Review

In Zeiten, in denen scheinbar auch in der Comedyszene alles größer, opulenter und schneller sein muss, man denke nur an die Olympiastadionauftritte eines Mario Barth, wirkt das Liveprogramm „Ausnahmezustand“ der hessischen Comedians und Echo-Preisträger Mundstuhl beinahe klein und familiär.

Aufgenommen im beschaulichen Hofgarten Kabarett Aschaffenburg im April 2014, vermitteln bereits die ersten Minuten der uns vorliegenden DVD (wahlweise ist „Ausnahmezustand! Live!“ auch als Doppel-CD erhältlich) eine Wohnzimmer- und Wohlfühlatmosphäre. Die verhältnismäßig kleine Location, das überschaubare und dezente Bühnenbild sowie die übersichtliche Menge an Zuschauern tragen zu diesem Empfinden bei.

Mundstuhl in ihrer Rolle als Plattenbaujungmütter Peggy und Sandy. (Copyright: HR / Edel:Motion)

Mundstuhl in ihrer Rolle als Plattenbaujungmütter Peggy und Sandy. (Copyright: HR / Edel:Motion)

Entsprechend wirkt die Bildqualität auf den Daheimgebliebenen. Sie erinnert an Comedy-TV-Aufzeichnungen der Dritten Programme, das wundert nicht, schließlich handelt es sich um eine Produktion des Hessischen Rundfunks.
Hightech, Special Effects, HD-Qualität oder Ähnliches sollte man also nicht erwarten, das sieht das Liveprogramm von Mundstuhl aber auch gar nicht vor.

Nach einem starken Beginn, bei dem die Sinnhaftigkeit eines Schlagers von Michael Holm humorvoll und in gewohnt cholerischer Art hinterfragt wird, schlüpfen die Hessen in verschiedene Rollen, wovon einige bereits aus ihren Anfangstagen noch bekannt sein dürften, darunter zum Beispiel „Dragan und Alder“. Innerhalb dieser Rollen werden nicht nur Klischees ausgereizt, sondern mit ihnen auch hervorragend gespielt.
Es fällt allerdings auf, dass die Stärken des Programms – jedenfalls für meinen Geschmack – in den Momenten liegen, in denen das Duo als Mundstuhl auf der Bühne steht. Sicherlich besitzen „Dragan und Alder“ sowie die ostdeutschen Plattenbaujungmütter Peggy und Sandy, der cholerische Andi, die amerikanischen Verkaufsprofis Bob & Bob oder die Zauberer Siegfried und Roy inzwischen einen gewissen Kultstatus, sodass sie einfach in ein Mundstuhl-Programm hineingehören, dennoch zünden Augenblicke, in denen beispielsweise über Giraffen lamentiert oder Schlagerlieder aufs Korn genommen werden, am meisten.

Zum aktuellen Programm „Ausnahmezustand! Live!“ gehören auch zahlreiche Einspieler, die dem Zuschauer vor Ort und Zuhause auf einem Bildschirm gezeigt werden, während Mundstuhl die Zeit nutzen, um sich für ihre darauf folgenden Rollen umzuziehen. So entstehen keine Lücken im Programm und die Clips lockern das Geschehen zusätzlich auf.

Neben dem „herkömmlichen“ Programm nimmt der Zuschauer zudem Anteil an reichlich Situationskomik, hervorgerufen u.a. durch Versprecher, das Aufgreifen von vorangegangenen Gags und unplanmäßige Publikumsreaktionen. Es wirkt äußerst sympathisch, dass ebenjenes nicht geschnitten oder ganz entfernt wurde, und man merkt, dass Mundstuhl auch über sich selbst lachen können.

