Review

Südkoreas Ausnahmeregisseur Park Chan-wook ist Filmliebhabern hierzulande sicherlich mittlerweile ein Begriff. Vor allem seine Rachetrilogie, die nur lose durch das gemeinsame Thema Rache verbunden wird, bestehend aus „Sympathy for Mr. Vengeance“, dem jetzt schon klassischen „Oldboy“ (unbedingt anschauen!) sowie „Lady Vengeance“, machte ihn global bekannt.

Chan-wook steht für extremes, unangepasstes Kino. Er bietet dem Publikum keine leichte Kost, sondern will seine Zuschauer zum Nachdenken anregen. Dabei ist insbesondere seine Rachetrilogie auch von harten, expliziten Gewaltszenen geprägt, die dem Zuschauer auch in dieser Hinsicht einiges abverlangen.

Das Prestige, das der Filmemacher errungen hat, bescherte ihm auch einen äußerst prominenten Bewunderer: Der große Quentin Tarantino ist erklärter Fan des südkoreanischen Regisseurs. Im Jahr 2004 versuchte Tarantino noch als Präsident der Jury der Filmfestspiele von Cannes vergeblich „Oldboy“ mit der goldenen Palme auszuzeichnen. Dies gelang zwar nicht, aber das Meisterwerk erhielt immerhin den Großen Preis der Jury. Im Jahr 2017 wurde Chan-wook nunmehr selbst in die Wettbewerbsjury der 70. Filmfestspiele von Cannes berufen – so schließt sich der Kreis.

Nach der Vollendung seiner Rachetrilogie hatte der Autorenfilmer nach eigener Aussage das Gefühl, als wäre eine Ära in seiner Karriere zunächst abgeschlossen. Er wollte nicht wieder so etwas Ähnliches, also einen von Hass, Rache und Wahn getriebenen Film machen. Chan-wook verspürte das Verlangen, mal eine gänzlich andere Welt zu erkunden und vor allem auch eine solche, die sich – zumindest eingeschränkt – für ein jüngeres Publikum eignet.

Lim Su-jeong als Cha Young-goon in Park Chan-wooks „I’m a Cyborg, But That’s OK“ (Copyright: capelight pictures)

Und so erschien im Jahre 2006 mit I’m a Cyborg, But That’s OK“ seine schrill-bunte und skurrile Nervenheilanstalt-Liebesgeschichte, die capelight pictures dem geneigten Publikum in Deutschland nunmehr in einer wunderbaren „2-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook“ mit reichlich Bonusmaterial präsentiert.

Die junge Cha Young-goon (Lim Su-jeong) ist der festen Überzeugung, ein Cyborg zu sein. Zu Beginn des Films sehen wir sie noch neben anderen Arbeiterinnen monoton an einem Fließband arbeiten. Das soll sich jedoch schnell ändern, als sich die junge Frau die Pulsadern aufschneidet und ihren Körper an eine Steckdose anschließt, um sich aufzuladen. Freilich gehen die Experten von einem Suizidversuch aus und bringen Young-goon in eine Nervenheilanstalt. So wird bei ihr auch eine Anorexie diagnostiziert, da sie die Nahrung verweigert. Dabei tut sie dies schlicht, da Maschinen ja keine Nahrung benötigen. Sie leckt jedenfalls an Batterien, die sie in einer kleinen Tupperdose herumträgt, um ihren Energiebedarf zu decken. Das alles entgeht dem medizinischen Fachpersonal allerdings.

In der psychiatrischen Klinik trifft das Cyborg-Mädchen auf den jungen Mann Park Il-sun (R&B- und K-Pop-Sänger Rain; „Ninja Assassin“). Im Gegensatz zu den meisten Geisteskranken in der Anstalt hat sich dieser als antisozial geltende Dieb selbst eingeliefert. Dabei ist Il-sun kein üblicher Dieb. Er stiehlt den Menschen oftmals keine materiellen Güter, sondern Talente, Verhaltensweisen oder auch (schlechte) Angewohnheiten, wobei er auch in der Lage ist, diese wieder zurückzuübertragen. Während die Ärzte nicht mehr weiter wissen, findet der Außenseiter Zugang zu der mittlerweile stark unterernährten Young-goon. Aus Liebe zu ihr ist er bereit, sich mit ihren Wahnvorstellungen auseinanderzusetzen, in diese einzutauchen und alles Erdenkliche zu tun, um sie vor dem drohenden Hungertod zu retten. Dass dabei mitunter kreative Methoden nötig sind, dürfte sich von selbst verstehen.

Nur damit der Titel von „I’m a Cyborg, But That’s OK“ – auch nach der obigen Inhaltsangabe – nicht die falsche Zielgruppe anlockt: Es handelt sich hier nicht um einen Sci-Fi-Film mit drastischen Gewaltszenen à la Park Chan-wook, auch wenn der Film freilich nicht gänzlich frei von Gewalt ist.
Vielmehr handelt es sich hier tatsächlich um eine skurrile Liebesgeschichte mit finsteren Tönen, in der die Kraft der Liebe zweier ungewöhnlicher Außenseiterfiguren im Fokus steht. Am ehesten ähnelt der Film dabei noch Chan-wooks neuestem Streich Die Taschendiebin“ (erneut: unbedingt anschauen!), da in jenem verschachtelt erzählten Film jedenfalls auch eine komplexe und ungewöhnliche Liebesgeschichte thematisiert wird.

