Review

„I, Tonya“ von Regisseur Craig Gillespie („The Finest Hours“, „Fright Night“) und Drehbuchautor Steven Rogers ist ein Biopic über die ehemalige US-amerikanische Eiskunstläuferin Tonya Harding.

Warum soll ich mir denn einen Film über eine Eisprinzessin anschauen, wird sich der eine oder andere jetzt fragen. Weil die Geschichte dieser Eiskunstläuferin ausgesprochen unterhaltsam ist, selbst wenn man mit dem Eiskunstlauf so überhaupt nichts anfangen kann.

Handlung und biografischer Hintergrund

Tonya Harding (als Teenager: Mckenna Grace; im Erwachsenenalter: Margot Robbie) war in ihrer aktiven Zeit wohl eine der besten Eiskunstläuferinnen Amerikas. Als erste Amerikanerin überhaupt schaffte Tonya innerhalb eines Wettbewerbs gleich zweimal den sogenannten Dreifach-Axel, der zu den anspruchvollsten Sprüngen im Eiskunstlauf zählt.

Margot Robbie in der titelgebenden Hauptrolle der Tonya Harding (Copyright: dcm / Universum Film)

Globale Berühmtheit erlangte Tonya jedoch weniger für ihre Errungenschaften als Eiskunstläuferin denn vielmehr wegen des „Vorfalls“ – dem „Eisenstangen-Anschlag“ auf ihre Erzrivalin Nancy Kerrigan (Caitlin Carver) im Vorfeld der Olym­pi­schen Winterspiele 1994.
Ihr erster Freund und damaliger Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stanbeauftragte und bezahlte den Attentäter für die Ausführung dieses Attentats, wobei die Einzelheiten äußerst umstritten sind.
Tonya, nur noch vormals bekannt dafür, in einer Kür als erste US-Amerikanerin und zweite Frau überhaupt den dreifachen Axel gestanden zu sein, ist nunmehr in der Öffentlichkeit bekannt als „Eishexe“.

Über Jahre bestritt die Eiskunstläuferin zwar jedes Mitwissen. Allerdings zerbrach unter dem stümperhaft durchgeführten Attentat, das ihre Erzrivalin trainingsunfähig machen und Tonya den Sieg bei den amerikanischen Meisterschaften sichern sollte, ihre bis dahin aussichtsreiche Karriere.

Da Tonya infolgedessen insbesondere für alle Eiskunstlaufmeisterschaften lebenslang gesperrt wurde, versuchte sie sich später gar als Boxerin im Ring.

Der amerikanische Albtraum

Die größtenteils wahre Geschichte der Eiskunstläuferin Tonya Harding ist im wahrsten Sinne des Wortes der amerikanische Albtraum und nicht die klassische „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichte rund um den glorreichen Pursuit of Happiness“.

Tonya ist schon als kleines Kind äußerst talentiert und versiert im Eiskunstlauf und erzielt schnell Erfolge. Indes will sie in das Bild der jungen und hübschen Eisprinzessin nicht hineinpassen. In einer Welt, in der der Schein mindestens ebenso viel zählt wie Leistungsfähigkeit, -bereitschaft und Können, eckt Tonya regelmäßig mit den Punktrichtern an. Ihre recht plumpe äußere Erscheinung, ihre Musikauswahl sowie ihr proletenhaftes Benehmen entsprechen nicht dem Idealbild der Eiskunstläuferin.

Tonya ist der typische Bilderbuch-Redneck, eine Angehörige der weißen Unterschicht, dem Trailer ParkWhite Trash. Dieses Image bereitet ihr in der Eiskunstlaufkarriere immer wieder Schwierigkeiten. Da hilft es auch nicht gerade, dass die perfekte Eiskunstläuferin über eine gesunde, heile Familie verfügen sollte. Denn schließlich wird Tonya von ihrem Vater früh verlassen, die erfolgshungrige und rücksichtslose Mutter LaVona (Allison Janney) raucht, trinkt und misshandelt sie und auch ihr späterer Ehemann Jeff Gillooly verprügelt sie regelmäßig und schoss sogar auf sie.

Die Machart des Films

Dies alles vorausgeschickt, wird auch klar, dass diese Filmbiografie auch eine Underdog-Geschichte erzählt – wenn auch keine Rocky Balboa-Story.

