Review

Mit „Ghostland“ legt der berüchtigte französische Regisseur und Drehbuchautor Pascal Laugier zwar erst seinen vierten Spielfilm vor, seinen Platz unter den Größen des Horror-Genres hat der virtuose Filmemacher dennoch schon sicher.

Denn vor zehn Jahren präsentierte Laugier mit dem transzendentalen Folterepos „Martyrs“ (zunächst „SPIO/JK geprüft: strafrechtlich unbedenklich“; im Juli 2012 dann von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf Liste A indiziert) einen bis dato wohl unvergleichlichen und heftigen Horrortrip, der zugleich auch den Zenit des französischen Extrem-Horrors, der New French Extremity, darstellte. Ein Film, der sich nicht nur durch seine exzessive und harte Gewaltdarstellung auszeichnet, sondern den Zuschauer noch lange nach Filmende verfolgt und nachdenklich zurücklässt.

Dementsprechend erwartungsvoll und begierig dürften Laugier-Fans seinem neuen Film „Ghostland“ beziehungsweise Incident in a Ghostland“ entgegengeblickt haben.

Nach dem Tod ihrer Tante beziehen die ungleichen Schwestern, die kreative und eigenbrötlerische Beth (Emilia Jones; unbedingt anschauen „Brimstone) und die vorlaute, pubertäre Vera (Taylor Hickson) mit ihrer Mutter Pauline (Mylène Farmer) das alte, einsame Haus der Verstorbenen. Bei diesem mit etlichen Puppen und kitschigem Schnickschnack vollgestopften Gemäuer handelt es sich geradezu um das typische „Horror House“ wie aus dem Horrorhaus-Katalog. Doch der kleinen Familie bleibt gar keine Zeit, um sich hier einzuleben. Gleich in der allerersten Nacht im neuen Heim werden sie von zwei erbarmungslosen Psychopathen überfallen. Die widerspenstige Mutter Pauline kämpft jedoch wie eine Löwin für ihre Töchter und kann die Angreifer in einem blutigen Überlebenskampf überwältigen.

Dieses Trauma hat die Familie jedoch nachhaltig und einschneidend erschüttert. Im Erwachsenenalter hat die von Alpträumen geplagte Beth (nunmehr Crystal Reed) das Ganze wohl noch am besten verarbeitet. Sie hat ihre persönliche Bewältigungsstrategie im Schreiben gefunden und ist Bestsellerlisten-Autorin von Horrorliteratur. Vor allem ihr persönliches Werk Incident in a Ghostland“ wird ein großer Erfolg.

Ihre Mutter und Vera (nunmehr Anastasia Phillips) hingegen leben immer noch in dem alten Horrorhaus. Vera leidet mittlerweile unter paranoiden Wahnvorstellungen und beansprucht dauerhaft die Betreuung der Mutter. Eines Tages bittet Vera Beth jedoch am Telefon, zu ihr zurückzukommen und sie nicht mehr allein zu lassen. Da Beth ihre Mutter nicht erreichen kann, kehrt sie an den Ort des Verbrechens zurück. Hier werden die Erinnerungen an den Vorfall allerdings schnell wieder wach …

Nach dieser Inhaltsangabe seien einige kurze Hinweise erlaubt: Trotz des Titels „Ghostland“ handelt es sich bei Pascal Laugiers neuem Werk nicht um einen Geisterfilm und das alte Haus der Tante ist auch kein Spukhaus. Wer Derartiges erwartet, wird hier nicht glücklich werden. Darüber hinaus ist es überaus ratsam, sich „Ghostland“ so unvoreingenommen und unvorbereitet wie möglich hinzugeben, denn nur dann kann der Film seine Wirkung gänzlich entfalten.

Gerade das oben beschriebene Setting, auch die Inhaltsangabe und der Trailer mögen womöglich klischeebeladen und stereotyp wirken, doch der Film ist alles andere als das, fühlt sich vielmehr frisch und unverbraucht an. Der Terrorfilm hat nämlich einen richtig schönen, fiesen Twist zu einem äußerst ungewöhnlichen Zeitpunkt zu bieten, den selbst der erfahrene Cineast nicht kommen sieht und der eine gewisse erfrischende Unberechenbarkeit (auch für den gesamten übrigen Film) schafft. Mehr soll hierzu aber wirklich nicht verraten werden.
Da ich den Film mittlerweile aber bereits zweimal angeschaut habe, kann ich verraten, dass er auch bei Kenntnis der fiesen Wendung noch auf den Zuschauer wirkt. Freilich zieht er ihm dann nicht mehr dermaßen rücksichtslos den Boden unter den Füßen weg. Doch Pascal Laugier liefert hier wieder ein rundes Gesamtpaket ab.

Emilia Jones als junge Beth in Pascal Laugiers „Ghostland“ (Copyright: capelight pictures)

Er inszeniert einen atmosphärisch dichten und kompromisslosen Terrorfilm, der zwar auch hart inszenierte Gewaltszenen aufweist, aber mehr noch vom erbarmungslosen Nervenkitzel lebt. Hier gibt es etliche echte „Gänsehaut“-Momente, die man bei der mitunter weichgespülten und immer gleichen, dümmlichen Hollywood-Konkurrenz, gerade im Horror-Genre mit den ständigen Jump-Scares als Allheilmittel, zumeist vergeblich sucht.
Laugier erzählt seinen Film straff und entführt uns auf eine düstere, verstörende und beklemmende Reise, in deren Verlauf er uns sicherlich auch mental zusetzt. Und wenn der Film jetzt auch mit einer FSK 16-Freigabe gekennzeichnet ist, so ist er sicherlich dennoch nichts für die zartbesaiteten unter den Filmliebhabern.

Bemängeln möchte man womöglich, dass es keine greifbare Motivation für das Verhalten der Täter gibt. Andererseits ist deren Undurchsichtig- und Unberechenbarkeit wohl auch wieder ein Plus. Dass der virtuose Horror-Spezialist hier diverse Filmzitate anbringt und Anleihen bei Genre-Klassikern macht, stört dagegen überhaupt nicht und ist wohl eher als Verbeugung vor seinen Vorbildern zu begreifen.

Einer der emotional packendsten, spannendsten Horrorfilme, die ich seit einiger Zeit gesehen habe. „Ghostland“ ist eine kleine Genre-Perle, die sich Freunde des guten Horrorfilms auf keinen Fall entgehen lassen sollten.

Trailer

Inhalt

Nach dem Tod ihrer Tante bezieht Pauline (Mylène Farmer) mit ihren Töchtern Beth (Crystal Reed) und Vera (Anastasia Phillips) das alte, mit Kuriositäten vollgestopfte Haus der Verstorbenen. Gleich in der ersten Nacht im neuen Heim werden sie von brutalen Einbrechern überfallen. Das Trauma sitzt tief und prägt die Schwestern bis ins Erwachsenenalter. Beth hat ihre persönliche Bewältigungsstrategie im Schreiben gefunden und ist erfolgreiche Autorin von Horrorliteratur. Vera hingegen lebt immer noch mit ihrer Mutter in dem alten Haus, leidet unter paranoiden Wahnvorstellungen und verliert zunehmend den Verstand. 16 Jahre nach dem Vorfall kehrt Beth an den Ort des Geschehens zurück – was sich als schrecklicher Fehler erweist …

(Quelle: capelight pictures)

Details

Format: Dolby, PAL, Widescreen
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: capelight pictures
Erscheinungstermin: 10.08.2018
Produktionsjahr: 2018
Spieldauer: 91 Minuten

Copyright Cover: capelight pictures



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)