Dabei lebt die romantische Dramödie insbesondere auch von der außergewöhnlichen, ästhetischen Inszenierung ihres Schöpfers, der seinen inszenatorischen Einfällen und seiner überbordenden Fantasie hier freien Lauf lässt. Alles ist irgendwie bunt, schräg, witzig und originell und zieht den Zuschauer in seinen Bann.

Damit legt der Ausnahmeregisseur quasi einen Gegenentwurf zum typischen Anstaltsleben vor: Das Setting ist zwar das einer Tragödie mit vermeintlich unheilbar Kranken in einer Nervenklinik, doch hier ist das Leben in der pastellfarbenen Irrenanstalt größtenteils heller, fröhlicher und erfrischender, weniger schwermütig, als in der Realität in Szene gesetzt.
In seiner Inszenierung verschwimmt außerdem vielfach die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Fiktion und Realität. Das mag den Zuschauer hier und da auch überrumpeln.

Allerdings ist auch in I’m a Cyborg, But That’s OK“ zu jeder Zeit spürbar, dass der gelernte Philosoph Park Chan-wook sich viele Gedanken, auch über winzige Details, macht und nichts dem Zufall überlässt. So ist der Film zwar vordergründig (nur) eine virtuos erzählte Liebesgeschichte. Er ist – Chan-wook-typisch – natürlich aber darüber hinausgehend tiefgründig und reißt noch andere Themen an. So stellt sich hier zudem die Frage nach dem Sinn der Existenz beziehungsweise dem Sinn des Lebens, wenn sich die Mensch-Maschine fragt: Was ist meine Funktion auf der Welt? Wo ist mein Platz?

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte (Rain und Lim Su-jeong) in „I’m a Cyborg, But That’s OK“ (Copyright: capelight pictures)

Gut gespielt werden die tragenden Rollen von den Protagonisten Lim Su-jeong und Rain, die als liebenswürdige, markante und streckenweise abgedrehte Außenseiter einen hervorragenden Job machen.

Wie bereits angedeutet, ist das Kino des südkoreanischen Filmregisseurs zumeist keine leichte Kost und so liegt der Fall auch bei dem hiesigen sympathisch-skurrilen Cyborg-Märchen. Liebhaber und Bewunderer werden das intellektuell und anspruchsvoll unterhaltend nennen, andere werden eher zu der Einschätzung prätentiös, verkopft oder überdreht neigen. Die Filme von Südkoreas Ausnahmeregisseur sind ganz sicher nicht jedermanns Sache. Wer Lust auf experimentierfreudiges Kino, fernab der seichten Popcorn-Massenware hat, der kommt hier indes ganz bestimmt auf seine Kosten.

Seit dem 13. Juli ist I’m a Cyborg, But That’s OK“ als wunderbare 2-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook, aber auch schlicht auf DVD erhältlich und alle, die sich für Filme im Allgemeinen und vor allem für kauzige, eigenwillige Geschichten begeistern können, sollten mal einen Blick riskieren.

Trailer

Inhalt

Fest davon überzeugt, ein Cyborg zu sein, schließt Young-goon (Lim Soo-jung) ihren Körper an eine Steckdose an, um sich aufzuladen. Sie überlebt den Stromschlag und wird in eine Nervenklinik eingewiesen, wo die Ärzte von einem Suizidversuch ausgehen. Young-goon hingegen begibt sich auf die Suche nach dem Sinn ihrer Existenz als Mensch-Maschine: Sie empfängt Signale aus dem Radio, holt sich Rat bei ihrer Bettlampe und unterhält sich mit dem Getränkeautomaten. Da Cyborgs keine Nahrung zu sich nehmen, leckt sie an Batterien, um ihren Energiebedarf zu decken. Die Ärzte wissen nicht mehr weiter. Einzig der Patient Il-sun (Rain) findet Zugang zu der mittlerweile stark Unterernährten. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Romanze, weshalb Il-sun alles Erdenkliche versucht, um Young-goon vor dem drohenden Hungertod zu bewahren.

(Quelle: capelight pictures)

Details

Format: Digital Sound, Dolby, PAL
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Koreanisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 2
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: capelight pictures
Erscheinungstermin: 13.07.2018
Produktionsjahr: 2006
Spieldauer: 107 Minuten

Copyright Cover: capelight pictures



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Oh, du glaubst, Dunkelheit ist deine Verbündete? Für dich ist Finsternis eine Waffe. Ich wurde in ihr geboren. Von ihr geformt. Ich habe das Licht erst erblickt, als ich bereits ein Mann war. Damals hat es mich nur geblendet!" (BANE, The Dark Knight Rises)