Review

Nur noch „7 Tage bis zur Apokalypse“ heißt es gleich zu Beginn des Mafia-Thrillers „Suburra“ von Regisseur Stefano Sollima, der auch schon die italienische Mafia-Serie „Gomorrha“ inszeniert hat. Wir wissen also schon frühzeitig, dass die erzählte Zeit auf einen Paukenschlag zusteuert. Nähern wir uns dem Mafia-Epos aber der Reihe nach:

Zu Beginn der Handlung verbringen wir einige Zeit mit dem Parlamentsabgeordneten Filippo Malgradi (Pierfrancesco Favino). Macht jener zunächst noch einen seriösen und integren Eindruck, erleben wir ihn schon kurz darauf bei einer frivolen und dekadenten Partynacht, in der er sich mit zwei Prostituierten gleichzeitig vergnügt. Auf seinen obszönen Wunsch hin ist eines der Freudenmädchen noch dazu minderjährig. Dumm nur, dass ausgerechnet diese jüngere der beiden Damen anschließend an einer Überdosis stirbt. Malgradi überlässt die Misere der verbliebenen Prostituierten und entzieht sich der Verantwortung. Da sich diese nicht anders zu helfen weiß, ruft sie Alberto Anacleti, ein Mitglied des Anacleti-Clans, aus dem Bereich des organisierten Verbrechens an. Durch diesen Versuch des eben noch gefestigt wirkenden Abgeordneten und Familienvaters, den Vorfall zu vertuschen und seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, soll es wahrlich zu einem Schmetterlingseffekt kommen, der sich mehr oder weniger auf alle Schichten der römischen Gesellschaft auswirken soll.

Zusätzliche Brisanz ergibt sich aus einem Übereinkommen zwischen dem Gangsterboss namens „Samurai“ und dem korrupten Malgradi. Gegenstand dieser Vereinbarung, an der noch diverse käufliche Staatsvertreter sowie mächtige Mafia-Clans beteiligt sind, ist ein millionenschweres Bauvorhaben aus Hotels und Casinos vom Rande Roms bis zur Küste von Ostia. Eine Verkettung tragischer Umstände verdichtet sich hier zu einer Abwärtsspirale und die großen Mafia-Familien der Gegend beginnen, sich zu bekriegen.

Dass Regisseur Stefano Sollima inzwischen der Sprung nach Hollywood gelungen ist, wo er aktuell mit „Soldado“ das Sequel von „Sicario“ inszeniert, kann angesichts der Qualität von „Suburra“ ebenso wenig überraschen wie die Tatsache, dass mit der gleichnamigen Serie bald das erste italienische Netflix-Original erscheinen wird.

Mit weitgehend unbekannten Darstellern gelingt hier ein Mafia-Thriller, der sich vor Hollywood-Produktionen nicht verstecken muss. Einzig Pierfrancesco Favino dürfte hierzulande schon dem einen oder anderen aus „Illuminati“ in der Rolle des Kommandanten Olivetti bekannt sein. Unabhängig davon ist der Cast hier durchweg gut aufgelegt; besonders hervorheben möchte man womöglich Adamo Dionisi als Gangster Manfredi Anacleti, der seine Rolle so intensiv und bissig interpretiert, dass er unvorhersehbare Situationen kreiert und beim Zuschauer ein ums andere Mal ein unbehagliches Gefühl hervorruft.

Das lässt sich aber auch auf den Film insgesamt abstrahieren: Wir sehen hier ausschließlich unsympathische Personen, gleich ob Mafia-Gangster, korrupte Staatsvertreter oder sogar einige käufliche Würdenträger des Vatikans; durchaus ein repräsentativer Querschnitt durch den Kosmos der Bevölkerung. Sollima veranschaulicht die modernen Spielregeln des Verbrechens und entwirft damit einen emotional packenden Film, der bisweilen auch drastisch in seiner realistischen Darstellung ist. „Suburra“ ist jedoch nicht nur filmisch virtuos inszeniert, auch die Musik des französischen Elektronik-Duos M83 trägt wesentlich zur Stimmung bei.

Filippo Malgradi (Pierfrancesco Favino) hat seine Familie und sich in größte Gefahr gebracht (Copyright: Koch Media GmbH)

Möchte man hier etwas kritisieren, dann womöglich die gänzliche Abwesenheit der Polizei bzw. der Staatsgewalt überhaupt oder auch die überbordende Verkommenheit der Volksvertreter; das wirkt teilweise allzu fatalistisch.
Das Ende des Filmes lässt sich für den aufmerksamen Zuschauer ebenfalls erahnen; hiermit ist das konkrete Ende gemeint und nicht, dass es insgesamt zu einem Super-GAU in Rom kommen wird. Dies gibt ja schon die obige Vorwegnahme „7 Tage bis zur Apokalypse“ her.

Fazit: Regisseur Stefano Sollima betont weniger den schönen Schein der Mafia, als vielmehr die Abgründe der italienischen Gesellschaft. Hier ist kein Platz für Mafia-Romantik. Es wäre vermessen, seinen Film mit den ganz Großen, wie etwa der Mafia-Trilogie „Der Pate“ oder Martin Scorseses „Casino“ oder „Good Fellas“, zu vergleichen, aber wem das Genre zusagt, der wird mit „Suburra“ in jedem Fall auf seine Kosten kommen. Der Film erscheint am 08.06.2017 auf DVD und Bluray. 

Trailer

Inhalt

Die Apokalypse steht unmittelbar bevor: Vom Rande Roms bis zur Küste von Ostia soll ein millionenschweres Bauvorhaben aus Hotels und Casinos entstehen. Korrupte Staatsvertreter, mächtige Mafia-Clans und sogar einige Würdenträger des Vatikans haben sich dafür zu einer unheilvollen Allianz vereint, an deren Spitze mit dem skrupellosen „Samurai“ ein mächtiger Pate alle Strippen fest in eigener Hand hält. Als im Strudel aus Erpressung und Mord die Dinge zunehmend aus dem Ruder laufen, entbrennt ein unerbittlicher und für etliche Beteiligte tödlicher Machtkampf …

(Quelle: Koch Media GmbH)

Details

Format: Widescreen
Sprache: Italienisch (DTS-HD 5.1), Deutsch (DTS-HD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Koch Media GmbH – DVD
Erscheinungstermin: 8. Juni 2017
Produktionsjahr: 2016
Spieldauer: 130 Minuten
Extras: Trailer, Making of

Copyright Cover: Koch Media



Über den Autor

Fabian
Fabian

Warum denn so ernst?