra eigentlich gar nicht nötig und doch unterstützt es gerade in „Tulpenfieber“ die Komponente des sich anbahnenden emotionalen Dramas: 

Während sich der wohlhabende Kaufmann Cornelis Sandvoort (gespielt von Christoph Waltz) nach dem Tod seiner Frau und Kinder durch die Heirat mit dem Waisenkind Sophia (Alicia Vikander) weiteren (männlichen) Nachwuchs erhofft, bleibt jener zunächst aus, zumindest bei Sophia und Cornelis. Anders ergeht es der Magd Maria (Holliday Grainger). Indes verliebt sich Sophia in den jungen Maler Jan van Loos (Dane DeHaan) und beginnt mit ihm eine leidenschaftliche Affäre. Gemeinsam mit Magd Maria schmieden sie einen Plan, bei dem zunächst allen geholfen scheint – und letztlich jeder auf seine Weise zum Scheitern verurteilt ist…

À la „Romeo und Julia“ steigert sich die an Tragik und Dramatik gewinnende Handlung, dessen zügiger Verlauf als äußerst angenehm empfunden wird, entstehen dadurch (ganz untypisch für einen Historienfilm) doch kaum Längen.
Das Ende hingegen präsentiert man viel zu rasch und gebündelt. Selbst Zuschauer mit einer ausgeprägten romantischen Ader dürften mit dem zu schnell abgehandelten, kitschig wirkenden und insgesamt eher unglaubwürdigen „Happy End“ unzufrieden sein. Was an Spannung und Dramatik zuvor mühsam aufgebaut wurde, verebbt am Schluss binnen kurzer Zeit und vernachlässigt zudem mögliche (auch optisch ersichtliche) Veränderungen, sodass beispielsweise trotz enormer Zeitsprünge (von bis zu acht Jahren) keine sichtbaren Alterungsprozesse bei den Figuren stattfanden. In immer noch jugendlicher Frische und vom Schicksal scheinbar kaum gebeutelt werden die Figuren schließlich dargestellt, während man über ihren weiteren Werdegang komprimiert in Kenntnis gesetzt wird.

Komprimiert bleiben auch die Charakterausarbeitungen. Obschon hier vor allem mit Waltz, Vikander und DeHaan wahre Könner am Werk sind, wird dem Schauspieltalent eines jeden einzelnen kaum Raum gegeben, sodass die Figuren – inmitten eines historischen Kontextes, der ebenfalls nur solide recherchiert wirkt, zur Nebenrolle degradiert wird und dadurch insgesamt zu oft unglaubwürdig erscheint – eher flach und oberflächlich bleiben.

Christoph Waltz und Alicia Vikander als Cornelis Sandvoort und Ehefrau Sophia in „Tulpenfieber“ (Copyright: Prokino)

Inhaltlich also eher märchenhaft, verleihen immerhin Kulissen, Kostüme und Aufnahmetechniken inklusive schön anzusehender Lichtstimmungen dem Film das nötige und authentische „historische“ Flair. In diesen Punkten gibt es an „Tulpenfieber“ nichts zu beanstanden.

Dies trifft auch auf das umfangreiche Bonusmaterial zu, das insbesondere mit drei Featurettes und „Hinter den Kulissen“-Material einige zusätzliche Minuten Unterhaltung beschert. Aufgrund der Quantität und schönen Aufnahmen sieht man hier gerne mal darüber hinweg, dass sich inhaltlich vieles wiederholt.

Auch wenn „Tulpenfieber“ in optischer Hinsicht ein Hingucker ist, sollte man letztlich die Handlung betreffend doch über das eine oder andere hinwegsehen können. Mit tolerantem Blick bleibt dann allerdings eine kurzweilige Unterhaltungsmöglichkeit für Fans von Historienfilmen, die es nicht immer so genau nehmen.

Trailer

Handlung

Holland, 17. Jahrhundert. Ganz Amsterdam ist besessen von einer botanischen Sensation: der Tulpe. Die Spekulanten bieten horrende Summen für Exemplare, die sie noch nie zu Gesicht bekommen haben. In diesen hitzigen Zeiten verliebt sich der junge, mittellose Porträtmaler Jan (Dane DeHaan) in Sophia (Alicia Vikander), die schöne Frau seines reichen Auftraggebers (Christoph Waltz). Als die geheime Affäre aufzufliegen droht, schmieden die beiden einen riskanten Plan. Alles hängt von einem kühnen Geschäft an der Tulpenbörse ab. Mit der teuersten Zwiebel überhaupt – der Admiral Maria …

(Quelle: Prokino)

Tulpenfieber – Homepage

Details

Format: Dolby, PAL, Widescreen
Sprache: German (Dolby Digital 5.1), English (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 2.39:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 6 Jahren
Studio: Prokino (Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH)
Erscheinungstermin: 22.12.2017
Produktionsjahr: 2015
Spieldauer: 101 Minuten
Extras: Featurettes: Die Stars / Alicia / Die Story | Hinter den Kulissen | Promoreel | Deutscher und Original-Kinotrailer

Copyright Cover: Prokino



Über den Autor

Conny
Conny

„Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.“ – Oscar Wilde