Comedians Lars Niedereicholz & Ande Werner als Mundstuhl (Copyright: Chris Roth)

Comedians Lars Niedereicholz & Ande Werner als Mundstuhl (Copyright: Chris Roth)

Apropos lachen: Wie es oft beim Thema Humor der Fall ist, spielt diesbezüglich der eigene Geschmack eine entscheidende Rolle, ob ein Gag, eine Parodie oder ein Sketch als lustig empfunden wird oder nicht. Im Falle von Mundstuhl werden Fans mit „Ausnahmezustand! Live!“ dies betreffend sicherlich auf ihre Kosten kommen. Objektiv betrachtet ist das aktuelle Liveprogramm, mit dem das Duo seit 2012 durch die Lande tourt, eher durchwachsen lustig, dafür aber durchgehend unterhaltsam. Trotzdem hätte man mehr „Ausnahmezustände“ erwartet. Zwar bieten Mundstuhl ihre gewohnten Zwiegespräche, Spitzen und teils knapp an die untere Gürtellinie reichenden Hiebe, dabei wird es auch mal ein wenig lauter, dem Titel des Programms wird man dadurch jedoch noch nicht gerecht. „Live!“ als simple Bezeichnung trifft den Kern des Programms da schon eher.

Insgesamt fällt „Ausnahmezustand! Live!“ sehr kurzweilig aus. Auch das Bonusmaterial, das den Zuschauer über das Programm hinaus noch unterhalten soll, ist mit dem exklusiven Video zum Lied „Sand im Po“, einem outtake-artigen Mitschnitt namens „Im Hotel“ und dem kurzen Programmausschnittgag „Wichser“ sehr überschaubar.

Inhalt

Volkskrankheit Burnout! Tägliche Castingshows! Deutsche Truppen am Hindukusch! Paralympics! Karaoke! Berlin! Frauenquote! Und Freddy Mercury tot! Was kommt da noch auf uns zu?
In Deutschland herrscht der Ausnahmezustand und die maßgebliche Instanz des deutschen Humors ist zur Stelle, um die Notstandsgesetze zu verkünden. Diplomatisch und barmherzig wird das nicht, dafür aber wie immer politisch völlig inkorrekt, unverschämt, kindisch und vor allem zum Brüllen komisch.

Mundstuhl erfüllen auch nach fast 20 Jahren kongenialer Existenz alle Erwartungen, ziehen alle Register, bedienen jedes Klischee und hauen in ihrer ureigensten Art verbal auf alles drauf, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, zum Beispiel Delfine.

Inhaltlich spannen die beiden sympathischen Echopreisträger Lars Niedereichholz und Ande Werner einen weiten Bogen: Es geht um Liebe, Sex, Tod, Gewalt, Gummistiefel aus Holz und andere Ausnahmezustände. Selbstverständlich wird die Notstandsregierung der beiden Vollblutkomiker personell unterstützt. Mit von der Partie sind die Leitsterne der Kanak-Comedy Dragan und Alder, die ostdeutschen Plattenbaujungmütter Peggy und Sandy, der cholerische Andi, die amerikanischen Verkaufsprofis Bob & Bob, die weltbesten Zauberer Siegfried und Roy u.v.m.

(Quelle: Edel:Motion)

Mundstuhl

Mundstuhl gelten als das erfolgreichste und wandelbarste Comedy-Duo Deutschlands. Mit den Figuren „Dragan und Alder“ erlangten Lars Niedereichholz und Ande Werner 1997 nahezu kometenhaft einen immens hohen nationalen Bekanntheitsgrad, den sie in den Rollen ihrer Alter Egos im Laufe der Jahre weiter festigten und sogar noch ausbauten.
Ihre Live-Programme „Nur vom Allerfeinsten“ (1998), „Deluxe“ (2000), „Heul doch!“ (2002), „Knochen-zum-Hund“ (2003), „Alles Inklusive“ (2004), „Höchststrafe“ (2007) und „Sonderschüler“ (2009) sind allesamt Kult und meist gnadenlos ausverkauft.

(Quelle: Edel:Motion)

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Details

Format: Dolby, PAL
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Region: Alle Regionen
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Edel Germany GmbH
Erscheinungstermin: 13.02.2015
Produktionsjahr: 2012
Spieldauer: 93 Minuten + Bonus
Extras: „Sand im Po“ – Das exklusive Video / „Im Hotel“ / „Wichser“

Copyright Cover: Edel:Motion



Über den Autor

Conny
Conny

„Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.“ – Oscar Wilde