Review

Historienfilme basierend auf geschichtlichen Figuren, Ereignissen oder Bewegungen gab es, insbesondere auch in Hollywood, schon immer. Ein Phänomen der letzten Jahre scheint es allerdings zu sein, schon kürzeste Zeit nach besonderen Geschehnissen der historischen Vergangenheit, eine Verfilmung dieser anzustreben. Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit sind etwa die folgenden: der Katastrophenfilm „Deepwater Horizon“ (2016), die Filmbiografie „Steve Jobs“ (2015), „Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“ (2013), der Action-Thriller „Zero Dark Thirty“ (2012) oder aber auch das Filmdrama „Social Network“ (2010), um nur einige aufzuzählen; man wird wohl sagen dürfen, ein regelrechter Trend hat sich daraus entwickelt. 

Dem Gesagten folgend, schließt sich nun also im Jahr 2016 der renommierte Hollywood-Kultregisseur und Oscarpreisträger Oliver Stone (dieser zeigt sich für einige Klassiker verantwortlich, wie z.B.: „Wall Street“ oder „Natural Born Killers“) mit seinem deutsch-US-amerikanischen Filmdrama „Snowden“ an. Stone hat sich zuvor aber auch schon vor allem mit seinen politischen Filmen einen Namen gemacht; in seinem Repertoire als Regisseur finden sich etwa bereits „Platoon“, „Geboren am 4. Juli“, „JFK – Tatort Dallas“, „Nixon – Der Untergang eines Präsidenten“, „World Trade Center“, „W. – Ein missverstandenes Leben“ und sogar noch mehr. Sein Engagement in der hiesigen Angelegenheit ist also alles andere als überraschend.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shailene Woodley) in „Snowden“ (Copyright: Universum Film)

Nun widmet sich der Filmemacher also dem Werdegang und Schicksal des – aktuell – weltweit bekanntesten Whistleblowers Edward Joseph „Ed“ Snowden. Der Autor dieser Zeilen erhebt hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit und möchte erst recht keinen Geschichtsunterricht geben; in Kürze nur das hier Folgende:
Der Whistleblower und ehemalige CIA-Mitarbeiter Edward Snowden lieferte der Weltbevölkerung durch seine Enthüllungen tiefe Einblicke in das Ausmaß der globalen Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten, insbesondere denen der USA. Ein derartiges Ausmaß an Überwachung vermochten sich die Menschen bis dahin nicht vorzustellen bzw. man konnte ein derartiges Vorgehen allenfalls befürchten (veralbert wurden solche anlasslosen Spionagepraktiken noch in „Die Simpsons – Der Film“, als ein NSA-Mitarbeiter freudig ausruft: „He Leute… ich hab‘ Einen. Die Regierung hat tatsächlich mal jemanden gefunden, nach dem sie gefahndet hat.“; die Macher der Simpsons hatten für derlei Dinge schon immer ein sehr gutes Gespür!). Dadurch, dass Snowden Zugang zu streng geheimen Informationen hatte, konnte er diese in Hongkong der Filmemacherin Laura Poitras und an dem Journalisten Glenn Greenwald weiterleiten, die diese dann veröffentlichen sollten. Durch diese Geschehnisse wurde die globale Überwachungs- und Spionageaffäre ausgelöst.

Dies soll an Hintergrundinformationen ausreichen und nun widmen wir uns der filmischen Umsetzung von Oliver Stone. Für sein Drama konnte der Filmemacher einen beeindruckenden Cast gewinnen: In der titelgebenden Rolle des Edward Snowden sehen wir Joseph Gordon-Levitt, der sich seinen Stammplatz in Hollywood-Blockbustern bereits fest gesichert hat („Inception“, „The Dark Knight Rises“, „Looper“); an seiner Seite, als dessen Freundin Lindsay Mills, spielt Shailene Woodley, die einem größeren Publikum vor allem durch die „Die Bestimmung“-Reihe und „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ bekannt ist. Außerdem sehen wir in weiteren Rollen noch Melissa Leo als Laura Poitras, Zachary Quinto als Glenn Greenwald, Tom Wilkinson als Ewen MacAskill, Rhys Ifans als Dienstvorgesetzter bei der CIA, Corbin O’Brian, sowie erfreulicherweise – nach dem zuletzt abermals schwachen „Dog eat Dog“ – Nicolas Cage in der Rolle des Idealisten Hank Forrester. Hier gibt sich also die Hollywood-Prominenz die Klinke in die Hand und der gesamte Cast weiß zu überzeugen. 

