Review

Mit „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ sowie „Lion – Der lange Weg nach Hause“ haben wir uns bereits zwei der seinerzeitigen Oscar-Anwärter in der prestigeträchtigen Kategorie „Bester Film“ 2017 angeschaut, während wir uns nun mit Moonlight“ von Regisseur Barry Jenkins dem hochdekorierten Gewinner widmen wollen. Für sein Filmdrama, das auf dem Theaterstück „In Moonlight Black Boys Look Blue“ von Tarell Alvin McCraney basiert, erhielten Jenkins und McCraney außerdem den Award für das beste adaptierte Drehbuch.

Moonlight“ erzählt die ergreifende Geschichte des jungen Chiron, der in einem verarmten und brutalen Wohnviertel in einem Randgebiet von Miami aufwächst. Dabei konzentriert sich Jenkins darauf, Schlüsselmomente aus dem Leben seines Protagonisten zu zeigen.
Das Drama gliedert sich dabei in drei Kapitel, nämlich Kindheit (i. Little), Entwicklungsalter (ii. Chiron) und Erwachsenenalter (iii. Black). Der schmächtige und schüchterne Chiron wird von seinen Mitschülern regelmäßig gemobbt und verprügelt und auch zu Hause findet er kaum Trost bei seiner drogensüchtigen Mutter Paula. Es sind ausgerechnet der kubanische Drogenhändler Juan und seine Freundin Teresa, die für das schweigsame und belastete Kind eine Art Ersatzfamilie werden sollen. Als Teenager wird Chiron gewahr, dass er in seinen Freund Kevin aus Kindestagen verliebt ist. Derweil eskalieren die Demütigungen und Erniedrigungen in der Schule und auch daheim immer mehr, bis es zu einem Bruch im Lebensweg von Chiron kommt, der nicht nur physisch, sondern vor allem mental und emotional immer wieder attackiert worden ist. Später lebt Chiron in Atlanta und soll eine radikale Entwicklung durchgemacht haben …

Zuvorderst verdient hier der gesamte Cast, den Barry Jenkins für sein Filmdrama gewinnen konnte, uneingeschränkt Applaus. Insbesondere die drei Chiron-Darsteller, also Kinderdarsteller Alex R. Hibbert (Little), Ashton Sanders (Chiron) und Trevante Rhodes (Black), schaffen es, durch eine ähnliche Körpersprache und ihre traurigen Augen eine  kontinuierliche Entwicklung darzustellen; und dies, obwohl die Figur im Laufe des Filmes eine erhebliche Veränderung durchläuft. Aus dem stillen Kind wird ein zarter, sensibler Junge, der sich dann allerdings optisch ganz seinem Ziehvater Juan aus Kindestagen annähert und aussieht wie 50 Cent in seinen besten Tagen – ein Muskelberg samt Grillz über den Zähnen.

Damit ist auch Mahershala Ali angesprochen, den die meisten Zuschauer in der Rolle des charmanten und weltmännischen Lobbyisten Remy Danton aus der Erfolgsserie „House of Cards“ kennen dürften. So groß der Sprung von einer Rolle wie Remy Danton hin zum kubanischen Einwanderer und Drogenhändler auch sein mag, bei Mahershala Ali sieht es mühelos aus und er geht vollkommen in seiner Rolle auf. Ali verbindet perfekt die Facetten seiner Figur Juan, nämlich einerseits Güte, Anstand und Wärme und andererseits diese finstere und gefährliche Welt, in der er arbeitet. Völlig zu Recht brachte ihm diese Rolle zahlreiche Auszeichnungen, darunter die mit einem Oscar als bester Nebendarsteller ein.

