Review

Schöne Frauen wachsen nicht auf Bäumen? Da würde Eric, der Protagonist in „The Girl from the Song“, wohl widersprechen. Fiel ihm doch immerhin eines lauen Sommerabends, als er allein im Garten des Londoner Colleges saß und auf seiner Gitarre herumzupfte, die fröhliche Jo direkt von einem solchen in die Arme. Oder um ganz genau zu sein, auf die Nase. Woraufhin diese brach. Aber nachdem derartige Anlaufschwierigkeiten überwunden sind, erleben die beiden jungen Menschen einen wunderbaren Sommer… nicht.

Denn nach einigen Wochen, in denen sich der ansonsten eher unscheinbare, ruhige Student Eric von der Spontanität und Dynamik der jungen Frau mitreißen lässt, die beiden eine intensive Affäre verleben, er sich sogar mit seiner Gitarre auf eine Bühne traut und ihr dafür einen Song schreibt – nach all diesem süßen Strudel also verschwindet Jo. Von jetzt auf gleich. Niemand weiß, wo sie ist, sie hat kein Handy und ist wie vom Erdboden verschluckt. Doch Eric erinnert sich an ihren Traum: Einmal zum Burning Man Festival! Und so tritt der verzweifelte Bursche die Reise nach Nevada an – ohne Geld, ohne Plan, aber mit dem Wunsch, dem Mädchen, das er liebt, seinen Song vorzuspielen.

So weit, so gut. Bis hierher ist der Plot des Films „The Girl from the Song“ vor allem eins: leicht verdaulich und wohlbekannt. Schüchterner Junge trifft quirliges Mädchen, das ihn aus seinem Schneckenhaus lockt. Doch nach diesem klassischen Start eines Jugend-Liebesfilms schlägt Regisseur Ibai Abad in seinem Debüt einen ungewöhnlichen Weg ein. Anstatt viel Budget zu verbraten und aufwendige Szenerien des Festivals nachzuempfinden, dreht er kurzerhand einfach direkt vor Ort, während des Original Burning Mans. Und dieser Kniff verleiht der nicht ganz so brandneuen Story einen aufregenden, authentischen Dreh.

Unterstützt von sanften und dennoch intensiven Aufnahmen und einem guten Soundtrack – Lewis Rainer (Eric) beeindruckt beispielsweise mit seiner überraschend kräftigen und tiefen Singstimme – wird so „The Girl from the Song“ auf jeden Fall für die Sinne ein ausgewogenes, rundes Erlebnis. Und auch Kopf und Herz bekommen Futter.

Denn auch wenn die Story nicht außergewöhnlich erscheint (kein Wunder, ist es doch eine moderne Interpretation des Stoffes von „Orfeo ed Euridice“), wird dennoch ein sehr einfühlsamer Blick auf die Dynamik einer jungen Beziehung im 21. Jahrhundert geworfen. Welche Wünsche konkurrieren in den Köpfen dieser Generation – welche Sorgen? Ein ständiger Kampf zwischen Vertrauen und Freiheit. Die beiden noch unbekannten Hauptdarsteller (Lewis Rainer und Joséphine Berry) mimen diese zerbrechliche Gefühlswelt wirklich gut. Da reicht ein Tonfall, ein Blick – und man weiß alles und nichts. Wie im echten Leben eben.

The Girl from the Song (Copyright: Koch Media)

Und wie im echten Leben wird am Ende des Films eben doch nicht alles restlos aufgeklärt. Zum Glück, möchte man fast sagen. Denn ansonsten wäre dem Streifen sein ganzer Zauber wohl genauso in Flammen aufgegangen, wie der hölzerne Kerl auf dem Burning Man.

Es bleibt am Schluss die Erkenntnis, dass nichts umsonst im Leben ist. Und so sind auch die knapp 90 Minuten Spiellaufzeit von „The Girl from the Song“ keine totale Zeitverschwendung, sondern tatsächlich unterhaltsam. Denn was wie eine Teenie-Schnulze anmutet, wird ein klassischer Coming-of-Age-Film, der sowohl Witz als auch Dramatik zu bieten hat, Charaktere, die sich weiterentwickeln und schließlich eine wundervolle Szenerie, die nach Wüstensand und Freiheit schmeckt. Kann man mal machen!

Trailer

Inhalt

Der schüchterne Musikstudent Eric verliebt sich Hals über Kopf in die völlig chaotische Jo. Kurz nachdem sie Eric zu seinem ersten öffentlichen Auftritt überredet hat, verschwindet Jo jedoch mit ihrem Ex-Freund und dessen Clique zum berühmt-berüchtigten Burning Man Festival nach Nevada. Eric fürchtet, seine große Liebe für immer verloren zu haben. Trotzdem bricht er zu einer chaotischen und alles verändernden Reise in die Wüste Nevadas auf, um Jo zurückzugewinnen…

Ein Stück seiner eigenen verhinderten Liebesgeschichte hat Regisseur Ibai Abad hier mit viel Herzblut auf die Leinwand gebracht und so sehr viel mehr als nur die moderne Nacherzählung eines uralten Liebesmythos geschaffen. Vielmehr ist „The Girl From The Song“ auch eine Liebeserklärung an eines der vielleicht legendärsten Festivals überhaupt, bei dem auch ein Großteil der Dreharbeiten stattgefunden hat: Dem „Burning Man“ in der Wüste Nevadas.

(Quelle: Koch Media)

Details

Format: Dolby, PAL, Widescreen
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahre
Studio: Koch Media GmbH
Erscheinungstermin: 27. Juli 2017
Produktionsjahr: 2017
Spieldauer: 102 Minuten

Copyright Cover: Koch Media GmbH



Über den Autor

Silvana
Silvana

A Cat is Purrfect.