Bei Filmen, deren Handlung in der historischen Vergangenheit angesiedelt ist, bieten diese in der Regel nur eine subjektiv gefärbte Interpretation des Gestern aus der heutigen Sicht. „Snowden“ ist aber ersichtlich von Stones Bestreben geprägt, die Ereignisse möglichst authentisch und nahe an der Realität zu erzählen. Dabei enthält der Spielfilm freilich auch Elemente einer Liebesgeschichte und konzentriert sich vor allem auch auf den persönlichen Werdegang des Whistleblowers; aber auch die Ereignisse, die zu dessen Entfremdung geführt und ihn schließlich zu seinem Vorgehen geleitet haben. Diese persönlichen und politischen Weichenstellungen sind – abgesehen von einigen dramaturgischen Übertreibungen – stets nachvollziehbar inszeniert.
Gleich zu Beginn gibt Stone aber auch schon folgenden Hinweis für den Zuschauer: „Das Folgende ist eine Dramatisierung tatsächlicher Ereignisse in den Jahren 2004 bis 2013.“ Damit entlastet er sich zusätzlich, für den Fall, man wolle ihm mangelnde geschichtliche Genauigkeit vorwerfen.

Die Handlung des Films beginnt in Hongkong am 03. Juni 2013 und dann wird grundsätzlich mit Rückblenden gearbeitet, um die kontinuierliche Veränderung von Snowdens Haltung gegenüber seinem Land und den US-amerikanischen Geheimdiensten CIA und NSA (nachvollziehbar) darzustellen. Der Autodidakt Snowden, der hier phasenweise wie ein außerordentliches Genie dargestellt wird, das einen Eignungstest der CIA statt in den durchschnittlich erforderlichen fünf Stunden mal eben in 38 Minuten absolviert, kommt eher als Held, denn als Verräter weg.

Man möchte hier nicht bedeutungsschwanger von einem „wichtigen Film“ sprechen, aber es ist jedenfalls ein sehenswerter Film, der sich authentisch und (zeitweise) spannend mit den besonderen historischen Ereignissen befasst, deren Aufarbeitung weiterhin noch nicht abgeschlossen ist. Besonders gut gelungen ist dabei auch ein Dialog zwischen Snowden und seinem Chef, in dem es um die Notwendigkeit geht, auf der ganzen Welt Informationen zu sammeln:

Deputy Director Corbin O’Brian: „Die meisten katalogisieren ihr Leben ja sowieso schon für die Öffentlichkeit.“

Snowden: „Sie katalogisieren einen Teil ihres Lebens und das freiwillig (…).“

Corbin O’Brian: „Den meisten geht’s nicht um Freiheit, die wollen Sicherheit. Das ist ein einfacher Deal.“

Lügendetektortest mit Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) | Copyright: Universum Film

Der Konflikt zwischen Sicherheit und Freiheit erhält in Stones Film ausreichend Platz und regt den Zuschauer zum Nachdenken, gerade über diese so grundrechtssensiblen Bereiche, an. Das Ausmaß der (vorsorglich) anlasslosen Erhebung und Speicherung von Daten mit dieser gewaltigen Streubreite kehrt in das Bewusstsein des Zuschauers zurück; ebenso wie der Fakt, dass Edward Snowden sich nach seiner Flucht bis zum heutigen Tag mit seiner Freundin in Russland aufhält.

„Snowden“ mag aufgrund seines geringen Einspielergebnisses an den Kinokassen wirtschaftlich einer der größten Flops des Jahres gewesen sein; dies ist aber wohl dem frühen Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser historischen Begebenheiten geschuldet. Der Film ist äußerst sehenswert und Oliver Stone kehrt hier zu alter Klasse zurück!

Trailer

Inhalt

Verräter oder Held. Was trieb Edward Snowden dazu, geheime NSA-Dokumente zu veröffentlichen? War ihm bewusst, welchen Preis er dafür zahlen würde? Oscar®-Preisträger Oliver Stone bringt mit SNOWDEN das Leben des kontrovers diskutierten Whistleblowers Edward Snowden auf die große Leinwand und zeigt den Menschen hinter dem Mythos, der mit seinen Enthüllungen der Welt die Augen öffnete, dafür aber seine Karriere und Heimat aufgeben musste. Es ist die Geschichte eines normalen Mannes, der es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, zu schweigen …

(Quelle: Universum Film)

Details

Format: Widescreen
Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 – 2.40:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Universum Film GmbH
Erscheinungstermin: 07.04.2017
Produktionsjahr: 2016
Spieldauer: 135 Minuten

Copyright Cover: Universum Film



Über den Autor

Fabian
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Warum denn so ernst?