Beachtung verdient ferner die schauspielerische Leistung von Naomie Harris („Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2“, „James Bond 007: Spectre“) in der Nebenrolle als drogenabhängige Mutter, die ebenfalls mit einer Oscar- und einer Golden-Globe-Nominierung bedacht wurde. Sie bereitet dem Publikum mit ihrer Darstellung einige bedrückende und deprimierende Momente, ihre attraktiven Gesichtszüge von Drogen verzerrt.
Für Soul- und Funk-Sängerin Janelle Monáe in der Rolle von Juans Freundin Teresa handelt es sich um ihren ersten großen Auftritt in einem Film und auch sie kann als liebevolle und einfühlsame Ersatzmutter auf ganzer Linie überzeugen.

Mit „Moonlight“ ist Barry Jenkins aber auch stilistisch ein Meisterstück gelungen. Ob nun die musikalische Untermalung mit größtenteils Orchestermusik, aber auch Chopped-and-Screwed-Hip-Hop oder auch die hervorragende filmische Inszenierung, hier ist alles harmonisch abgestimmt. Beispielhaft sei nur die Szene genannt, in der Mutter Paula dem kleinen Chiron gegenübersteht und wir nur einen stummen Schrei, begleitet von orchestraler Musik sehen; oder auch die jetzt schon berühmte Taufszene, in der Little von Juan das Schwimmen erlernt und der Zuschauer diese außergewöhnlich enge und vertrauliche Beziehung begreift; visuell erzählt mit der Kamera im Wasser. Die minimalistische Inszenierung ist dabei im Ganzen kunstvoll und formvollendet, wirkt aber nie artifiziell.

Juan (Mahershala Ali, Oscar®-prämiert als Bester Nebendarsteller) bringt dem jungen Chiron (Alex R. Hibbert) das Schwimmen bei. | Copyright: A24 / DCM

Wer die Handlung durchliest, mag hier thematisch zunächst einen vermeintlich typischen ComingofAge-Film oder auch ein klischeebeladenes Ghetto-Sozialdrama erwarten und dies für sich schon als Ausschlusskriterium betrachten. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, denn „Moonlight“ ist ein absolut ungewöhnlicher Film, der sich keiner Schublade so wirklich zuordnen lässt. Das Tabu des verwundbaren, schwulen, schwarzen Jungen im Ghetto – frei nach dem Motto: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf – den seine Vergangenheit nachhaltig bis ins Erwachsenenalter verfolgt, der sein wahres Ich ganz tief vergräbt und sich eine Fassade aufbaut, die dem entspricht, was die gesellschaftlichen Konventionen nahelegen, ist als Thema (trotz seiner vermeintlichen Alltäglichkeit) einzigartig. Das allgegenwärtige Ausleben von übermäßiger Männlichkeit und der glaubhafte Bruch im Lebensweg von Chiron sind schweres und anspruchsvolles Material, aber durchgehend faszinierend in Szene gesetzt und nie kitschig oder abgeschmackt.

Weit weg vom Bombast-Popcorn-Kino wird „Moonlight“ ganz sicher nicht jeden Zuschauer abholen, aber dieses spezielle und brillante Drama verdient seine Einstufung als Meisterwerk ohne Weiteres und sollte die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient.
Die digitale Fassung ist schon ab dem 21. August abrufbar und am 25. August kommt der Film dann endlich auf DVD und Blu-ray ins heimische Wohnzimmer – Filmfreunde sollten sich das nicht entgehen lassen!

Trailer

Inhalt

„Moonlight“ erzählt die berührende Geschichte des jungen Chiron, der in einem Problemviertel am Stadtrand von Miami aufwächst. Der Film begleitet entscheidende Momente in Chirons Leben von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter, in denen er sich selbst entdeckt, für seinen Platz in der Welt kämpft, seine große Liebe findet und diese wieder verliert.

(Quelle: DCM)

Moonlight – Homepage
Moonlight – Facebook

Details

Format: Widescreen
Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Französisch, Italienisch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: DCM
Erscheinungstermin: 25.08.2017
Produktionsjahr: 2016
Spieldauer: 111 Minuten
Extras: Making of, Premiere Berlin, Audiokommentar von Regisseur Barry Jenkins

Copyright Cover: DCM



Über den Autor

Fabian
Fabian
Warum denn so ernst?