Dem ganzen Team gelingt hier eine perfekte Gratwanderung zwischen Drama und Komik, wobei der Film niemals in billigen Klamauk abzudriften droht. Es ist eine vielschichtige Geschichte um einen der verrücktesten Skandale der Sportgeschichte. Daher ist der Film auch nicht schwarz oder weiß, sondern nuanciert und grau. Mitunter brüllend komisch, dann wieder tragisch, bekommt das Publikum vorliegend verschiedene emotionale Facetten geboten.

Regisseur Craig Gillespie nimmt seine Figuren ernst und findet dennoch ausreichend Möglichkeiten, sie infrage zu stellen und herzhaft über sie zu lachen. Dergestalt bewahrt er aber die Würde der Akteure und verspottet sie nicht oder gibt sie gar der Lächerlichkeit preis. Indes werden die Taten auch nicht glorifiziert und beschönigt.

Darüber hinaus weiß der gelungene und eingängige Soundtrack ebenso zu überzeugen wie die kreative und eigenwillige Inszenierung. Der Film beginnt schon mit Interviews im Mockumentary-Stil, die er auch immer wieder aufgreift Die Charaktere durchbrechen des Öfteren die vierte Wand, indem sie direkt zum Zuschauer sprechen. Und auch die Kostüme strotzen vor Liebe zum Detail.

Der Cast

Der Cast ist schlicht und ergreifend umwerfend.

Allen voran ist hier die bezaubernde Margot Robbie zu nennen. Sie verkörpert nicht nur die Protagonistin, sondern hat „I, Tonya“ – trotz ihres noch jungen Alters – auch mitproduziert. Schon nach ihrer Performance in „The Wolf of Wall Street“ durfte man glauben: A new star is born“. Und auch in DCs Totalausfall „Suicide Squad“ war sie in der Rolle der verrückten Harley Quinn das große Highlight. Für ihre Darstellung der „trashy Tonya“ wurde sie völlig zu Recht für einen Oscar und einen Golden Globe Award, jeweils in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin“, nominiert. Meines Erachtens wiederum zu Recht musste sie sich aber der übermächtigen Konkurrenz durch die brutal starke Frances McDormand („Hail, Caesar!“, „Fargo“) im bisher womöglich besten Film des Jahres „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ geschlagen geben.

Allison Janney als exzentrische Eiskunstlauf-Mutter LaVona Golden (Copyright: dcm / Universum Film)

Überragend ist auch Allison Janney („Mom“) als schrullige, biestige und kettenrauchende „AssiMutter“, die für ihre Glanzleistung als exzentrische LaVona unter anderem mit dem Oscar und Golden Globe Award 2018 als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde.

Sebastian Stan (Winter Soldier im MCU; „Avengers: Infinity War„) gelingt es, in dem Liebeswahnsinn mit Tonya den optimalen Konterpart abzugeben. Er schafft es, einen gewaltsamen Kerl für das Publikum dennoch irgendwie zugänglich zu machen.

Fazit

Die schwarze Komödie „I, Tonya“ – mitunter im Stil einer Mockumentary – sollten sich Cineasten und Filmfreunde auf keinen Fall entgehen lassen. Herausragend besetzt, kreativ inszeniert, urkomisch und tragisch zugleich.

Trailer

Inhalt

Mit viel schwarzem Humor erzählt „I, Tonya“ die unglaubliche, aber wahre Geschichte der Eiskunstläuferin Tonya Harding, um die sich einer der größten und verrücktesten Skandale der Sportgeschichte rankt. Als erste Amerikanerin schaffte Tonya innerhalb eines Wettbewerbs gleich zweimal den sogenannten Dreifach-Axel, der zu den anspruchvollsten Sprüngen im Eiskunstlauf zählt. Ihr Name wird jedoch für alle Zeiten mit dem schlecht geplanten und 1994 stümperhaft durchgeführten Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan in Verbindung bleiben, das ihre Erzrivalin trainingsunfähig machen und Tonya den Sieg bei den amerikanischen Meisterschaften sichern sollte. Doch es kam anders …

(Quelle: dcm)

„I, Tonya“ – Facebook

Details

Format: Widescreen
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.40:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: dcm / Universum Film
Erscheinungstermin: 24.08.2018
Produktionsjahr: 2017
Spieldauer: 120 Minuten
Extras: Making-of

Copyright Cover: DCM



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)