Review

In Teilbereichen erschreckend nah an der Realität und in vielerlei Hinsicht vorstellbar nimmt sich die Dystopie „Stille Reserven“ unter der Regie von Valentin Hitz ethisch-moralischen Fragestellungen und aktuellen Themen an.
Profit vs. Humanismus, die Überlegung, wie weit die Ressource Mensch (auch nach seinem Tod) ausgebeutet werden darf, und der „gläserne Mensch“ sind dabei die thematischen Hauptelemente des Films, der durch seine subtile Authentizität und vorherrschende atmosphärische Sterilität beinahe schon einen Dokumentationscharakter versprüht.

Über die Antworten auf die Fragen des hier präsentierten ethischen und determinierten gesellschaftlichen Grundgerüsts entscheiden sich dann auch die Taten der Protagonisten, die mit Clemens Schick und Lena Lauzemis charakterstark besetzt wurden. Bereits durch ihre markanten und harten Gesichtszüge fügen sie sich rein optisch hervorragend in das kühle Setting von „Stille Reserven“ ein und auch ihr Schauspiel gestaltet sich sehr unterkühlt.
Oftmals mündet dies zudem in emotionslosen Dialogen. Ist diese Emotionslosigkeit im Kontext der Handlung, Herangehensweise und Optik zwar für den Film durchaus gewollt und stimmig wirkend, könnte genau dies für einige Zuschauer einen Kritikpunkt darstellen. Das sterile Erscheinungsbild sowie die dem Genre und dem Plot angemessene Kühle lassen wenig Platz für Gefühle, während einzelne Handlungsstränge diesbezüglich durchaus Potenzial besitzen und eindringlicher in ihrer Wirkweise hätten ausfallen können. Denn durch das Versäumnis, emotionale Momente wirkungsvoll an die Zuschauer zu transportieren, tangieren die gezeigten (Einzel)Schicksale jene nur peripher.

Die Stimmung der Dystopie überträgt sich hingegen weitaus effektiver auf die Zusehenden. Gedeckte, kühle Farben verpassen dem Film beinahe schon ein nordisches Flair und sorgen für eine beispiellose, dem Genre und den Plotideen angemessene Atmosphäre. Vermehrt driftet „Stille Reserven“ gar in Schwarz-Weiß-Bilder ab, während eine bunte Fröhlichkeit angesichts der ernsten und nachdenklich stimmenden Thematiken hier kaum bis gar keinen Platz hat.

Todesversicherung schon abgeschlossen? Assekuranzagent Vincent Baumann (Clemens Schick) studiert das Versicherungsprofil des reichen Unternehmers Wladimir Sokulov (Daniel Obrychski). | Copyright: Freibeuter Film / Camino

Wenn jetzt noch einige der gesellschaftlichen Aspekte, die des Öfteren nur oberflächlich und ohne weitreichendere Erklärung als gegeben präsentiert werden, tiefgründiger und ausgiebiger ihren Platz in „Stille Reserven“ gefunden hätten, dann hätten auch wir dem beim Zurich Film Festival mit dem Goldenen Auge im Wettbewerb „Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich“ ausgezeichneten Machwerk ebenfalls die Höchstwertung verliehen.
So aber gibt es für eine Dystopie, die glaubwürdiger und andersartig ist als die meisten der inzwischen eher als gewöhnlich wahrgenommenen Genre-Veröffentlichungen, minimalen Punktabzug, aber dafür das Prädikat „episch“.

Trailer

Handlung

Wien in der nahen Zukunft: Konzerne haben die Macht übernommen. Grenzen verlaufen durch die Stadt und durch die Gesellschaft: zwischen denen, die sich eine Todesversicherung leisten können, und der Mehrheit der anderen.

Versicherungsagent Vincent Baumann wird selbst Opfer dieses Systems, das er eigentlich vertritt. Der faszinierenden Aktivistin Lisa Sokulowa auf der Spur, erscheint ihm Widerstand plötzlich als Möglichkeit. Aber die Grenzen sind nicht so eindeutig, wie er bisher angenommen hat …

(Quelle: Camino Filmverleih)

Stille Reserven – Homepage

Details

Originaltitel: Stille Reserven
Land: Österreich, Deutschland 2015/2016
Produktion: Freibeuter Film
Dauer: 95 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 20.04.2017
Vertrieb: Camino

Copyright Artikelbild: Freibeuter Film



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde